Harper Simon - Division Street

Harper Simon- Division Street

PIAS / Rough Trade
VÖ: 29.03.2013

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Halbe Sachen

Niemand hat es leicht, bei dessen Vorname man entweder an David Beckhams Töchterchen, an die Autorin von "Wer die Nachtigall stört" oder an die Hauptfigur aus "Two and a half men" denkt. Noch schwerer wird es mit der Namensvetternwirtschaft, wenn man zusätzlich noch mit einem Zunamen gesegnet ist, bei dem ohnehin niemand an einen kleinen Musiker aus Los Angeles, sondern jeder an den großen Paul Simon denkt. Der, und jetzt wird es richtig kompliziert, auch noch der Vater des gar nicht mehr so jungen Mannes ist, um den es hier gerade geht: Harper Simon. Sich unter all diesen Voraussetzungen selbst einen Namen zu machen, ist ungefähr so schwierig wie ein Spice Girl zu ehelichen, einen Pulitzer-Preis verehrt zu bekommen oder Art Garfunkels bessere Hälfte zu sein. Der Erwartungsdruck, der auf Harper Simon lastet, wäre selbst für zweieinhalb Männer zu viel.

Umso erfreulicher, dass er trotz all dieser Widrigkeiten im Jahr 2010, mit knapp 38 Jahren, sein ausgesprochen gelungenes Debütalbum "Harper Simon" veröffentlichte. Obwohl man sich damals durchaus über sein ausgeprägtes Desinteresse an musikalischer Rebellion gegenüber seinem Altvorderen wunderte. Gleichzeitig aber auch seinen Mut schätzte, die Familientradition fortzuführen - denn Simon junior klang exakt wie Simon senior, der teilweise auch als Co-Songwriter und Gitarrist auf dem Werk präsent war. Damit ist jetzt Schluss. Auf "Division Street" hat der Sohnemann alle Songs alleine geschrieben, und die an das Schaffen seines Herrn Vater erinnernden Stücke kann man dieses Mal an einem Finger abzählen. "Just like St.Teresa" heißt das Lied, das dafür aber auch wirklich alle Merkmale einer Paul-Simon-Komposition zu bieten hat: das versierte Fingerpicking, den wandernden Rhythmus, den unaufdringlichen Harmoniegesang, eine geschmeidige Melodie, ein paar geschickt eingebaute Dissonanzen und eine memorable Zeile entzückender Alltagspoesie: "Life is a tapestry of your imagination."

Die restlichen zehn Lieder sind fast ausnahmslos trotzig hingeschrammelte Vintage-Rock-Nummern mit leicht psychedelischer Note, die entweder noch in der Pubertät oder schon in der Midlife Crisis feststecken. In jedem Fall pfeifen sie auf alles, was Harper Simons Debüt ausgemacht hatte: auf die schönen Melodien, auf die Filigranität, auf das innovative Songwriting. Aber endlich glaubt man ihm, dass er einst anfing Musik zu machen, weil er "so cool wie The Clash" sein wollte. Konsequenterweise finden sich auf "Division Street" beinahe ausschließlich elektrische Gitarren - abgesehen vom Klampfen-Kleinod "Just like St.Teresa" und vom erstaunlich an Elliott Smith erinnernden zweiten akustischen Song der Platte, "Chinese jade". Das Stück klingt, als müsse es sich seinen Weg durch Nebelschwaden bahnen - aus der Ferne hallt ein opulentes Schlagzeug, ein melancholisches Cello zieht seine Bahnen in einem nahe gelegenen See und Harper Simon hört sich an, als stünde er in einer Kathedrale, um der zögerlichen Vermählung von Flüstern, Hauchen und Singen beizuwohnen. Seine Stimme hält sich ohnehin fast während des kompletten Albums so leise und zaghaft im Hintergrund, als wäre noch eine tragende Wand zwischen ihm und dem Gesangsmikrofon.

Hatte Simon junior sich für sein Debüt noch Bob Johnston (Bob Dylan, Leonard Cohen, Johnny Cash) als Co-Produzenten geangelt, wurde nun Tom Rothrock mit der Aufgabe betraut - der schon mit Beck zusammenarbeitete und vor allem, welch ein Zufall, mit Elliott Smith. Auf dessen Meisterwerk "Figure 8" hatte Pete Thomas aus Elvis Costellos Band The Attractions die Drums bedient, und so auch hier. Musiker von Feist, Bright Eyes und Wilco haben auf "Division Street" mitgemischt und bei der äußerst einfach gestrickten Singleauskopplung "Bonnie Brae" zupft The-Strokes-Mann Nikolai Fraiture den Bass. Allerdings: Wenn man nicht um die hochkarätige Unterstützung wüsste, man würde es dem Album nicht anhören. Nummern wie "Veteran's parade", "Dixie Cleopatra" oder "Nothing gets through" klingen so uninspiriert und unausgegoren, dass man meinen könnte, jemand hätte aus Versehen im Proberaum mitgeschnitten. Der immerhin ganz nette Titeltrack, das recht hübsch geratene "'99" oder auch das erwähnte Stück in akustischer Familientradition können trotz aller Bemühungen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die "Division Street" bedauerlich oft als Sackgasse erweist. Bitte wenden.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Just like St.Teresa
  • '99

Tracklist

  1. Veteran's parade
  2. Bonnie Brae
  3. Division Street
  4. Dixie Cleopatra
  5. Nothing gets through
  6. Eternal questions
  7. Chinese jade
  8. Just like St.Teresa
  9. '99
  10. Breathe out love
  11. Leaves of golden brown

Gesamtspielzeit: 41:51 min.

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