Retrogott & Hulk Hodn - Fresh und umbenannt

Retrogott & Hulk Hodn- Fresh und umbenannt

Entbs / Groove Attack
VÖ: 01.03.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der Schämanismus

Du wirst Dich dumm fühlen. Das war bei den beiden Platten davor so, das ist auch bei "Fresh und umbenannt" nicht anders. Retrogott & Hulk Hodn (vormals Huss & Hodn) gehören zum Besten, was es im deutschsprachigen Rap gibt, und in der Tat schämst Du Dich nach jedem ihrer Alben. Weil Du nie auf so gute Zeilen kommen wirst. Weil Retrogott so viel offensichtliches Zeug anspricht. Weil Hulk Hodn zu den stärksten Producern zählt. Doch bei aller Scham und unberechtigten Minderwertigkeitskomplexen lohnt sich "Fresh und umbenannt", weil Retrogott und Hulk Hodn alles genauso gut machen wie sonst auch. Und alleine bei diesem Satz beschleicht einen schon die Angst, ob das nicht total bescheuert daherkommt.

Fest steht: Retrogott bleibt einer der besten deutschen Rapper. Seine Technik kommt auch auf "Fresh und umbenannt" ziemlich einmalig. In "Sofunktioniertdiewelt" bricht er sein Reimschema in entspanntester Weise, wenn er das letzte Wort seiner Zeilen zerkaut. Die Ironie steckt nicht nur im Text selbst, sondern auch im Flow, und das macht bei Retrogott so unglaublich viel Bock. "Wenn Gedanken denken könnten, was wären sie dann? Du bist Superman und hast einen Kryptonit-imprägnierten Umhang an", rappt er in "Rapundzigaretten", das so gut wie jedem Menschen auf die Füße tritt, der irgendwie am HipHop-Geschäft teilnimmt. Deutscher Rap über deutschen Rap fällt bei vielen anderen Künstlern eher in die Schublade "langweilige Peinlichkeiten", doch bei Retrogott & Hulk Hodn ist das tatsächlich eine treffsichere Bestandsaufnahme: "Ihr habt nicht verstanden, dass es abseits von eurer Parallelrealität auch noch um Musik geht." Thematisch geht es allerdings nicht nur darum, sondern auch um Gesellschaft, das Leben, den ganzen Scheiß eben. Es genau aufzubröseln, bringt da auch eher wenig, denn die Dinge hängen alle zusammen. Wer will, findet auch in "Quetschkommode" Verweise abseits von Musik. Hinter solchen Weisheiten macht Hulk Hodn übrigens wieder einen ziemlich starken Job am Turntable, auch wenn der Oldschool-Sound oft unauffällig bleibt, weil Retrogotts Texte so stark sind.

Aber alleine der Beat von "Doindamage", wie die einzelnen Effekte den Rhythmus mehr und mehr in den Vordergrund holen, dürfte jeden Menschen erfreuen. Auch "Genugvongott", wo ein Klavier irgendwo im Hintergrund baselt, funktioniert astrein. Authentizität und Treue zu sich selbst, das sind vielleicht die Dinge, die hier stehen müssten, wenn, ja, wenn das nicht wieder so Worte wären, von denen kleine Rezensentenfinger lieber ablassen beim Tippen. Doch Retrogott & Hulk Hodn fallen weiterhin aus der gesamten deutschen Szene raus, denn ihr Sound ist ziemlich einmalig und unerreicht. "Fresh und umbenannt" mag der Klingelstreich des Deutschraps sein, doch gerade dadurch lockert diese Platte ein Genre auf, das sich zu oft zu gerne zu ernst nimmt. "Braucht Rap Abitur? Nein, Abitur brauchst Du nur, wenn Du studieren willst. Deshalb heißt es auch Hochschulreife und nicht Rap-Schulreife. Du Idiot." Jetzt schäme ich mich.

(Björn Bischoff)

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Highlights

  • Keinwort
  • Sofunktioniertdiewelt
  • Ausliebezudenbeats

Tracklist

  1. Intro
  2. Fabrik
  3. Hundeundgeld
  4. Genugvongott
  5. Quetschkommode
  6. Doindamage
  7. Keinwort
  8. Dermotor
  9. Sofunktioniertdiewelt
  10. Freshundunbenannt
  11. Fahrstuhl
  12. Liebemachen
  13. Featurenummer
  14. Ein$note
  15. Ausliebezudenbeats
  16. Diefragebleibtgeschlossen
  17. Zuvieldesguten
  18. Interloot
  19. Gucknich
  20. Rapundzigaretten
  21. Freshdopeofcourse
  22. Lachmuskel
  23. Outro

Gesamtspielzeit: 60:25 min.

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