The Flaming Lips - The terror

The Flaming Lips- The terror

Bella Union / Cooperative / Universal
VÖ: 05.04.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

All you need is love

Eigentlich sind Wayne Coyne und seine vier Kollegen bei The Flaming Lips viel mehr als eine Band. Klar, sie spielen Instrumente und singen und veröffentlichen in angenehmer Regelmäßigkeit Alben, mit denen sie dann auf Tour gehen - was Bands halt so machen. Wer sich aber mal einen Augenblick hinsetzt und versucht, das Phänomen zu durchleuchten, das die Flaming Lips gerade im vergangenen Jahrzehnt geworden sind, wird feststellen, dass es hier um weitaus mehr geht als einfach nur Musik. Vom kratzig-schrammeligen Debüt "Hear it is" über das kleine, aber feine 90er-Highlight "Clouds taste metallic" bis zu "Zaireeka", das den ersten Schritt in Richtung experimenteller Musik markierte, entwickelte sich über die Jahre hinweg nicht nur der Sound, sondern auch die Art und Weise, wie Coyne & Co. sich präsentieren.

"The soft bulletin" ist da ein gutes Stichwort. Waren The Flaming Lips vorher für ihre durchaus utopisch erscheinenden Texte bekannt, nahmen sie hier erstmals eine gewisse philosophische Struktur an. Das lyrische Wirrwarr wich poetischen Geschichten rund um das menschlische Dasein, die mit jedem weiteren Hördurchgang eine neue Perspektive einnahmen. Im darauffolgenden "Yoshimi battles the pink robots" erzählten sie schließlich die Geschichte von Yoshimi und ihrem Kampf gegen die Maschinen, und eifrige Analysten versuchten, das Konzept hinter dem Konzept zu durchschauen - nur mäßig erfolgreich. Immerhin feierte das Yoshimi-Musical im letzten Jahr Premiere in San Diego, womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären. Die Geschichten hinter den Songs, die sogar ohne die Band selbst auf die Bühne kommen, die schrägen bis beklemmenden Musikvideos, die für ordentlich Gesprächsstoff sorgen, die üppigen Konzerte, auf denen Coyne schon mal in einen riesigen Luftballon steigt, um über das Publikum zu gehen - all das sind die Flaming Lips. Das ist mehr als Musik, das ist schon eine Kunst für sich.

Jetzt können natürlich ein paar Oberschlaue wieder losmeckern: Kunst soll das sein? Die haben einfach nicht mehr zu sagen, und deswegen muss die Verpackung umso bunter sein. Dass das zu einfach gedacht ist, beweist das Quintett auf seinem mittlerweile 13. Studioalbum "The terror". Die Story dahinter scheint erstmal denkbar einfach: Der Ansatz "Ohne Liebe kein Leben" ist faktisch falsch, da man auch ohne die Liebe einfach weiterlebt und nicht einfach verschwindet, auch wenn es sich manchmal so anfühlen mag - und das ist der "Terror", dass das Leben auch so irgendwie funktioniert. Coyne muss es wissen: Nach 25 Jahren zerbrach im letzten Jahr seine eigene Ehe. Inwieweit er diese persönlichen Erlebnisse auf dem neuen Album verarbeitet, lässt sich schwer sagen. Fakt ist, dass die Stimmung auf "The terror" ungleich bedrückender ist als auf etwa dem letzten Album "Embryonic", wenngleich der Opener "Look...the sun is rising" eines der Lips-typischsten Stücke ist und ohne Probleme auch auf "Yoshimi battles the pink robots" hätte stattfinden können. "Love is always something / Something you should fear / When you really listen / Fear is all you hear", singt Coyne über einen repetitiven Soundmix aus kratzenden Gitarren und polterndem Schlagzeug, sodass der Gesang fast zu zerbrechlich für die kühl anmutende Melodie klingt.

"We'll sing in the sunshine / We'll laugh every day / We'll sing 'cause love will save us / The sunshine every day" will uns der Titeltrack von "The terror" vorgaukeln, dessen Hi-Hat-Rhythmus trotz der ohne Umwege um sich selbst kreisenden Lebenskrise ungewöhnlich eingängig daherkommt, und der 13-minütige Brocken "You lust", auf dem Sarah Barthel von der Band Phantogram ihre Stimme zur Verfügung stellt, triumphiert wie ein architektonisches Meisterwerk über allem auf "The terror", prägt den Sound und spendet fast schon zu viel Schatten - die Ambivalenz dessen zieht sich ebenfalls wie ein roter Faden durch "The terror". Wayne Coyne, so viel ist recht schnell klar, befindet sich auf dem Weg nach ganz unten, und es wäre ja gelacht, wenn er seine Hörer nicht einfach mit sich reißen würde.

Die gehen natürlich freiwillig mit. Klar. Wie sollte es auch anders sein? Malerische Klangbilder wie auf "Butterfly, how long it takes to die", die die Schönheit und Sanftheit einen Schmetterlings in den schönsten Farben malen, nur um anschließend bassgeladen alles in Stücke zu zerreißen, schaffen andere Bands nicht so leicht wie die Flaming Lips, und die letzten beiden Minuten des Stücks, die so artifiziell wie eiskalt daherkommen, lassen eher wünschen, der Schmetterling möge sich möglichst schnell einen anderen Aufenthaltsort zum Sterben aussuchen - und auch irgendwie nicht. Mantraartig endet "The terror" schließlich mit einem Wiegenlied, das klammheimlich den Weg ins Albtraumland bahnt, mit dem Echo von Coynes Stimme als dicke Wolke am Himmelszelt. Aber irgendwann geht es auch wieder aufwärts: Wer sich die Albumversion mit der Bonus-Mini-CD besorgt, bekommt neben dem eher nebensächlichen "Sun blows up today" auch ein wunderbares Beatles-Cover der Flaming Lips und Edward Sharpe & The Magnetic Zeros dargeboten. Von "All you need is love", natürlich. Also ist doch nicht alles schlecht, und schon gar nicht auf "The terror". Love is all you need.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Look...the sun is rising
  • Try to explain
  • You lust
  • Butterfly, how long it takes to die

Tracklist

  1. Look...the sun is rising
  2. Be free, a way
  3. Try to explain
  4. You lust
  5. The terror
  6. You are alone
  7. Butterfly, how long it takes to die
  8. Turning violent
  9. Always there in our hearts

Gesamtspielzeit: 54:59 min.

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Watchful_Eye

Postings: 1440

Registriert seit 13.06.2013

2014-12-06 03:49:16 Uhr
Der letzte Track darf auch nicht vergessen werden :)

The MACHINA of God

Postings: 13594

Registriert seit 07.06.2013

2014-12-06 01:56:20 Uhr
WObei es der einzige treibende Song ist... davon gab es ja auf "Embryonic" deutlich mehr.

Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2014-12-06 01:36:42 Uhr
Wenn es um Drums geht, ist der Opener ganz groß. Die Stelle nach ca. 25 Sekunden, bei der die Percussion einsetzt, das ist so unglaublich treibend...ach, ein tolles Album.

Desare Nezitic

Postings: 5406

Registriert seit 13.06.2013

2014-11-14 14:13:51 Uhr
Bei mir konnte das ewig lange "You Lust" keine wirklichen Bilder im Kopf erzeugen, motiviert mich eigentlich immer zum Abschweifen bis hin zum Weghören. Dabei ist der erste, in Songstrukturen gehaltene Part wirklich gelungen, der ausufernde Instrumentalteil für mich zumidnest um das Doppelte zu lang.
"You Are Alone" ist schon einer der schwächeren Tracks aber auch noch mehr als hörenswert.
Die Verstrahlungsballade "Try to Explain" braucht hier aber auch noch eine gesonderte Nennung. So dermaßen am Ende der Song. Für beinharte Zyniker könnte dieser Song auch als Unterlegung für Impressionen aus dem Gebiet rund um Fukushima dienen.

Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2014-11-14 13:54:27 Uhr
Mir gefällt "Embryonic" generell noch besser, "The Terror" haut in den richtigen Momenten aber mehr um. Für mich sind die beiden ohnehin sowas wie zwei Seiten einer Medaille.

"You Are Alone" ist für mich auch der schwächste Track", aber wie schone rwähnt, funktioniert "The Terror" sowieso am besten am Stück.
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