Deerhunter - Monomania

Deerhunter- Monomania

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 03.05.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Ach und Krach

Der Optimierungswahn zwingt den Menschen zu immer obskureren Survival-Strategien. Wir müssen fitter, klüger, schöner sein als je zuvor, ohne dabei jedoch die Work-Life-Balance aus den Augen zu verlieren. Ist doch klar. Doch manche Dinge lassen sich nicht weiter verbessern, da das Maximum schon erreicht ist. Aufhören, wenn es am Schönsten ist: auch keine Option. Schlussendlich heißt es: Weitermachen, aber anders. Neue Wege gehen, in andere Richtungen denken, sich selbst auf die Probe stellen. Der FC Bayern beispielsweise wagt mit Pep Guardiola und Mario Götze nach einer fast perfekten Bundesliga-Spielzeit den Mini-Umbruch und wird nächste Saison das bajuwarische Tiki-Taka kultivieren.

Die amerikanische Indie-Band Deerhunter verzichtet auf millionenschwere Neuzugänge, entscheidet sich aber ebenso für die Option Neuausrichtung. Nach dem groß angelegten Meisterwerk "Halcyon digest" von 2010 klingen die Herren um den exzentrischen Selbstdarsteller Bradford Cox auf ihrem nunmehr fünften Album deutlich krachiger, ohne aber auch nur eine Sekunde schnöden Noiserock zu spielen. Dennoch verwundert der erste Eindruck: Der Sound ist kaum wiederzuerkennen, elegisch-tänzelnde Dreampop-Nummern wie das fantastische "Sailing" sind deutlich in der Unterzahl. Stattdessen bekommt man Hall, verzerrte Gitarren, verwaschenen Sound und kurze, sauber gesetzte Tritte in die Magengegend. Deerhunters Wandlung kam plötzlich, ist aber letztendlich ein Glücksfall für alle Zweifler und Haderer.

"Monomania" generiert sich als Umbruchs- und Übergangsplatte, für die die beiden Köpfe hinter Deerhunter, Cox und Lotus-Plaza-Betreiber Lockett Pundt, neue Ausdrucksweisen suchen und - wie es sich für derart talentierte Burschen gehört - auch finden. "Neon junkyard", der stimmig betitelte Opener, dümpelt in den knapp drei Minuten herrlich rauschhaft vor sich hin, während Cox einmal mehr seinen kryptischen Bewusstseinsstrom auf den Hörer niederregnen lässt, der mit metaphernreicher Sprache komische Bilder erzeugt: "Finding the fluorescence in the junk / By night illuminates the day / Finding ancient language in the blood / Fading a little more each day." Im darauf folgenden "Leather jacket II" entzünden Deerhunter ihre verzerrten Gitarren und frönen dem verhallten Feedback, wie es dereinst auch die großen Velvet Underground taten.

Im Zentrum aller Bemühungen stehen aber immer die Melodien, die Distortion wird niemals zum reinen Selbstzweck. Sicherlich ist das die größte Leistung des Quintetts aus Atlanta. Ihre Stücke sind feingliedrige, sensibel komponierte Konstrukte, die durch die vielen Effekte an Charakter gewinnen. Massenkompatibilität geht anders, steht hier aber ohnehin nicht auf der Agenda. Und doch gibt es auch auf "Monomania" einige große Pop-Momente, die ohne Hall und Verzerrung auskommen. "The missing" ist ein feiner Straßenfeger, aus dem Arcade Fire wohl eine Stadionhymne gemacht hätten.

Gegen Ende lassen Deerhunter immer mehr die Leinen los. "Sleepwalking" hätte auch "Halcyon digest" gut zu Gesicht gestanden, "Back to the middle" gefällt sich in seiner Punkigkeit selbst ganz besonders gut und der Titelsong ist ein löchriges, fünfminütiges No-Wave-Ungetüm. Ebenjenen Song performten Deerhunter auch bei US-Talker Jimmy Fallon und inszenierten sich dabei als waschechte Freaks mit einem ausgereiften Hang zu Kontrollverlust, seltsamen Perücken und fehlenden Körperteilen. Vielleicht kann man solche Aktionen als wirkungsvolles Statement gegen die ewige Selbstoptimierung werten. Oder einfach als lustigen Rockstar-Quatsch. So oder so: Die Operation Neujustierung ist geglückt, alle Schrauben sind jetzt locker.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Neon junkyard
  • The missing
  • Blue agent

Tracklist

  1. Neon junkyard
  2. Leather jacket II
  3. The missing
  4. Pensacola
  5. Dream captain
  6. Blue agent
  7. T.H.M.
  8. Sleepwalking
  9. Back to the middle
  10. Monomania
  11. Nitebike
  12. Punk (La vie antérieure)

Gesamtspielzeit: 43:21 min.

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User Beitrag

Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2013-08-22 11:41:26 Uhr
Nur zum Debut konnte ich bisher immernoch keinen Zugang finden.

Du hast das Debüt "Turn It Up Faggot"? o.O
Oder meinst du die "Cryptograms"?

Eliminator Jr.

Postings: 676

Registriert seit 14.06.2013

2013-08-22 11:12:02 Uhr
Mir ging's da wie Demon Cleaner. War von 'Halcyon Digest' komplett begeistert und 'Monomania' war dann auch nach mehreren Hördurchgängen noch ziemlich enttäuschend, nur der Titeltrack wollte mir gefallen. Nach dem Auftritt auf dem OFF hab ich die Platte auf der Rückfahrt um vier Uhr morgens im Auto aufgelegt und es hat gezündet. 'Neon Junkyard', 'The Missing' und der Titeltrack gehören zu ihren besten Songs und der gewollt kaputte Sound der Platte macht richtig Spaß.
Zum Weiterhören empfehle ich 'Microcastle', mMn die bis heute stimmigste Platte von ihnen. Auch die 'Rainwater Cassette Exchange' EP macht richtig Spaß. Nur zum Debut konnte ich bisher immernoch keinen Zugang finden. Kommt aber bestimmt auch noch.

Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2013-08-22 10:46:07 Uhr
Die lohnen sich auch, obwohl ich davon keine so stark finde wie "Halcyon Digest" oder "Monomania".

Deaf

Postings: 31

Registriert seit 14.06.2013

2013-08-22 08:29:31 Uhr
Immer wieder interessant, wie unterschiedlich Hörempfindungen sind. Ich fand "Monomania" schon nach dem ersten Hördurchgang eingängig, "Halcyon Digest" brauchte hingegen deutlich mehr Zeit.

Finde zweitere mittlerweile stärker, aber die aktuelle Platte ist und bleibt ein starkes Stück. Jetzt muss ich endlich mal auch die älteren Alben entdecken gehen.

Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2013-08-21 23:54:53 Uhr
Seit langem mal wieder ein Album, das sich mit der Zeit erst reinfräst. "Halcyon Digest" habe ich ab Anfang geliebt und war doch sehr enttäuscht hier. Zu Unrecht - diese Kaputtheit muss sich erschließen, aber in den richtigen Momenten passt das Album einfach perfekt.
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