Robyn Hitchcock - Love from London

Robyn Hitchcock- Love from London

Yep Roc / Cargo
VÖ: 08.03.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Auge und Ohr

Heute schon geheiratet? Falls nicht und sofern man sich gerade in den USA befindet: Robyn Hitchcock hilft gerne. Der Brite bekleidet dort nämlich das Amt eines "minister of the Universal Life Church of Arizona" und ist als solcher ermächtigt, Eheschließungen vorzunehmen - in der Vergangenheit zum Beispiel die zwischen Colin Meloy von den Decemberists und dessen Frau Carson Ellis. Und da die Party zu Hitchcocks 60. Geburtstag Anfang März längst beendet und sein neues Album bereits erschienen ist, dürfte der Mann ja wieder genug Termine frei haben. Es sei denn, er frönt gerade der Malerei, seinem zweiten künstlerischen Standbein. Doch auch für überzeugte Singles und / oder Kunstbanausen empfiehlt sich stets ein Wiederhören mit dem vielseitig talentierten Songwriter.

Diese Empfehlung gilt nicht erst seit seiner endsiebziger Psych-Rock-Band The Soft Boys und Soloplatten wie "Fegmania!" oder "I often dream of trains" - auch wer bei "Love from London" ganz Auge und Ohr ist, wird belohnt. Mit Songs, die in ihrer sanften Entrücktheit und feinen Melancholie lange nicht so viele Fliegen im Kopf haben, wie das - natürlich von Hitchcock eigenhändig auf die Leinwand gebrachte - giftgrün glotzende Cover vermuten lässt. Würde Syd Barrett heute noch versonnen in seinem Garten vor sich hinklimpern und Paul Roland weiter Glasvioline spielen, statt Joy Division zu covern, käme das diesem Album vermutlich ziemlich nahe. Die Beatles und inbesondere den John Lennon der "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band"-Phase wird Hitchcock ohnehin ausgiebig - Verzeihung - inhaliert haben. Aber nicht, dass hier jemand auf dumme Gedanken kommt.

Denn das ist ohnehin unwahrscheinlich bei so einer aufgeräumten Platte wie "Love from London", auf der Hitchcock seine Kernkompetenzen mit der Souveränität eines alten beziehungsweise ehemaligen Pappenheimers ausspielt. Wunderbare elektrische Folk-Schlaflieder wie "Be still" etwa gehörten schon immer zu seinen Spezialitäten - inklusive vorwitzig sägendes Cello und Ohrwurmfortsatz lange nach dem Verklingen. Auch die surreale Abgehobenheit, mit der sich Hitchcock zum hypnotischen Gitarrenloop von "Strawberries dress" mit dem British Telecom Tower unterhält, ist ebenso sacht wie der perkussive Piano-Taumel "Stupefied", in dem die Irrungen allenfalls von emotionaler Unwucht herrühren: "Ain't no money on the ceiling / Ain't no ceiling on the floor / Got that terrifying feeling / You don't love me any more."

Aber auch diese Erschütterungen gehen vorbei. Spätestens, wenn ein schleifender Backbeat einsetzt, die Stromgitarre fiept und Hitchcock in "I love you" signalisiert, dass alles wieder zum Besten steht, können und dürfen Leben, Liebe und Rockmusik wieder wunderbar einfach sein. Selbst wenn einmal der Leibhaftige dazwischenfunkt, schwingt auch er bald den Huf - zum punktgenauen Acid-Rocker "Devil on a string", dessen Bassgeige raffiniert die Synthie-Melodie des B-52's-Heulers "Planet Claire" adaptiert. "Death and love" beteuert wenig später glaubwürdig "I will be a fool no more", und so könnte es getrost bis zum "End of time" weitergehen - doch wer weiß, wo der hyperaktive Hitchcock inzwischen schon wieder ist. Doch wenn sich mal wieder ein scheidender Fußballfunktionär mit den Worten "Ich werde die Hände in den Schoß legen und wieder zum Pinsel greifen" verabschiedet, sollte dazu bitte "Love from London" laufen.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Be still
  • I love you
  • Devil on a string
  • Strawberries dress

Tracklist

  1. Harry's song
  2. Be still
  3. Stupefied
  4. I love you
  5. Devil on a string
  6. Strawberries dress
  7. Death and love
  8. Fix you
  9. My rain
  10. End of time

Gesamtspielzeit: 40:45 min.

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