Thalia Zedek Band - Via

Thalia Zedek Band- Via

Thrill Jockey / Rough Trade
VÖ: 22.03.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Ihr eigener Schatten

Eigentlich hätte es Thalia Zedek längst mehr als verdient, zu den großen Damen des Underground-Rock aufzusteigen. Mit Uzi und Live Skull hatte sie großen Anteil an der Transformation von No Wave in den bald schon definitionsmächtigen New-York-Noise. Im Gegensatz zu Sonic Youth blieb ihr Ansatz jedoch ausschließlich musikalisch und geriet vor allem Ende der 1980er Jahre auch zunehmend selbstzerstörerisch. Kurz darauf etablierten sich die gemeinsam mit Chris Brokaw gegründeten Come zwar gleichermaßen als Lieblinge der Musikpresse und von Kollegen - letztlich wurden sie aber von diesem unangenehmen Koloss mit Namen Grunge konsequent überspült. Zedek, seit jeher zerrissen zwischen Einzelkämpfertum und Teamplayerin, nahm es äußerlich gelassen. Denn zu klagen hatte sie auch auf ihren Soloplatten seit dem Jahrtausendwechsel ohnehin mehr als genug. Gott, die Welt, na klar.

Fünf Jahre nach "Liars and prayers" musiziert Zedek nun zum zweiten mal in der sicheren Behausung ihrer eigenen Band. Nicht nur deshalb kennt "Via" erneut keinerlei Egomanie oder Profilneurose. Denn seit Jahr und Tag interessierte sich Zedek ohnehin kaum für sich selbst, dafür umso mehr für Gott, die Welt sowie vor allem für Songs, die es mit ihrer nach wie vor einzigartigen, großen Stimme aufnehmen können. Auf "Via" findet sie nun beide, Stimme wie Songs, mit einer Leichtigkeit, die erstmals in einem beinahe lockeren musikalischen Vibe aufgeht. Gleich "Walk away" lässt zwar Zedeks Langzeit-Kollegen David Curry und Mel Ledermann an Viola und Klavier von der Drama-Leine, letztlich humpelt sich der Song jedoch zu einem gewiss ergreifenden, doch auch lichtdurchfluteten Folk-Rock zurecht. Zedek, wohl misstrauisch geworden, lässt die Strophen von "Winning hand" und "Get away" sogleich in bauchige Depression plumpsen - steigert sich jedoch auch hier mit ihren Mitstreitern zu überraschend verspielten Refrains.

Auf genau diese Weise verfolgt "Via" auch fortan seinen Weg. Zedeks Gitarre spielt inzwischen nicht nur ihre altbewährten halbresonierenden Akkorde mit einnehmender Selbstverständlichkeit - auch Soli traut sie sich wieder flächendeckend zu. Das Zusammenspiel mit Curry und Ledermann war ebenfalls nur selten derart tight wie hier. In jedem Song sitzen sie dick im Arrangement, geben weder die Drama-Kings noch die Song-Pimps. Schlagzeug und Bass zeigen sich hingegen ungemein rund und effektiv - mehr brauchen die Blues-Folk-Bastarde "In this world", "Straight and strong" sowie das beinahe schon klassische Come-Arrangement von "Go home" allerdings auch nicht, um unter Zedeks Stimme groß aufzugehen. Ebensowenig "Want you to know": Das kommt zunächst zwar als ein weiteres, heiß geliebtes Zedek-Special zwischen Schlaflied und Folklore daher - schlussendlich wird hier aber ein Rausschmeißer zwischen Psychedelic-Trip und Albtraum abgefeuert, von dem der Hörer geradezu sorgsam bis auf die nackten Knochen erschöpft wird.

Erst ganz zum Schluss führt "Via" also wieder mitten rein in die Zedeksche Schattenwelt aus Wut, Überdruck und Stripped-down-Entertainment. Zuvor bietet die Platte jedoch zwei Hände voller Melancholie, die sich zwar mit jeder Sekunde in süßem Zweifel windet, darüber jedoch nie den Kopf verliert. Mag sein, dass damit ein wenig innere Spannung abhandenkommt. Das macht "Via" jedoch mit durchgängig starken Songs mehr als wett. Und zudem ist es eine besondere Genugtuung, einer der abgründigsten Seelen der Musikgeschichte bei einer beinahe schon heilsamen Platte zuzuhören. Klar hätte Zedek noch viel mehr verdient. Aber auch dieser kleine Erfolg mit Namen Zuversicht ist gewiss nicht hoch genug einzuschätzen.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Walk away
  • Get away
  • In this world
  • Go home

Tracklist

  1. Walk away
  2. Winning hand
  3. Get away
  4. He said
  5. In this world
  6. Straight and strong
  7. Go home
  8. Lucky one
  9. Want you to know

Gesamtspielzeit: 48:21 min.

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