My Education - A drink for all my friends

My Education- A drink for all my friends

Golden Antenna / Broken Silence
VÖ: 28.03.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Wasser zur Suppe

Je mehr, je besser. Einer geht noch. Platz ist in der kleinsten Hütte - das Kopfkino wird's schon richten. Nach dieser eskapistischen Formel richtet die Montrealer Bande rund um den Godspeed-You!-Black-Emperor-Nukleus seit Jahr und Tag ihre Koordinaten aus. My Education aus Austin, Texas ziehen hier seit ihrem 1999er-Debüt nur zu gerne mit. Auch sie pimpen ihren Bandkern je nach Bedarf zur Ensemblestärke und interpretieren Postrock wahlweise als Morricone-Flirren, Robo-Kraut, Sternegucker-Groove. Allerdings packen sie im Vergleich zu ihren kanadischen Genre-Kollegen stets kurzentschlossener zu. Ihr fünftes Album "A drink for all my friends" zeigt das einmal mehr mit beeindruckender Konsequenz - zumal sich My Education hier Song für Song in eine jeweils neue Genre-Spielart hineinarrangieren.

Nach den knappen zwei Minuten Melotron-, Cello- und Geigenjammer des Openers geht "...for all my friends" erstmals in die Offensive: bucklige Tomwirbel und eine extremverzerrte Phasergitarre schieben sich sorgfältig unter eine Klangwüste in überbelichtetem Schwarz-Weiß. Rasch ziehen die Arrangements zu und verdichten sich zu trippigem Psychedelic-Rock, bis sich der Song im Lasso-Schwinger-Modus selbst überdreht und schließlich nur noch von einem glasklar hervorgerocktem Riff vorm Erstickungstod gerettet werden kann. Da My Education nun gerade so schön beim Lasso-Schwingen sind, tut auch das folgende "Mister 1986" zunächst zwar so, als sei es ein Klavier-Kammerspiel - schließlich ergibt sich der Song aber einem leicht verkrachten Western-Motiv und lässt erst zum Schlusssatz Kammerspiel und Wüstensand kongenial zusammenspringen. Einmal das Tempo runtergeschraubt, badet auch die Marimba von "Black box" im verschwitzten Großstadt-Vibe, während die Gitarren atmosphärische Feedbacks aus dem Lichtermeer sägen und die Rhythmussektion durch einen seismisch tiefergelegten Dub-Groove schlendert.

Nach diesem Vorspiel zeigen sich My Education in der richtigen Stimmung für "Roboter-Höhlenbewohner", eine Hommage an ihren schmerzlich vermissten Freund und Drumgetier Jerry "The Machine" Fuchs. Delaytes Krautrock-Tiggern, rollende Bässe und ein ebenso stoischer wie nuancenreicher Killer-Beat - man muss sagen: Das sitzt sehr viel besser als alles, was die nach wie vor hörbar geschockten Maserati nach dem Unfalltod ihres Schlagzeugers auf die Beine gestellt haben. Zwischen Red Snapper, eben jenen Maserati in Hochform und einem melancholisch kickenden Finale ist hier alles drin, was solch eine Hommage verdient. Und da sie gerade einmal so schön bei Maserati und Melancholie sind, transponieren My Education auch das sonnig betrübte "Happy village" bis kurz vor Folk-Rock, begraben es dann aber erneut unter flirrendem Kräuternebel.

Ein runder Abschluss, ein perfekter Kreis - hätte das sein können. Doch leider trauen My Education ihrer eigenen Abgeklärtheit final nicht und schieben mit "Homunculus" einen tight gerockten Dreieinhalbminüter nach, dessen Saxophon sich zunächst noch angenehm bei den frühen Psychedelic Furs austobt, dann aber beinahe in Ska-Allüren zu implodieren droht. Überflüssig und ärgerlich, durchaus. Doch zuvor hat "A drink for all my friends" seine Entwicklungsschritte viel zu sorgsam gewählt und sämtliche Spielarten viel zu elegant arrangiert, um von diesem kleinen, späten Fehltritt aus der Bahn geworfen zu werden. Zudem: Ist die Hütte derart voll und der Stoff langsam ausgegangen, so tut ein Rausschmeißer wie dieser durchaus seinen Dienst. Der Tropfen, das Fass ... ach, Sie wissen schon.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • ...for all my friends
  • Black box
  • Robotor-Höhlenbewohner

Tracklist

  1. A drink...
  2. ...for all my friends
  3. Mr. 1986
  4. Black box
  5. Robotor-Höhlenbewohner
  6. Happy village
  7. Homunculus

Gesamtspielzeit: 46:54 min.

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