Thos Henley - In hearing taste

Thos Henley- In hearing taste

K&F / Broken Silence
VÖ: 15.03.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Wandern zwischen Welten

Seine eindrucksvolle Sammlung an Schulverweisen bewog 1933 den damals 18-jährigen Patrick Leigh Fermor dazu, der Lehranstalt endgültig den Rücken zu kehren, um sich fortan voll und ganz der Schule des Lebens widmen zu können. Erste Außer-Haus-Aufgabe: nach Istanbul wandern. Von London aus sind das 2890 Kilometer und 380 Meter. Wer gut zu Fuß ist, schafft den Weg in nur 586 Stunden, inklusive Fährstrecke. Fermor brauchte länger, weil er unterwegs diverse Geschichten erleben musste, die er allerdings erst Jahrzehnte später aufschrieb. Unter anderem in seinem 1986 erschienenen Buch "Zwischen Wäldern und Wasser". Zu diesem Zeitpunkt war Thomas James - kurz: Thos - Henley noch nicht einmal geboren. Er kam erst ein Jahr später zur Welt, wuchs im beschaulichen südenglischen Dorf Netley auf und war ein außergewöhnliches Kind. Denn sein Interesse galt schon früh alter Musik und Reiseliteratur. Patrick Leigh Fermor war einer seiner Helden.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch Henley zu einer langen Wanderung aufbrechen würde, um zumindest einige der Orte zu besuchen, die er aus den Büchern, die ihm so viel bedeuteten, kannte. Mit zwanzig, das ist ein halbes Jahrzehnt her, schnürte er schließlich seine festen Schuhe, schnallte seinen Rucksack locker auf den Rücken, nahm den Gitarrenkoffer und verließ seine Heimat. Sein Weg führte ihn, tatsächlich fast immer zu Fuß, nach Frankreich, Schweden, Griechenland und schließlich auch nach Deutschland. Seit einiger Zeit lebt er in Dresden und veröffentlicht nun bei dem sympathischen Label "Kumpels & Friends" sein Debüt "In hearing taste", das mit einem Intro namens "The woods" und dem Outro "The water" Fermors erwähntem Werk "Zwischen Wäldern und Wasser" huldigt. Auch der Albumtitel wurde vom Schriftsteller inspiriert, der seine Briefe aus der Ferne gerne mit den Worten "In tearing haste" beschloss, was übersetzt so viel heißt wie: in hinfortreißender Eile.

Übereilt wirkt auf diesem Album jedoch rein gar nichts, ganz im Gegenteil: Henleys Stücke ruhen in sich selbst und sind so klar strukturiert wie der Inhalt eines fachmännisch gepackten Koffers, die Melodien zuoberst. Ein abenteuerliches Intro weist den Weg - es klingt nach abhebendem Raumschiff, nach geheimnisvoller Erfinderwerkstatt, nach einer Expedition durch die Kanalisation. Bis sich schließlich das Dickicht lichtet, Instrumente zu erkennen sind und sich Konturen abzeichnen. Die stärkste von ihnen ist Henleys Stimme, für die man sogar ungestraft die Floskel "durch Mark und Bein" bemühen dürfte. Dennoch bleibt sie stets angenehm unprätentiös, was Henleys Liedern mindestens die Größe eines Viermann-Zelts verleiht. Seine instrumentale Begleitung ist dabei, ganz wie das Gepäck eines Wanderers, auf das Nötigste reduziert, und fast immer steht eine Gitarre im Mittelpunkt.

Die ewige Wegkreuzung der Liebe, an der man nur zu gerne immer wieder falsch abbiegt, ist eines von Henleys favorisierten Themen. Bereits das erste Stück, "All my whistling has gone", ist einer gewissen Anita gewidmet, die es mittlerweile längst woanders hin verschlagen hat: "But you're not here / To read the words I write / Or hear the songs I sing / Or to learn all the other things / I have learnt by speaking Swedish / The language where love begins." Doch auch zum Französischen pflegt Henley eine zärtliche Beziehung. Und so verwundert es nicht, dass ein Lied "Le vin rouge de la jeunesse" heißt - gesungen wird es dann aber doch in englischer Sprache. Das Stück ist in seiner Symbiose aus Wein- und Harmonieseligkeit allerdings so einnehmend, dass man diesen Etikettenschwindel sofort verzeiht.

"You're no Atlas" wird nicht nur von einer dezent angebluesten elektrischen Gitarre, sondern auch von einer vorlauten Violine begleitet, und bildet mit seiner Leichtigkeit einen deutlichen Kontrast zur brokatschweren Trennungs-Coda "High & mighty". Das darauffolgende, zur sanften Klampfe dargebotene "Jade Elizabeth" ist ebenfalls einer Dame gewidmet - es handelt sich um einen musikalischen Gruß an Henleys Schwester zu deren 18. Geburtstag, der mit den Worten "I've thought of a thousand ways to say / That I may not come home" beschlossen wird. "Love's comedy" und "Our day in Venice" konzentrieren sich ausnahmsweise mehr auf den Groove als auf die Melodie, während "The royal road" Henleys Stimme einen Hall verleiht, der noch aus den goldenen Zeiten des Rock'n'Roll zu stammen scheint. Seine Melodien und Refrains sind hingegen wie Straßenhunde, die man einmal gefüttert hat: Man wird sie nicht mehr los. So auch jene von "Tragically" und "Final farewell", die gleichzeitig beweisen, dass der Engländer auch ein außerordentlich begabter Poet ist - Fermor wäre stolz auf ihn gewesen. Aber auch unabhängig davon verdient "In hearing taste" eine Menge Aufmerksamkeit. Und mindestens einen Wanderpokal.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • All my whistling has gone
  • High & mighty
  • Jade Elizabeth
  • The royal road

Tracklist

  1. The woods
  2. All my whistling has gone
  3. In hearing taste
  4. Le vin rouge de la jeunesse
  5. You're no Atlas
  6. High & mighty
  7. Jade Elizabeth
  8. Love's comedy
  9. Our day in Venice
  10. The royal road
  11. Tragically
  12. Final farewell
  13. The water

Gesamtspielzeit: 46:01 min.

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