Kurt Vile - Wakin on a pretty daze

Kurt Vile- Wakin on a pretty daze

Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 05.04.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Nimm Dir Zeit

Jeder kennt so einen Menschen. Wir alle haben einen im Freundeskreis oder in der Familie - oder beides. Einen, der meint, man könne ihm musiktechnisch nichts mehr beibringen, weil er eh alles kennt und alles hat. Das neue Album von der früheren Lieblingsband? Klar, längst auf der Festplatte. Die Diskografie dieser Sängerin, die die Schwester so gerne mag? Sowieso. Aber spielt man diesem Freund mal einen Song vor, der womöglich auch noch von genau einem dieser Alben stammt, hat er keine Ahnung. Jäger und Sammler, ja, aber wirklich ein Musikfan, ein Hörer, ein Genießer? Wohl eher nicht. Es gibt sie eben. Diese Leute, die jeden Song eine halbe Minute hören und dann vor lauter Eifer schon zum nächsten übergehen. Eine Katastrophe, mit so jemandem im Auto zu sitzen: "Hör mal, hier, der eine Song, total geil, oder? Und der hier! UND DER HIER!" Furchtbar.

Eines darf gewiss gesagt werden: Für diese Menschen ist "Wakin on a pretty daze", das neue Album von Kurt Vile, nicht geeignet. Hier gibt es kein Fast Food, sondern ein Fünf-Gänge-Menü mit jeweils neuem Besteck. Schon die erste Single "Wakin on a pretty day" ist zugegebenerweise eine echte Herausforderung mit knapp zehn Minuten. Von "überstehen" kann hier allerdings keine Rede sein: Ein entspannter Vile entführt jeden, der sich traut, auf einen angenehm sonnigen Roadtrip im lockeren Rhythmus, während das erste von zwei Gitarrensoli zur Mitte hin für etwas Abwechslung sorgt, bis das Ex-Mitglied von The War On Drugs im gewohnt schnodderiger Manier zeigt, wie der Bob Dylan der 60er Jahre heute klingen könnte. In der kommenden Stunde wird es viele dieser Phasen geben, für die man Zeit investieren muss - aber es lohnt sich.

Nach "Smoke ring for my halo" scheint Vile mit seinem fünften Studioalbum seine Nische gefunden zu haben, ohne dass man ihn dabei wirklich in irgendwelche Schubladen stecken könnte. Kürzere Stücke wie der Bluesrocker "Shame chamber" oder auch das schwermütige "Pure pain", auf dem Vile klingt, als hätte er bei den Aufnahmen einen guten Meter vom Mikrofon weggestanden, brennen sich ebenso ein wie das sphärische "Was all talk", dessen Entspannungsfaktor gegenüber der Hektik das Nachsehen hat, dessen ausbrechendes Ende aber tief unter die Haut geht. Spätestens im hypnotischen "Girl called Alex" wird klar, dass Vile sich auf kein Genre festlegen mag, aber mit seiner Mischung aus Folk, Rock und Blues einmal mehr nicht weniger als ein großartiges Album zustande gebracht hat.

Und bevor man denkt, dass ihm selbst kurz vor Schluss die Puste ausgehen könnte, schafft er mit "Snowflakes are dancing" nicht nur die Brücke zu seinen früheren Sachen mit The War On Drugs, sondern vor allem einen astreinen Popsong, der den Sommer mehr herbeisehnen lässt als alles andere. "Air bud" ist mitsamt seines völlig abgedrehten Mittelteils eigentlich ein Stück zu weit hinten platziert, lässt die starke zweite Hälfte von "Waking on a pretty daze" dadurch aber immerhin noch mal ein bisschen ansteigen, bis es mit dem über zehnminütigen "Goldtone" nicht nur ein letztes grandioses Highlight, sondern generell einen der schönsten Rausschmeißer überhaupt gibt. Fast scheint es, als würde Vile sich mit Absicht so viel Zeit lassen, wahrscheinlich ist es sogar so. Aber wir wissen ja, wie man genießt - und haben noch dazu alle Zeit der Welt. Für ihn doch immer.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Wakin on a pretty day
  • Girl called Alex
  • Snowflakes are dancing
  • Air bud
  • Goldtone

Tracklist

  1. Wakin on a pretty day
  2. KV crimes
  3. Was all talk
  4. Girl called Alex
  5. Never run away
  6. Pure pain
  7. Too hard
  8. Shame chamber
  9. Snowflakes are dancing
  10. Air bud
  11. Goldtone

Gesamtspielzeit: 69:36 min.

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