Jamie Lidell - Jamie Lidell

Jamie Lidell- Jamie Lidell

Warp / Rough Trade
VÖ: 15.02.2013

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Funkbombe sucht Hornbrille

Nicht nur, dass Jamie Lidell immer mehr wie Adam Levine aussieht, wenn dieser sich für eine anständige Karriere abseits von Unappetitlichkeiten wie Maroon 5, Nacktfotos und Christina Aguilera entschieden hätte, nein, Jamie Lidell führt den Funk mehr in die Zukunft als so ziemlich jeder andere Künstler - und das ausgerechnet in Nashville. Dort, wo sich Kautabak und Grasnarbe "Gute Nacht!" sagen und wo mit Country vielleicht das vergangenheitsversessenste Genre seinen Nabel hat. Kontraste sorgen für Reibungseffekte. Für die schlicht selbstbenannte Platte spannt Lidell jenes Planquadrat, auf dem schon "Compass" entstand, weiter auf und umfasst dieses Mal etwa auch Dubstep. Dabei geht Lidell der Funk nicht so durchs Blut wie Mayer Hawthorne der Soul oder Nick Waterhouse der R'n'B, denn dafür ist Lidell in der Tat zu sehr Nerd, Soundtüftler und Fuchs. Auch noch auf seinem fünften Album. Oder gerade auf seinem fünften Album.

Denn Lidells Weiterentwicklung mündet nun in Tracks wie "What a shame" oder "So cold", die er zwar auf Linie hält, aber die so nicht wirklich berühren. Das Unterheben vom schweren Bass unter den lockeren Funk klappt zwar schon, doch die Hook versackt dagegen ein wenig. Und "So cold" reibt einem zu offensiv seine Intention ins Gesicht. Das sind immer noch anständige Tracks. Aber sie halten nicht so richtig die Stimmung, die Lidell sonst auf dieser Platte erzeugt. Dagegen stehen allerdings Funkbomben wie "You naked", in denen Lidell losgelöster agiert vom Sound. Das Ding treibt einfach nur vor sich hin und das Arrangement sitzt perfekt. Vielleicht ist das tatsächlich die bisher überzeugendste Spielart in letzter Zeit von Funk, zumindest gibt es keinen Track der letzten fünf Jahre, der "You naked" ausstechen würde. Das anschließende Experiment mit "why_ya_why" funktioniert auch perfekt, wenn die trägen Synthies mit Bass über die Melodie marschieren. Eine schale Trompete pustet später noch ein paar Töne über die Takte, was so ziemlich der komplette Gegenentwurf zu allen Bemühungen um Arschschüttelei im Track davor sein dürfte.

Jamie Lidell bleibt auch weiterhin ein guter Sänger, allerdings kein wirklich starker Texter. Das Genre steckt die Themen ab, kein Vorwurf, doch da haben manche Leute schon erfrischendere Worte gefunden als: "I don't want your medicine / I just want to break the chain." Aber unter der Diskokugel sollen solche Kleinigkeiten niemand stören, denn dafür steckt in diesem Album zu viel Liebe zum Detail, und wenn das manchmal in die falsche Richtung lenkt, juckt das keinen. Hauptsache die Kiste wackelt, und genau das schafft Jamie Lidell. Wer so weit mit seinen Hüften kreist, trifft so zwangsläufig die Zukunft des Genres. Und reißt sie mit dem Arsch ein paar Sekunden später wieder ein.

(Björn Bischoff)

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Highlights

  • You naked
  • why_ya_why

Tracklist

  1. I'm selfish
  2. Big love
  3. What a shame
  4. Do yourself a faver
  5. You naked
  6. why_ya_why
  7. Blaming something
  8. You know my name
  9. So cold
  10. Don't you love me
  11. In your mind

Gesamtspielzeit: 48:23 min.

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