Marnie Stern - The chronicles of Marnia

Marnie Stern- The chronicles of Marnia

Kill Rock Stars / Cargo
VÖ: 22.03.2013

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Fehlbesetzung

Marnie Stern ohne Zach Hill - das wäre durchaus der Stoff, aus dem interessante Diskussionen gemacht sind. Seit dem Debüt stand Hill Stern nicht nur als Produzent, sondern vor allem natürlich als Schlagzeuger zur Seite. Und er war dabei derart prägend, dass sich "Marnie Stern" ebenso als Solo- wie als Bandname lesen ließe. Was natürlich absolut unfair wäre und tief blicken lassen würde - wie gesagt, der Ansatz für spannende Diskussionen. Mit Sterns Viertwerk "The chronicles of Marnia" ist Hill nun tatsächlich von Bord gehüpft, die Kommentare jedoch halten sich in engen Grenzen. Dass er durch Oneidas Kid Milions ersetzt wurde, ist eine der wenigen kolportierten Informationen. Dass dieser seinen Job sehr gut, im Grunde sogar sehr viel besser mache als Hill, eine weitere. Na ja, kann man da nur sagen. Denn tatsächtlich war Sterns Präsenz von Anfang an ja derart fordernd und offensiv, dass es zugleich einen Mit- und Gegenspieler brauchte, der mindestens ebenso die Pfanne hetzte - und da ist Teamplayer Milions sicherlich wesentlich ungeeigneter als Kinds-, Dick- und Wirrkopf Hill. Da nun nicht nur er, sondern auch alle weiteren Mitspieler bis hin zu Neuproduzent Nicolas Vernhes ausgetauscht wurden, scheint sich auch Stern erstmals nur schwer in ihrer Musik zurechtzufinden.

Doch natürlich hat sie zunächst einmal Kraft genug, um sich aus all den neuen Koordinaten einige wunderbare Spannungsbögen zu erarbeiten. Ihr liebster Trick ist es hiebei, all die Trademark-Tappingfiguren durch kontrabetonte Akkorde zum Beben zu bringen. "You don't turn down" etwa vermischt auf diese Weise glanzlose Stimmungseinbrüche mit reichlich kickendem Protofunk und zeigt sich auf Sterns beinahe gescatteter Gören-Pop-Intonation gar leicht genialistisch - endet schließlich aber mit einem vollkommen beziehungslos dastehenden Depri-Gitarrenloop, zu dem auch Stern außer ein paar Vokalen nichts zu sagen weiß. "Noonan" zieht hingegen im Funk noch mehr an und bleibt erfreulicherweise auch bei der Stange: Der Song ist rund und kaputt genug, um verhallte Sechzehntel und mehrere schräg in den Beat getaktete, abgestoppte Riffs zu vereinen. Ein Big Player auf diesem Album voller Unentschlossenheit, ebenso wie die über zickigem Mathrock zunächst dräuende, dann flackernde und schließlich hereinflutende Melancholie von "East side glory" oder "Proof of life", dem mollende Klavierdreiklänge auf der Eins genügen, um die Grundstimmung kongenial zu vertiefen.

Leider gehen eben diese Spannungsmomente öfter aber auch Scheinehen ein. So desertieren die Girlpop-Gesänge von "Year of the glad" mittendrin in ein geziertes Glucksen, für das man schon als Fünfjähriger diesen aufdringlichen tschechischen Kinderfernseh-Maulwurf mit pochender Stirnader zum Klappehalten aufgefordert hat. Labelkollegin Corin Tucker hingegen hätte einen Song wie "Nothing is easy" so lange in den Allerwertesten getreten, bis er noch dem skeptischsten Hörer als Punk-Beat-Bombe mitten ins Gesicht gehüpft wäre. Stern und Mitstreiter entscheiden sich stattdessen zum x-ten Mal für ein nicht mal verwirrendes, sondern lediglich kraftloses Stop-And-Go, das weder Melodien noch Rhythmus konsequent genug ausspielt, um mehr zu sein als eine Fingerübung in Fragezeichenpop. Und da sie eine echte Klimax entweder fürchten oder nicht auf der Pfanne haben, faden sie sich mit "Hell yes" sogar feige aus dem Album, bevor diese eigentlich prima voranfließende Indierock-Miniatur auch nur die Chance hatte, leidenschaftlich überdehnt oder strategisch entwickelt zu werden.

Nicht nur hier befindet man sich dann wieder beim Ausgangsproblem: Gemeinsam mit Hill hätte Stern solch einen Song bei fehlenden weiteren Handlungsoptionen einfach lustvoll kaputtgetreten - gewiss nicht schön anzugucken, aber immerhin. Und während Hill auch "Still moving" oder den Titelsong eben zugleich be- und entschleunigt hätte, zeigen sich Milions' Beats hier eher milde desinteressiert bis einigermaßen überfordert. Zugleich imitieren sie aber unzweifelhaft Hills Spielart, was "The chronicles of Marnia" häufig genug nach genau der überkandidelten und trivialen Comedy-Nummer klingen lässt, die auch der Albumtitel und das hübsch geistlos herumgendernde Video zu "Immortals" suggerieren.

Was hoffnungsvoll stimmt: In Interviews und Kommentaren legt Stern ihr Unbehagen mit dem Entstehungsprozess von "The chronicles of Marnia" schonungslos offen. Mehrfach scheinen ihre Ideen von einem Bollwerk an Macho-Mitspieler-Allüren abgeprallt zu sein, sodass sich das Album zwar nach wie vor unzweifelhaft nach Stern anhört, allerdings nach einer Stern, die ihrer Musik nicht immer über den Weg traut - und sich ihr Stirnrunzeln eben wortreich wegreden muss. Wenn man also meint, das Geheule über Hills erstmalige Abwesenheit komme aus den Untiefen eines musikschreibenden Sexismus, so erklärt das noch lange nicht, warum in genau dieser Hinsicht mit "The chronicles of Marnia" so einiges schiefgelaufen ist. Das Ergebnis ist ein verzagtes Etwas, zu unkonzentriert für echte Dekonstruktion, zu flippidippi für Punk, in Arrangements und Melodien zu schlicht und schemenhaft für spannenden Pop. Zwar nicht handzahm, aber letztendlich in geordneten Bahnen: So hätten die Welt und der Journalismus ihre Stern wohl gerne - Liebhabern und Liebhaberinnen ihrer Musik blutet jedoch manchmal durchaus das Herz.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • You don't turn down
  • Noonan
  • East side glory

Tracklist

  1. Year of the glad
  2. You don't turn down
  3. Noonan
  4. Nothing is easy
  5. Immortals
  6. The chronicals of Marnia
  7. Still moving
  8. East side glory
  9. Proof of life
  10. Hell yes

Gesamtspielzeit: 32:47 min.

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