Heino - Mit freundlichen Grüßen

Heino- Mit freundlichen Grüßen

Starwatch / Sony
VÖ: 01.02.2013

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Rente mit 666

Skandal! Heino wildert in fremden Gefilden und bringt ein ganzes Genre gegen sich auf: "Rockerkrieg" titelte unlängst die Bild-Zeitung mit einer ziemlich konstruiert wirkenden Geschichte. "Ich lasse mir das Singen nicht verbieten", konterte Heino im Springer-Blatt den Künstlern, deren Songs der sonnenbebrillte Altstar auf seinem aktuellen Album "Mit freundlichen Grüßen" angeblich ungefragt coverte. Rockgrößen wie Rammstein und die Ärzte seien außer sich, behauptete die Boulevard-Zeitung. Gar von Zahlungsaufforderungen in sechsstelliger Höhe war die Rede. Wer auch immer da wie beteiligt war: der PR-Coup des Jahres. Das Artwork des Albums schmückt eine gelbe Banderole im CSI:Whatever-Look mit den Worten "DAS VERBOTENE ALBUM!!!" - versal geschrieben, drei Ausrufezeichen. Dabei macht auch der neue Totenkopfring aus dem Schlagerstern noch lange keinen Rockrüpel. Trotzdem betritt Heino mit seinem neusten Machwerk Plattentests.de-Terrain. Grund genug für eine eingehendere Betrachtung.

Mit seinen 74 Lenzen und seinen knapp 50 Jahren im Musikgeschäft liefert der Routinier ab, was von ihm erwartet wird: Das gerollte "R", die unverkennbare, tiefe Heino-Tonlage, glattgezogene Musik vom Band – Volksmusik, Musik fürs Volk. Doch diesmal interpretiert er eben fremde, genre-externe Federn und geht dies mit all seiner Erfahrung an. Die musikalische Untermalung orientiert sich jeweils mehr oder minder stark am Original, ersetzt gerne mal die E-Gitarre durch eine Traumschiff-Trompete, den Beat durch verträumtes Getrommel, das einen karibischen Duftschweif hinterlässt. Auf diese Weise entsteht, von ihrer ursprünglichen Machart entkoppelt, eine Reihe seltsam-witziger Lieder.

Abgesehen von den fehlenden Gitarrenriffs bleibt "Sonne" fast der gleiche Song. Angsteinflößend ist vor allem die Nähe zwischen Heinos und Till Lindemanns Stimme. Dennoch gelingt die Genreverschiebung des Stücks. "Ein Kompliment" klingt aus seiner Kehle fast ebenso gewitzt wie aus der Peter Bruggers. "Augen auf" macht in dieser Form präsentiert fast mehr Spaß als jemals zuvor. Wenn der blonde Barde sich ferner als Rapper versucht, vermisst Denyo und Co. plötzlich keiner mehr und auch Smudo und seine Crew verneigen sich ehrfürchtig, so gekonnt kickt er die Rhymes. Nur Spaß – es bleibt nichts weiter als ein armseliger Abstecher ins Sprechgesang-Metier. "Mit freundlichen Grüßen" präsentiert sich auf den ersten Blick stark an der eigentlichen Zielgruppe ausgerichtet, unternimmt aber in seiner Gänze sowie durch die mediale Inszenierung den Versuch, auch das jüngere Publikum zu erobern. Da schunkelt die Großmutti und fragt den nickenden Enkel, ob er das denn schon kenne. Da wippt der Großvati und bittet die mitgröhlende Schwiegertochter zum Tanz.

Aus ironischem Blickwinkel betrachtet, bringt "Mit freundlichen Grüßen" einen allemal nennenswerten Unterhaltungsfaktor mit sich. Es könnte nicht lange dauern, bis die Ärzte einlenken, Farin die Sonnenbrille herauskramt und die Berliner bei Auftritten den Evergreen "Schwarzbraun ist die Haselnuss" interpretierend Heino-Doubles mimen. Vielleicht lädt Rammstein-Frontmann Lindemann den Mittsiebziger ein, beim nächsten Groß-Open-Air gemeinsam mit ihm und seiner Penis-Schaum-Kanone die Menge anzuwichsen. Und dann treten vermutlich noch die Sportis fortan als Quartett auf und haben endlich einen richtigen Sänger. Scherz beiseite, wie der Volksmusik-Opi mit dem immergleichen Haaransatz sich auf seine alten Tage noch mit dem Rock-Satan einlässt, verdient ein Mindestmaß Respekt. So steht fest: Heino befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Zeit für die Rente.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Sonne
  • Leuchtturm

Tracklist

  1. Junge
  2. Haus am See
  3. Ein Kompliment
  4. Augen Auf
  5. Sonne
  6. Gewinner
  7. Liebes Lied
  8. Leuchtturm
  9. Vogel der Nacht
  10. Mfg
  11. Kling Klang
  12. Willenlos

Gesamtspielzeit: 44:13 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
HEINO
2016-03-02 14:34:16 Uhr
... da ist wieder einer der ganz Großen von uns gegangen. Nach Lemmy Kilmister Motörhead und Achim Mentzel nun David Bowie - ruht in Frieden! Ihr werdet nicht in Vergessenheit geraten - Danke, dass ihr die Welt mit eurer Kunst bereichert habt.
Die Ärzte
2014-11-03 11:54:12 Uhr
Ein Album für die Ewigkeit.

Telecaster

Postings: 640

Registriert seit 14.06.2013

2014-06-27 00:11:18 Uhr
Geht mir genau andersherum, nutzt sich total schnell ab. "Junge" geht aber immer noch.
Meisterwerk
2014-06-26 21:18:30 Uhr
Gewinnt mit jedem Hören.
Gilmour girl
2014-01-20 11:57:02 Uhr
Von Pink Floyd? Gerne!
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