Long Distance Calling - The flood inside

Long Distance Calling- The flood inside

Superball / EMI
VÖ: 01.03.2013

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Grundlos ohne Grund

Allerorten kotzen sie es uns vor die Füße, ungefragt: Der Musikjournalismus geht also vor die Hunde. Wie oft war Plattentests.de eigentlich schon abgesägt? In Zeiten von lastfm, youtube und spotify höre doch ohnehin jeder selbst die Platten, da bräuchte es keine Ratgeber und Experten mehr – jeder könne sich eine eigene Meinung bilden. Also weg mit dem elitären Gehabe, jeder Mensch ist Musikkritiker. Nun, unbestreitbar ist, dass manche Szeneinstitution sich zu Urteilen und Prognosen bewegen lässt, die so planlos und so übermotiviert daherkommen, dass John Peel unverzüglich in die nächstbeste Schallplatte beißen würde, wäre er noch unter uns. Ein besonders haarsträubendes Beispiel hat der Metal Hammer jüngst geliefert: Der behauptete, "The flood inside" sei das "Angel Dust" für die Zwanzig-Zehner.

So froh man sein darf, dass da tatsächlich mal jemand den Mut hat, sich an einer Einordnung auf dem Pop-Zeitstrahl zu versuchen – hier verwechselt er Mut mit einem Himmelsfahrtskommando und Faith No More mit einer musikalischen Randnotiz. "The flood inside" klingt nirgends, wirklich nirgends wie die übervoll innovative und hyperaktive Tour de Force von 1992. Umso ulkiger wird der Vergleich dadurch, dass keine Band der letzten 25 Jahre so nachhaltig von ihrem Sänger profitierte wie Faith No More. Zur Erinnerung: Long Distance Calling sind eine Instrumentalband. Korrigiere: Sie waren eine Instrumentalband.

Aus der alten Sitte, auf jedem ihrer Alben auf einem Stück mit einem Sänger zusammen zu werkeln, ist nun eine maßgebliche Veränderung am Gesamtkonzept geworden. Martin "Marsen" Fischer heißt der Ersatz für den im Gegenzug ausgestiegenen Reimut van Bonn, der zuvor für die elektronischen Ornamente zuständig war. Blieb schon auf den Vorgängern der Eindruck kleben, dass eine derart versierte und detailverliebte Band bestens ohne Gesang auskommt, gelingt es auch auf "The flood inside" kaum, diesen Schritt inhaltlich zu rechtfertigen. Zu austauschbar, zu nölig und zu hardrockig lässt Fischer die Muskeln spielen. Wie es anders gegangen wäre, beweist die wunderbar androgyne Interpretation von Petter Carlsen in "Welcome change", die als Antidot wirkt gegen die instrumentale Kraftmeierei.

Long Distance Calling brillieren natürlich noch immer im Zusammenspiel, "The flood inside" hat Punch und geht stärker denn je auf Distanz zum Postrockanfang des ersten Albums. Das erklärt die recht einhellige Begeisterung vor allem in Metallerkreisen – obwohl "The flood inside" gerade bei den Riffs Ideen vermissen lässt. Wirklich überraschen oder fordern kann das Album nicht, weil Long Distance Calling ihre Blicke fast ausschließlich zurück werfen: "The flood inside" ist nostalgisch, im Geiste des Progressive Rock der 1970er und 1980er Jahre entstanden, mehr Muckertum als intellektuelle Anstrengung, mehr Baukastenprinzip als Drama. In den starken Momenten wie in "Nukleus" schlagen Long Distance Calling dabei aus wenig mehr als einer mäandernden Gitarrenmelodie und einer trockenen Snare Funken. Und gerade wegen dieses songdienlichen Minimalismus waren Mogwai schon immer die besseren Ratgeber fürs Songwriting als die dauerüberschätzten Opeth. In diesem Sinne: Bleib ruhig, John. Kein Grund zur Aufregung.

(Nicklas Baschek)

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Highlights

  • Nukleus
  • Welcome change

Tracklist

  1. Nukleus
  2. Inside the flood
  3. Ductus
  4. Tell the end
  5. Welcome change
  6. Waves
  7. The man within
  8. Breaker

Gesamtspielzeit: 55:23 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
bestes album=
2013-03-07 12:55:15 Uhr
avoid the light
Peter
2013-03-07 12:53:30 Uhr
belanglose Band.Da gibt es ne Menge besseres u im Bereich instrumentaler/heavy Postrock (oder wie das heisst) und der Sound hat sich selbst gerade übersättigt.
Kamm
2013-03-07 12:48:21 Uhr
Und gerade wegen dieses songdienlichen Minimalismus waren Mogwai schon immer die besseren Ratgeber fürs Songwriting als die dauerüberschätzten Opeth.

Äpfel mit Birnen, oder eher Giraffen. Mogwai und Opeth haben musikalisch so wenig miteinander zu tun, dass man bei Hinzunahme einer dritten Band gar nicht sagen kann, von welcher der Beiden diese ihr Songwriting besser beeinflussen lassen sollte. Hier geht es wohl eher um persönliche Präferenzen. Und songdienlicher Minimalismus kommt bei einigermaßen hippen Leuten grundsätzlich besser an als songdienlicher Ideenreichtum und Komplexität, warum auch immer. Ich finde sowohl Opeth als auch Mogwai genial, aus unterschiedlichen Gründen. Taste is a form of personal censorship.

Zur Band: Ich kenne nur "Satellite Bay", und selbst das fand ich schon nicht sooo spannend.
shorty
2013-03-03 18:00:52 Uhr
von der band reicht das debut
DoubleK
2013-03-03 17:57:18 Uhr
Lieber Herr Baschek,
den gesanglichen Hauptteil in "Welcome change" singt ein gewisser Vincent Cavanagh von einer gewissen Band namens Anathema, was eigentlich nicht zu überhören ist. Petter Carlsen ist Beiwerk. ;)
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