Frida Hyvönen - To the soul

Frida Hyvönen- To the soul

Snowhite / Rough Trade
VÖ: 15.03.2013

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

In 50 Minuten um die Welt

"To the soul" hätte mitten in Paris beginnen können, wo Frida Hyvönen nach dem Erscheinen ihres zweiten Albums "Silence is wild" anderthalb Jahre lebte. Man hätte sich den Anfang auch in der idyllischen Natur Nordschwedens vorstellen können, im Garten ihres Anwesens in Västerbotten, zwischen Aurorafaltern und Buschwindröschen. Tatsächlich aber wird Hyvönens Drittwerk ganz woanders eröffnet: direkt neben einer Tankstelle. In "Gas station" sitzt sie auf den Treppenstufen eines verlassenen Tanzpalastes, das Schlagzeug so präsent wie ihre Erinnerung. 1991 tanzte sie dort zum ersten Mal, als ob niemand zusehen würde. Die Musik jedoch erinnert sich nur noch bruchstückhaft und verschwommen, mit Synthesizerfragmenten und einer selbstvergessen kreisenden Melodie. Aber auch mit paillettenbesetzter Broadway-Grandezza im Refrain. Hyvönen lenkt ihren Blick auf die Autobahn, die Vergangenheit und Zukunft miteinander zu verbinden scheint. Und dann stellt sie die Frage, die sich wie ein roter Faden durch die folgenden elf Stücke ziehen wird: "Where do we belong?"

Auch "Terribly dark" kennt den Wunsch nach Erleuchtung. "I'll put myself on fire / If I find a spark", singt die Protagonistin, in dem Bewusstsein, dass man sich nur selbst aus der Düsternis befreien kann. Die Musik schwebt schon längst in anderen Sphären. Ist es New Wave? Ist es eine Ode an den Tanzpalast neben der Tankstelle? Vermutlich beides, und in jedem Fall eine Novität in Hyvönens Schaffen. Doch die kurze Exkursion auf den Abenteuerspielplatz der Tanzbarkeit gelingt bravourös, denn auch dort gehört die Schwedin hin. Ihre Melodien und Storyteller-Qualitäten sind ohnehin in jeder Umgebung über jeden Zweifel erhaben. Dem Schreiben des Materials für "To the soul" waren inspirierende Reisen vorangegangen, eines der Souvenirs heißt "The wild Bali nights". Flügel, Flöte, Harfe und tosendes Schlagzeug inszenieren die Kulisse für ein atemberaubendes Naturschauspiel. In der Hauptrolle: Hyvönens kristallklare Stimme, die nie besser und nuancenreicher klang als auf diesem Album.

In "California" lässt sich die 35-Jährige mit einem Köfferchen voller Neid auf der virtuellen Gästecouch einer entfernten Bekannten nieder, die nun im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wohnt. "Stop me!", ermahnt die Chanteuse sich selbst - konsequenterweise dauert das Lied mit seinem westcoastsonnigen Sechziger-Jahre-Piano-Pop dann auch nur zwei Minuten. Schon länger währt hingegen die Tradition, dass jedes Frida-Hyvönen-Album eine große Ballade parat hat. Auf "To the soul" gibt es gleich mehrere davon. Eine heißt "Saying goodbye" und ist mit herrlichen Streichern, Holzbläsern, Glockenspiel und einem überraschenden Mittelteil äußerst geschmackvoll ausstaffiert. Auch hier geht es um das Reisen, genauer gesagt um die Ausreise aus einer Beziehung. "If you go / You will not find me again / Are you listening? / You'll never get me back again", warnt Hyvönen eindringlich. Mit genau dieser leidenschaftlichen Kompromisslosigkeit hat sie auch "To the soul" arrangiert und co-produziert. An der Seite von Jari Haapalainen, wie auch schon bei ihren ersten beiden Platten.

Die Stücke 6,7 und 8 dürfen als Familientrilogie und weitere Reise verstanden werden - dieses Mal zu Hyvönens Wurzeln. Das siebenminütige "Farmor" erzählt zu himmlischem Piano und filmreifen Orchesterarrangements von ihrer verstorbenen Oma. Und am Ende des Liedes wird klar, dass die Erinnerung an das gemeinsame Kartenspielen in Hyvönens Kindertagen gleichzeitig die Übergabe des Staffelstabs der Generationen ist: "It's your turn to deal now / So shuffle the cards." Darum geht es auch in "Picking apples", das unverhofft einen Hauch von Funk und Ska offenbart und mit seinem verspielten Klavier den Liedern des Debüts "Until death comes" ähnelt. Gleichzeitig lässt die seit ihrem letzten Album erstaunlich gereifte Komponistin unbeschwerte Zeiten im Garten ihrer Großeltern Revue passieren, die nun beide nur noch in der Erinnerung leben. Im von eloquenten Streichern kommentierten "Hands" stellt sie beherzt pianierend fest, dass sie die Hände ihrer Mutter hat, die wiederum die Hände ihrer Mutter hat - und Hyvönen ahnt, wie diese Tradition fortgesetzt wird.

Es passt zur historischen Aura der Familienchronik, dass "Enchanted" so zauberhaft nostalgisch beginnt, als käme es aus einem alten Grammophon. Hyvönen läutet damit den letzten Teil der Platte ein, der sich fast komplett dem Genre des hingebungsvollen Liebesliedes widmet. Abgesehen vom augenzwinkernden, im Calypso-Stil gehaltenen "Postcard", das dem zuhause gebliebenen Herzblatt so liebenswürdige Botschaften wie "Take care of the flowers / And say hello to the snow" überbringt. Im fantastisch arrangierten "Every crowd", das einmal mehr mit Piano und hinreißender Orchestrierung aufwartet, gesteht sie dann aber ganz unironisch: "You pan all the gold from my dirty mind." Kein Wunder, dass der logische nächste Schritt ein goldener Ring am Finger ist. Und so referiert sie im großen, opulenten Finale "Gold" die während einer Indienreise beginnende Biografie ihres Eheringes. Wo Hyvönen hingehört, dürfte nach gut 50 Minuten also geklärt sein: Nicht nur in dieses eine Herz.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Saying goodbye
  • Farmor
  • Enchanted
  • Gold

Tracklist

  1. Gas station
  2. Terribly dark
  3. The wild Bali nights
  4. California
  5. Saying goodbye
  6. Farmor
  7. Picking apples
  8. Hands
  9. Enchanted
  10. Postcard
  11. In every crowd
  12. Gold

Gesamtspielzeit: 50:51 min.

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Alter Schwede
2013-03-15 13:28:27 Uhr
Oh.Mein.Gott.Ist.Das.Furchtbar.....
U.R.ban
2013-03-09 08:45:24 Uhr
Ich kann schon nachvollziehen, dass man das toll finden kann, ich selbst kann mir das nach dem ersten hören aber auch überhaupt nicht geben. Ist wohl auch eher son Mädchen-Ding...:)
09/10 ist aber dann doch ein wenig übertrieben, zumal Steve Mason ein absolut würdiger Kandidat für das Album der Woche gewesen wäre.
Altz
2013-03-09 08:26:09 Uhr
Ein großes Album. Wer nicht erkennt, dass "Terribly dark" stilistisch ne ziemliche Ausnahme auf der Platte ist, dem kann man dann irgendwie auch nicht mehr helfen. "Saying Goodbye" ist so unglaublich toll.
8/10 hätte ich aber dann doch eher gegeben.
afromme
2013-03-09 00:23:38 Uhr
Ohja - das bescheuerte Cover hatte ich in meiner Aufzählung ganz vergessen.
Wobei das immerhin im Grunde seinen Zweck erfüllt, denn wenn es nicht mit 9/10 auf PT bewertet Album der Woche wäre, hätte mich schon das Cover effektiv vor dem Inhalt gewarnt, der ja exakt dem entspricht, was das Cover verspricht.
Lee
2013-03-08 22:28:54 Uhr
... und was für ein bescheuertes Cover... Das muss man jetz eine Woche lang auf PT sehen...
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