Tartufi - These factory days

Tartufi- These factory days

Southern / Soulfood
VÖ: 22.03.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Die Unwidersprochenen

Wie es sich anfühlen könnte, in Abendgarderobe durch ein von tiefen Kratern zerfurchtes Rotnebel-Universum zu gleiten, ist wohl eine der redundanteren, blümeranten Fragen des beschreibenden Musikjournalismus. San Franciscos Tartufi, aka Lynne Angel und Brian Gorman, beantworten sie auf "These factory days" dennoch aufs Vorzüglichste: warm, aber auch verwirrend; sanft, doch durchsetzt mit allerlei Fußfallen und rollenden Steinkugeln; einerseits ätherisch, andererseits voll kräftiger Farbverläufe, die beinahe greifbar scheinen. Was Tartufi auf ihrem Fünftwerk erstmals herausragend gelingt, ist ausufernder Gitarrenalarm, der sich in den Songlängen und Melodien an Postrock und Shoegaze anschmiegt, in den Songverläufen und Taktarten zu Mathrock und Freakfolk gleichermaßen bekennt sowie letztlich eben Spacerock im Sinn hat, dessen Riff-Traditionalismus jedoch kaum etwas abgewinnen kann. Zusätzlich schleift "These factory days" manch vollverzerrte Klippe, die noch auf dem Vorgänger "Nests of waves and wire" die Dramatik handlich machte. Womit auch der Rezensent endlich einen Absatz hinter sich hat, der ganze Schwimmbäder an widersprüchlicher Beschreibung ausschüttet - wie gut, dass er das nicht selbst ausbaden muss.

Denn natürlich, liebe Augenroller und Facepalmer, kann man es auch sehr viel einfacher ausdrücken: Im Grunde sublimieren Tartufi mit jeder weiteren Veröffentlichung den eiernden Indie-Rock ihres Debüts bis zum hypereleganten Genrekollaps. Mit "These factory days" sind sie, ergänzt um Bassist Ben Thorne und damit erstmals seit den Anfangstagen wieder in Triostärke, einen gehörigen Schritt vorangekommen. Gleich "Underwater" startet mit splitterndem Glas zu einem rollenden und knackig beklatschen Basslauf sowie Angels altbewährter, mehrfach geloopter Vokalakrobie, die sie im besten, ätherischen Sinne zur Gleichgeschlechtlichkeit bringt. Was die sogleich einsetzenden, ebenfalls extrem-geloopten Gitarren, all die fließenden Taktverschiebungen und die verhallten Kopfstimmen-Vocals jedoch zu keiner Sekunde verraten - wie intensiv, breitarmig, kopfgewaschen und elegisch dieser Song ausgehen wird. Man darf sagen: Wären Coldplay eine sehr viel bessere, interessantere, spielfreudigere Band - sie wären in diesem Moment niemand anderer als Tartufi. Oder auch: Wären Modest Mouse keine unverbesserlichen Kratzbürsten mit schwerem Arbeitsschuhwerk unter dem Zweireiher - sie wären ebenfalls eben diese.

Bis zum abschließenden alttestamentarischen Vorhöllen-Soul von "8:1" - eigentlich ein Cover von Don McLeans "Babylon", jener berühmten Kanonbearbeitung des noch berühmteren Klage-Psalms 137, die Tartufi final durch pumpenden Noiserock hinrichten - halten Angel und Co. diese Formel durch, variieren sie jedoch mit Wonne und Konsequenz. "Glass eyes" erspielt sich daraus klaren Sadcore und Atmo-Folk. "Seldom" und "Eaves" hingegen trippen und grooven unaufhaltsam voran, verschwenden zwischendurch ein wahres Melodienmeer und Riffladungen voll Prog für den guten Zweck und zeigen sich in den Stimmen so unfassbar präsent, dass Angel lieber aus ansprechender Entfernung zum Mikrophon intoniert, um die Songs nicht vorschnell zum Platzen zu bringen. Dass Gormans Schlagzeug all den mehrfach verhallten, delayten und geloopten Gitarrenwahn zusammenhält, versteht sich hierbei von selbst. Dass er kaum einen Beat ohne Betonungsverschiebung, Wirbel oder Synkope davonkommen lässt, ist hingegen eine Frage der Ehre. Auch Thornes melodiöses Bassspiel passt sich nicht nur perfekt ein, sondern entwickelt teils einen Laufwahn, wie man ihn sonst nur von Motorpsychos Bent Sæther serviert bekommt. Und da Bandfreund Tim Green bislang nicht nur große Teile von Tartufis Backkatalog, sondern bereits so ziemlich alles zwischen Melvins, Joanna Newsom und Tristeza wegproduzierte, passt auch er zu "These factory days" ganz und gar vorzüglich.

Auf derart breiten Schultern schiebt sich "Furnace of fortune" in acht Minuten durch mehrere gerade und ungerade Taktarten, rumpelt also absolut prächtig - und zeigt dennoch eine Menge Konsistenz zwischen trauerndem Indie-Hall, Mathrock-Halligalli und gar ein wenig Metal-Hallowach. Wenn dann noch Glockenspiele, näselnde Satz-Gesänge, ein paar Klaviertupfer, perlende Akustikgitarren und Keyboard-Flächen zum Hitze-Flimmern gebracht werden, ist dieser Song nur von wem noch zu retten? Ganz recht, von Tartufi natürlich. Denn obwohl diese sich mit "These factory days" in der Tat immer weiter von ihrer Basisstation entfernen, bringen sie ihr Anliegen hier hervorragend auf den Punkt: Dieses Album packt gehörig zu, während die Musik immer weiter durch und in sich selbst diffundiert. Dabei passiert derart viel in diesen Songs, dass auch vier Absätze voll widersprüchlicher Beschreibungen kaum an der Oberfläche kratzen: eine Nordlicht-flackernde, leichte, doch unfassbar massive Geräuschwand - würden Tartufi auf ihrem Weg durchs Rotnebel-Universum genau hier ihren Antrieb stoppen, sie hätten etwas überaus Großes, das bis zum nächsten Urknall reicht.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Underwater
  • Seldom
  • Eaves
  • Furnace of fortune

Tracklist

  1. Underwater
  2. Seldom
  3. Eaves
  4. Glass eyes
  5. Furnace of fortune
  6. Edgar Lovelace
  7. 8:1

Gesamtspielzeit: 42:06 min.

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  • Tartufi (21 Beiträge / Letzter am 17.04.2013 - 09:48 Uhr)