The Kyteman Orchestra - The Kyteman Orchestra

The Kyteman Orchestra- The Kyteman Orchestra

Kytopia / Rough Trade
VÖ: 01.03.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Platz da!

Versuche mal, jemanden zu finden, der auf dem Hurricane-/Southside-Festival spielen kann und auch problemlos auf Jazz-Festivals. Jemanden, bei dem eine Oper als Austragungsort genauso stimmig scheint wie eine Open Stage für Battle-Rapper, eine Industriehalle oder ein Club. Die Ambition, diesen Spagat hinzubekommen, haben viele Musiker sicherlich gar nicht, sie können ihn sich aber auch schlicht nicht leisten. Für das niederländische The Kyteman Orchestra indes ist das ein leichtes. Die Elbjazz- wie Pinkpop-Festvial-erprobte Truppe entert jede Bühne mit gut 50 Musikern und ist live eine Wucht.

Es fällt schwer, dem Kyteman Orchestra keine Schnittmenge aus Innovativität, Experimentierfreude und unkontrolliertem Größenwahn zu unterstellen, auch wenn das "I-Wort" im Musikjargon ja lebenslanges Hausverbot hat. Alleine um die verwendeten Instrumente zu erwähnen, reicht allerdings ein vollgeschriebenes DIN A4-Blatt nicht mehr aus. Zu verdanken ist das Colin Benders, dem Kyteman. Mit 16 stand der schon als Jazz-Trompeter auf der Bühne, nun leitet und dirigiert er ein riesiges Orchester. Hier, so sagt Benders mit Blick auf das Album, sind alle Musiker auch an der Entstehung beteiligt. Das funktioniert dank Kytopia, einem Gelände mit zwei riesigen Gebäuden, in dem täglich rund 60 Künstler zusammenarbeiten; die Wohnungen der Musiker sind gleich um die Ecke.

Das Intro der Platte klingt sodenn auch mehr wie ein Warmspielen, als trudelten langsam alle ein, ehe mit "While I was away" die ersten knapp neun Minuten auf den Hörer zurollen. Mit wunderbaren Crescendo-Diminuendo-Wechseln, an Radiohead erinnernden Percussions, nervösen Violinen, Sprechgesang zu choralen Stabwechseln und der sich euphemistisch-wiegenden Zeile "While I was away a part of me remains." Wer da schon überfordert ist, kann gleich die Segel streichen. Auftritt für die Rapper. "Truth or dare" mischt Oldschool-HipHop-Rhythmiken mit eingängigem Poprefrain: "Truth is a language with no native speakers left." Nach zweieinhalb Minuten switcht auch "Angry at the world" zu einer aggressiven DMX-Attitude und wühlt sich gleichsam durch dickflüssige Synthies, bevor "Long lost friend" den Jazz umarmt und "The void", "The ballad" und "Day one" als rein instrumentale Stücke dem Kyteman Orchestra unzählige Filmscore-Aufträge bescheren dürften.

Ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht die Platte mit der Stimmung eines okkulten Sektentreffens in "Preaching to the choir". Harmlos werden anfangs die Violinen gezupft, leicht touchiert oder mit dem Bogen geklopft, bis einer der zum Orchester gehörenden Opernsänger einsteigt und sich mit einem x-köpfigen Chor immer intensiver scheppernden, blechernen Schlagzeugtraktionen, Tubular Bells und einer überdimensionalen Pauke entgegenstemmt. Ende. Also das war noch lange nicht die letzte Geschichte zu dieser Platte. Nur um es kurz zu machen: Hier ist alles drin. Nur keine Gitarre.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • While I was away
  • Angry at the world
  • Preaching to the choir
  • The mushroom cloud

Tracklist

  1. Intro
  2. While I was away
  3. Truth or dare
  4. Angry at the world
  5. Long lost friend
  6. Preaching to the choir
  7. 7/8
  8. The Void
  9. The mushroom cloud
  10. The ballad
  11. On s'en fout
  12. Day one

Gesamtspielzeit: 61:51 min.

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