Sex Jams - Trouble, honey

Sex Jams- Trouble, honey

Siluh / Cargo
VÖ: 01.03.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Heulbojen

Vielleicht ist Wolfgang Möstl ja tatsächlich so etwas wie der Kurt Ebelhäuser der Alpenrepublik: Er arbeitet zwar nicht als Produzent und außerdem mit deutlich anderen musikalischen Koordinaten, spielt seinen Stil mittlerweile aber mindestens ebenso schlafwandlerisch und versiert wie dieser und gewann dadurch über die Jahre beachtlichen Einfluss und Respekt. Um diese Position ansprechend zu unterstreichen, firmiert Möstl inzwischen nicht nur als Songwriter der Noiserock-Urgesteine Killed By 9V Batteries, sondern auch solo als Mile Me Deaf - sowie seit seinem Umzug aus der Grazer Homebase ebenso als festes Mitglied der Wiener Sex Jams. Deren Debüt "Post teenage shine" verhakte sich auf dem Kreuzzug gen Indiehausen noch merklich mit seiner Postcore-Rüstung. Für den Nachfolger "Trouble, honey" ließen sie sich nun von Möstl anständig die Frisur zersauseln und schießen ihr manisches Potential erstmals mit gleicher Lust und Entschlossenheit ab wie ihr euphorisches. Das Ergebnis ist ein Kreuzzug gen Indiehausen, der auf seinem Weg ebenso tiefe Furchen durch Riot Grrrl und Noiserock schlägt, wie er den Hysterie-Pop zwischen Pixies und Q And Not U ordentlich verwüstet.

Was, so unfair es auch klingen mag, tatsächlich bedeutet, dass Sex Jams mit Möstl eine um einige Pfunde bessere Band sind. Denn dieser stimmt seine Gitarre wie gewohnt perfekt auf Pavement-Leier, J-Mascis-Soli, dispergierenden, doch scharfzüngigen Shoegaze oder auch kratziges Feedback. Damit variieren und pulsieren nicht nur die Songverläufe wunderbar aufgeregt, auch die vier Original-Sex-Jammer fühlen sich hörbar herausgefordert. Schnell offenbart sich, welches Potential schon immer in dieser Band schlummerte, und insbesondere Sängerin Katie Trenk präsentiert eine stimmliche Bandbreite, die beim Debüt noch im unterkühlten Sprechgesang hängenblieb. Auf "Trouble, honey" spart sie sich diesen für den düsteren Queenadreena-Beat von "Bounding into distance" auf und klingt dabei prompt so selbstbewusst wie einst Lydia Lunch in den 1980er Jahren. Doch auch beim melancholischenen Breitwand-Midtempo von "Deicer" und "September" kann sie zielsicher mit. Ebenso beim Riot-Grrrl-Punk von "Science of shapes" oder "I call myself a rocket". Und auch die obligatorische Akustik von "Just kids" entbirgt dank ihrer Stimme die erhoffte anvisierte Ruhe vor dem finalen Sturm.

Eine Menge wohltuender Eintracht also, die Sex Jams bereits beim Opener "Beauty is a beast" auf der Grenze zwischen Eingängigkeit und Herausforderung ins Hymnische kippen lassen. Ihren Frieden mit Gott und der Welt haben sie deshalb aber natürlich nicht geschlossen. Hieß es früher allerdings noch "It's you and me against the world / Sing some Dylan at the club", so skandierten Möstl und Trenk bereits vor drei Jahren durch ihren ersten gemeinsamen Song: "We are younger than the kids / Cause we bury all the sins." Heuer operieren sie den Satzgesang von "Shark vs. apple" zu einem In-Zungen-reden-Contest um - mit den Höhepunkten "Lalalalalalalalalalalalalala", "Miau" sowie ein paar dahingeworfenen Zeilen im Satchmo-Groll-Modus. Dazu schwingt der Song Haupthaar, Fäuste und Hüften zugleich. Ein perfektes euphorisierendes Stückchen Noisepop, das zudem noch den hinterletzten Hipster von der Tanzfläche vertreibt: Zu schmutzig ist das, zu wirr und unkalkuliert. "All the kids will weep, when we rush in" - Hand drauf.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Beauty is a beast
  • Shark vs. apple
  • Deicer
  • Science of shapes

Tracklist

  1. Beauty is a beast
  2. Shark vs. apple
  3. Twists and turns
  4. Deicer
  5. Bounding into distance
  6. We seek
  7. I call myself a rocket
  8. September
  9. Science of shapes
  10. Just kids
  11. Wild curse

Gesamtspielzeit: 41:32 min.

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