Steven Wilson - The raven that refused to sing (And other stories)

Steven Wilson- The raven that refused to sing (And other stories)

Kscope / Edel
VÖ: 01.03.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Tales of mystery and imagination

Wollte man Steven Wilson Böses, so könnte man ihm heillosen Egoismus andichten. Seine Anfänge? Fanden nicht etwa als Musiker, sondern als Quasi-Produzent statt, indem er als Teenager an Papis Bandmaschine schraubte und sich als Vehikel eine fiktive Band namens Porcupine Tree ausdachte. Die bekanntermaßen später eine "richtige" Gruppe wurden und von Wilson unlängst auf Eis gelegt wurden, als das Bandgefüge ihn nach eigener Aussage zu sehr einengte. Oder nehmen wir mal seine zahlreichen Projekte wie Bass Communion, die eher der Tüftelei dienen denn als musikalisches Sprachrohr. Auf der anderen Seite gibt es wenige derart profunde Kenner der Prog-Szene, für die Tellerränder eher als Aussichtsplattform dienen und nicht als natürliche Grenze des Schaffens, sei es in der Zusammenarbeit mit Opeth oder in der Aufgabe, Platten von Jethro Tull oder King Crimson in behutsamen Remixen neues Leben einzuhauchen.

Wenn man also weiß, dass Wilson seit jeher derlei Einflüsse wie ein Schwamm aufnimmt, besteht die Überraschung nach den ersten Minuten von "The raven that refused to sing (And other stories)" nicht etwa darin, dass das eröffnende "Luminol" ein derart wildes Gewitter aus eben jenen King Crimson, verzwicktem Canterbury-Gefrickel und jazzigen Passagen ist, sondern dass diese vermeintlich krude Mixtur tatsächlich meisterhaft funktioniert. Was nach den ersten Durchläufen schwer verdaulicher Artrock zu sein scheint, frisst sich immer weiter ins Hirn, bis auch wirklich jede Nuance erforscht ist - kongenial umgesetzt von brillanten Musikern wie beispielsweise Marco Minnemann, der am Schlagzeug jeden Taktwechsel, jedes Break derart filigran performt, als seien es Übungsstunden zwischen Frühstück und Mittagessen.

Apropos filigran: Es sind immer wieder diese faszinierenden, fragilen Breaks, die aus Songs wie "The holy drinker" oder dem Mittelteil von "The pin drop" wahre Kunstwerke machen, ganz im Sinne des Albumkontexts, einer Sammlung übernatürlicher Geschichten - einen gewissen Edgar Allan Poe nicht nur zufällig im Plattentitel zitierend. Und wenn Wilson dazu die bittersüße Ballade "Drive home" einstreut, ist das auch wegen des leicht an das großartige "Shesmovedon" aus dem Jahr 2000 erinnernden Refrains herzzerreißend schön.

Spätestens mit "The watchmaker", dessen erste Hälfte genau so auf "Selling England by the pound", einem der wichtigsten Genesis-Alben der frühen Phase, Platz gefunden hätte, ist endgültig klar, dass "The raven that refused to sing (And other stories)" Eklektizismus in Vollendung ist. Unterstützt durch niemand Geringeren als Alan Parsons, der bekanntermaßen bereits 1973 Pink Floyds "The dark side of the moon" in ein für die damalige Zeit beeindruckendes Klanggewand hüllte, zitiert Wilson nicht nur, er verbeugt sich vor seinen musikalischen Vorbildern, indem er die überbordende Kreativität der frühen Siebziger von ihrem seinerzeit durchaus vorhandenen Narzissmus trennt und in die Neuzeit transportiert. Gepaart mit der Wilson so eigenen Melancholie und Faszination fürs Düstere ist das große Kunst. Prachtvoll.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Luminol
  • The holy drinker
  • The watchmaker
  • The raven that refused to sing

Tracklist

  1. Luminol
  2. Drive home
  3. The holy drinker
  4. The pin drop
  5. The watchmaker
  6. The raven that refused to sing

Gesamtspielzeit: 54:43 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Pivo
2015-03-10 12:43:08 Uhr
Durch Hand.Cannot.Erase bin ich auch auf dieses Werk gestossen...... Habe erstmal nur Drive home und den Titeltrack gehört..... Es sind starke Songs, die mich veranlasst haben das ganze Album zu bestellen. Bin sehr gespannt. Der Junge kann was, das muss man ihm lassen...... Ein Künstler halt. Abseits vom Mainstream gibt es einfach die bessere Musik (für meinen Geschmack: Nichts gegen Rihanna- oder Coldplayfans)... :-)
Den Tränen nah?
2013-12-11 23:39:20 Uhr
"Wer beim Video von "Drive Home" nicht den Tränen nahe ist, dem ist wahrlich nicht mehr zu helfen."

Ach Gottchen...nur zur Info, manche mögen es, wenn nicht ganz so platt auf die Tränendrüse gedrückt wird wie in dem Video - aber es passt ja zu den Texten auf dem Album, da wird einem auch wirklich alles haarklein aufgedröselt.
Ich ziehe eher in dem Fall den Titeltrack von Insurgentes vor..."The Raven" klingt für mich tot, keine Atmosphäre.

BVBe

Postings: 282

Registriert seit 14.06.2013

2013-09-26 09:45:19 Uhr
Apropos Video: Was haltet ihr von dem Video zu "The Watchmaker" (mit den kleinen Hunden), zu sehen auf youtube? Hat mich berührt, Gänsehaut, graphisch ganz stark umgesetzt!
zweifler
2013-09-24 03:20:59 Uhr
irgendwie finde ich das Album nicht halb so göttlich wie es dargetellt wird. klar, guter durchschnitt, aber im prog bereich gab es in den letzten jahren wesentlich aufregendere Sachen. aber halt nicht von hansdampfinallengassen wilson. das doppelalbum vorher war imho viel besser.
nal
2013-09-22 22:49:55 Uhr
seelenloses Video wenn ihr mich fragt
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