Mesh - Automation baby

Mesh- Automation baby

Dependent / Al!ve
VÖ: 15.03.2013

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Digitale Ernüchterung

Eigentlich wusste man es ja schon immer: Facebook ist die Pest. Statt zu telefonieren wird gechattet, und je mehr sogenannte Freunde man hat, desto zahlreicher wird man zu Veranstaltungen eingeladen, die einem gestohlen bleiben können. Auch Mesh aus Bristol warnen vor digitaler Vereinsamung - und wollen ihren Namen natürlich nicht auf soziale Netzwerke, sondern auf mindestens ebenso komplexe Beziehungsgeflechte bezogen wissen. Nein, von den zwei Briten wird man vermutlich nie einen Satz wie "Schau mir in den Account, Kleines" hören beziehungsweise lesen. Dafür erweisen sich Mark Hockings und Richard Silverthorn auch auf ihrem sechsten Studioalbum als zu bodenständig und pflichtbewusst. Schließlich will eine Fangemeinde bedient werden.

Eben diese Fangemeinde ist nun eine, die sowohl die fortschreitende Gospel- und Blues-Werdung von Depeche Mode argwöhnisch beäugt als auch einem saftigen Elektro-Stampfer in der Schwarzfloor-Disco nicht abgeneigt ist. Und schon auf dem Vorabtrack "Born to lie" machen Mesh alles richtig. Upbeat und moderat industrielle Sequenzen zerren an Nerven und Zappelzentrum, Hockings spuckt einer kaltherzigen Dame seine gesammelte Verachtung nebst Gift und Galle ins Gesicht. Und das soll die Band sein, die seit rund 20 Jahren über unerfüllte Liebe klagt, wobei - Linkin Park mitunter nicht unähnlich - präzise artikulierte Seelenpein gelegentlich in larmoyantes Gewäsch umschlägt? Eine berechtigte Frage, die sich aber im Albumkontext schnell erübrigt. Denn bis zur formidabel kickenden Single hat der Hörer schon gut die Hälfte von "Automation baby" hinter sich.

Und damit jede Menge gehobenen Synth-Pop, dem sowohl zwischenmenschliche Abrechnungen als auch kompetente Feinarbeit an den Arrangements innewohnen. "Just leave us alone" wird jedenfalls genau das Gegenteil dessen bewirken, wozu das Stück aufruft: Spannungsbogen, elektronische Shots und souveränes Songwriting lassen Mesh gleich am Anfang zur (Neon-)Sonne dringen und setzen die Tradition anerkannter Heuler wie "You didn't want me" oder "Trust you" eindrucksvoll fort. Danach drosselt "Taken for granted" das Tempo, nicht aber den Schmackes - und die eher einfältigen Hopser "You want what's owed to you" und "When the city breathes" erquicken immerhin alle, für die Tanzbarkeit gleich Qualität ist. Das Duo macht also weiterhin keinen Hehl daraus, dass es trotz seiner Herkunft die unbritischste Musik produziert, die man sich vorstellen kann.

Sicher werden die beiden zu bedenken geben, ihre Themen seien zu gewichtig und tief empfunden, um sie weniger gewissenhaft zu behandeln - doch letztendlich versperrt dieses komplette Fehlen von Augenzwinkern der Band sämtliche Auswege aus den besungenen emotionalen Mausefallen. Da nützt der großartig nach vorne preschende, technoide Knaller "Flawless" ebenso wenig wie die zwecklos schmeichelnden Mini-Dramen "The way I feel" und "You couldn't see this coming". Doch halt: Kann es sein, dass "Never meet your heroes" kurz vor Schluss den eigenen Popstar-Status ein wenig auf die Schippe nimmt und gar ein kleines Ironiesignal aussendet? Möglich, aber im Grunde egal: Es genügt, Mesh ab und zu akustisch wiederzutreffen. Und festzustellen, dass man weiß, was man hat an dieser guten, aber auch ernüchternd berechenbaren Band.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Just leave us alone
  • Born to lie
  • Flawless

Tracklist

  1. Just leave us alone
  2. Taken for granted
  3. You want what's owed to you
  4. Automation baby
  5. AB incidental no. 1
  6. This is the time
  7. The way I feel
  8. Adjust your set
  9. Born to lie
  10. AB incidental no. 2
  11. Flawless
  12. Never meet your heroes
  13. When the city breathes
  14. You couldn't see this coming

Gesamtspielzeit: 63:51 min.

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