Little Annie & Baby Dee - State of grace

Little Annie & Baby Dee- State of grace

Tin Angel / Indigo
VÖ: 01.03.2013

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Hinten sie, vorne ich

Anne Bandez trägt von jeher den Künstlernamen Little Annie - eigentlich ist die gebürtige New Yorkerin aber seit den früher achtziger Jahren eine ganz Große: Die Sängerin und Multimedia-Künstlerin gastierte schon auf Platten so vieler Musiker, dass eine erschöpfende Aufzählung den Rahmen jeder Plattentests.de-Rezension sprengen würde. Nur so viel: Ihre eigene Band Annie And The Asexuals betrieb Bandez genauso wie Kooperationen mit Industrial-Dub-Koryphäe Keith Leblanc, den britischen Anarcho-Punks Crass oder zuletzt mit Botanica-Mastermind Paul Wallfisch. 2006 wirkte gar Antony Hegarty an ihrem Torch-Song-Album "Songs from the coal mine canary" mit - und nun ist mit Baby Dee eine Transgender-Ikone der zeitgenössischen Popmusik an der Reihe.

Live performte Bandez mit der als Junge geborenen Multiinstrumentalistin bereits deren Song "The dance of diminishing possibilities" - in ähnlicher Konstellation wie auf diesem gemeinsamen Album: Im Hintergrund spielt Baby Dee Klavier, im Vordergrund singt Little Annie, raucht dabei und tut gut daran. Mutmaßlich unzählige Zigaretten haben ihrer imposanten Alt-Stimme über die Jahrzehnte nämlich keinen Deut geschadet. Eher im Gegenteil: Ihr nikotingegerbtes Organ legt sich wie ein brokatener Schleier über die Songs von "State of grace", die Dee mit feinem Gespür für Kitchensink-Drama, tragikomisches Cabaret und lasziv angehauchte Außenseiterballaden mit Piano und Hammondorgel ausstaffiert, ehe sich sirrende Streicher und vorlautes Getröte dazugesellen.

Dazu mustert Bandez mal selbstironisch, mal mit schiefem Grinsen sehnsüchtig schwelgend die eigenen seelischen Narben oder erzählt Geschichten über verkrachte Existenzen. Das launig holpernde "Angels gone before" betrauert abwechselnd aufgekratzt und wehmütig die auf der Strecke gebliebenen Freaks, schweren Jungs und leichten Mädchen, die Neufassung von Stevie Wonders "Never dreamed you'd leave in summer" steht genauso verzweifelt vor der Trümmern einer gescheiterten Beziehung wie der rumorende Vaudeville-Rumpler "Pain check" dem abtrünnigen Lebensabschnittsgefährten spitzfindig eine lange Nase dreht: "I would have gone to hell with you / If you had only asked me to." Und gerade beißt sich irgendwo in New York womöglich jemand in den Allerwertesten. Bandez kann das egal sein: Sie ist ohnehin schon längst woanders.

Lieber rekapituliert sie in "Back in the day" munter den jugendlichen Ungestüm vergangener Zeiten oder verwildert den Wynona-Carr-Gospel "Pilgrim traveller", den Dee zudem mit fauchendem Georgel unterlegt. Das Titelstück gibt es sogar zwei Mal: Zunächst beharkt sich Bandez' verqualmte Stimmpräsenz mit dem Gebrummel von Gast Bonnie 'Prince' Billy, gegen Ende bequemt sich dann auch Dee ans Mikro. "We gotta get out of this place", singen beide - als wollten sich die ungleichen Diven mit ihrer kunterbunten Nummernrevue schleunigst aus dem Studio auf die Bühne flüchten. Und dank des oft ungestümen Happening-Charakters bleibt "State of grace" auf Platte tatsächlich fast notwendigerweise eine etwas unvollständige Angelegenheit in Sachen gehobener Kleinkunst. Doch nach "Perfect gift" weiß man wenigstens: Auch kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Angels gone before
  • Pilgrim traveller
  • Pain check

Tracklist

  1. Angels gone before
  2. Love to break the fall
  3. State of grace (with Bonnie 'Prince' Billy)
  4. Pilgrim traveller
  5. Never dreamed you'd leave in summer
  6. Pain check
  7. Gown of tears
  8. Back in the day
  9. State of grace
  10. Perfect gift

Gesamtspielzeit: 35:11 min.