DJ Koze - Amygdala

DJ Koze- Amygdala

Pampa / Rough Trade
VÖ: 22.03.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Einfallspinsel

Muffensausen. Das ist ein ziemlich lustiges Wort, und insofern passt es ganz gut in den Koze-Kosmos. Doch das Gefühl, das es beschreibt, Angst, das ist so ziemlich das Letzte, was man mit DJ Koze assoziiert. In jedem Interview kommt der Hanseat schließlich sowas von grundsympathisch daher. Und auf Platte sowieso. Warum also das neue Album nach der Amygdala, dem Sitz der Angst im Gehirn, benennen? Wovor sollten wir uns fürchten? Davor, dass er es nicht mehr kann - nachdem sein letztes Soloding acht Jahre zurückliegt?

Schon die auf der Gästeliste eingetragenen Namen sollten einem jegliche Furcht austreiben. Caribou reiht sich hier an Apparat, Dirk von Lotzow an Hildegard Knef. Und Koze irgendwo dazwischen, darüber und darunter, als weltenbummelndes Bindeglied. Die Speisekarte las sich vorab also schon gut. Der vor einigen Wochen bereits veröffentlichte Appetithappen "Track ID anyone" ließ einem dann das Wasser in den Ohren zusammenlaufen. Das Stück ist eine kleine Konferenz der Tiere. Hier ein Fiepen, dort ein Zwitschern. Dazu gesellen sich Balafon-Klänge und seichte Bläser. Und auf einmal schaut auch Caribou um die Ecke.

DJ Koze hat mittlerweile ein Lagerfeuer entzündet, an dem man gerne Platz nimmt. Als nächstes setzt sich Apparat hinzu. Er scheint zu frösteln. So beginnt der zweite Track zunächst recht kühl, schwebt so dahin, vorbei an der sich verflüchtigenden Stimme von Apparat, und gewinnt doch noch an Wärme. Koze hat es einfach raus, kontrastreiche Klangmalereien zu schaffen, ohne dabei zu sehr ins Schwarz-Weiße abzudriften. So zum Beispiel auch in "Magical boy", bei dem er die weiblichen Vocals und einen grundentspannten Beat mit dem dünnen Pinsel andeutet und der dicker auftragenden, in die Tiefe rauschenden Stimme von Matthew Dear gegenüberstellt.

Von Lotzows Lyrik ergießt sich daraufhin über einem mit Glockenspiel und Basslauf angereichertem Beat, der definitiv die 180-Grad-Wendung zur typischen Tocotronic-Schrebbeligkeit darstellt, die spätestens seit dem aktuellen Album "Wie wir leben wollen" ja aber vielleicht auch gar nicht mehr so typisch ist. Auch hier zeigt sich mal wieder, was für ein Transplantationskünstler dieser Koze doch ist. Reißt den Dirk aus seinem gewohnten Klangkörper, pflanzt ihn in Lied sechs des Albums ein, und siehe da - das Fremdorgan wird angenommen.

So auch im darauffolgenden Song. Hier wird "Homesick" von Kings Of Convenience seiner Simonundgarfunkeligkeit beraubt. Was zunächst wie ein Verbrechen erscheint, entpuppt sich als Wohltat. Nach all der Verschmustheit dieser letzten beiden Lieder kommt das minimalistisch wabernde "La Duquesa" dann gerade recht. "Marilyn Whirlwind" wiederum klingt wie eine alles zermalmende Schrottpresse, die soeben ihre musikalische Ader entdeckt hat.

"When I notice the world is falling apart / I will run a bath", brummt Matthew Dear im anschließenden Stück. Und ja, ein Bad kann man jetzt wirklich gebrauchen. So könnte man mit den verschrobenen Loops aus "Don't lose my mind" seine Bahnen ziehen oder sich einfach mit der großartig wiederbelebten Hildegard Knef treiben lassen. Und das in der Amygdala erzeugte Muffensausen scheint entfernter denn je. Gut so, Angst essen schließlich Seele auf, wie wir von Fassbinder wissen. Koze hingegen bauen Seele auf.

(Marco Wedig)

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Highlights

  • Track ID anyone feat. Caribou
  • Nices Wölkchen feat. Apparat
  • Homesick feat. Ada
  • Marilyn Whirlwind
  • Ich schreib' Dir ein Buch 2013 feat. Hildegard Knef

Tracklist

  1. Track ID anyone feat. Caribou
  2. Nices Wölkchen feat. Apparat
  3. Royal Asscher Cut
  4. Magical boy feat. Matthew Dear
  5. Das Wort feat. Dirk von Lowtzow
  6. Homesick feat. Ada
  7. La Duquesa
  8. Marilyn Whirlwind
  9. My plans feat. Matthew Dear
  10. Don't lose my mind
  11. Amygdala feat. Milosh
  12. Ich schreib' Dir ein Buch 2013 feat. Hildegard Knef
  13. Nooooo feat. Tomerle & Maiko

Gesamtspielzeit: 77:45 min.

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User Beitrag

Underground

Postings: 1098

Registriert seit 11.03.2015

2016-05-02 10:12:55 Uhr
ist auch gut geworden.

Dielemma

Postings: 448

Registriert seit 15.06.2013

2016-05-01 12:24:10 Uhr
Pampa Vol. 1 Compilation ist draußen, kann nur gut werden!

Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2016-01-10 21:58:59 Uhr
Wer die Single "XTC" aus dem letzten Jahr noch nicht kennt, sollte das schleunigst nachholen.
Ebenso ihre B-Seite "Knee On Belly".

Dielemma

Postings: 448

Registriert seit 15.06.2013

2014-10-26 12:47:09 Uhr
echt viele gute Tracks drauf, wobei an das Eröffnungstrio nichts mehr ran kommt. Weiß auch nicht, ob die Remixes eigenständig genug sind, um es wirklich als Album zu bewerten. Die Orginaltracks werden nicht komplett zerlegt, was den Remixes durch deren Qualität aber auch zugutekommt.
Arome
2014-10-25 09:49:22 Uhr
Gerade im Stream auf Luisterpaal. Das Intro ist schon mal unterhaltsam...
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