Prag - Premiere

Prag- Premiere

Týnská / Tonpool
VÖ: 25.01.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Stadt voller Geigen

"Wir hatten einfach Bock, Mann" blökte Nora Tschirner bemüht genervt und halb ironisch zurück, als sie unlängst im Spartenprogramm nach dem Hintergrund der Bandgründung Prags gefragt wurde. Wer "einfach Bock" hat Musik zu machen, der karrt in der Regel ein paar Instrumente in eine Garage, nennt selbige fortan "Proberaum" und spielt einfach mal drauf los. Nicht so Prag: Für die Aufnahmen ihres Debütalbums "Premiere" ließ sich das befreundete Trio in der tschechischen Hauptstadt nieder und engagierte das örtliche Orchester des Nationaltheaters. "Einfach Bock" machten die Aufnahmen in Prag dem debütierenden Trio ganz offensichtlich, schließlich leiht die "goldene Stadt" nicht nur der Gruppe selbst, sondern auch dem bandeigenen Label den Namen: Týnská ist der Name einer Prager Straße. Wer eine ganze Stadt zum Proberaum umfunktioniert, sich entschließt die Veröffentlichung selbst in die Hand zu nehmen und sich zur Begleitung ein orchestrales Großkaliber ins Boot holt, muss sich seiner Sache sicher sein. Aber kann Prag auch halten, was es da verspricht?

Die musikalische Aufmachung von "Premiere" ist so divers, wie es die Konstellation eben vermuten lässt: Prag wagt den Spagat zwischen klassischen Klängen und poppigen Tönen. Und er gelingt. "Drehbuch" beginnt geheimnisvoll wie Strauss' "Also sprach Zarathustra", verwandelt sich aber mit dem einsetzenden Rhythmus zu einem schnörkellosen Popsong. Während "Und jeder hält die Luft an" die musikalische Untermalung komplett dem Orchester überlässt, bleibt dieses bei "Einkauf" fern. Stets deutlich betonend, wechselt der offenbar geschulte Sänger Erik Lautenschläger munter vom Chanson- in den Popmodus und wieder zurück. Wenn Tschirner dann obendrein einsetzt, gehen beide Stimmen eine wunderbare Gesangssymbiose ein, die eine heimelig-romantische Tiefe schafft.

Die Themenauswahl Prags lebt von nostalgischen Bildern und einem melancholischen Grundrauschen mit einem besonderen Blick für das Schöne. Die Platte steckt voller feiner Gedanken und liefert eine Reihe fabelhafter Formulierungen. Die Diversität des Zeitempfindens erklärt Prag im Song "Zeit" am musikhistorischen Beispiel: Während Leonard Cohen einst angab, er benötige ein Jahr für einen Song, veröffentlichten die Beatles im gleichen Zeitraum drei Langspieler. Natürliche Schönheit im Digitalzeitalter erkennt die Gruppe mit den Worten "Der Himmel muss ein Fotofilter sein". Im Song "Zweiter" verwandelt Prag die Niederlage zum Nichtgewinn und macht damit das halbleere Glas wieder halbvoll.

Insgesamt erscheinen die Arrangements durch die Bank gelungen: Jeder Song ist eine liebevoll durchdachte Inszenierung. Ist er von Nöten, wird der orchestrale Pomp kurzerhand integriert, erfordert es die Songaussage nicht, bedenkenlos ausgelassen. Mit Prags "Premiere" verhält es sich wie im Feinkostladen, nur ohne die ganzen bourgeoisen Kacker an der Kasse. Es ist wie ein Heiratsantrag im Fußballstadion bei dem seltsamerweise keiner lacht – übergroß aufgezogen, aber trotzdem niemals peinlich, stattdessen stilsicher dargeboten. Prag kleidet sich im Pelzmantel, trägt darunter aber auch nur die gleichen löchrigen Shorts wie Otto Normalverbraucher, verschleiert das allerdings zu keiner Zeit und gewinnt damit einen Modepreis. Der letzte Skeptiker muss erkennen: Das kann die Tschirner also auch noch. Der Musikfreund stellt fest: Das ist große Handwerkskunst. Mit schick verpackten Liedern.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Zeit
  • Drehbuch
  • Bis einer geht
  • Warten

Tracklist

  1. Leisestreichler
  2. Sophie Marceau
  3. Zeit
  4. Zweiter
  5. Drehbuch
  6. Vögel
  7. Einfach
  8. Und jeder hält die Luft an
  9. Bis einer geht
  10. Einkauf
  11. Argumente tausendfach
  12. Start
  13. Warten
  14. Einfach
  15. Ende

Gesamtspielzeit: 49:25 min.

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User Beitrag
missmagdeburg
2015-01-20 20:11:48 Uhr
beteiligten doch nicht runtergemacht werden. Wer diese Musik mag, soll sie hören, der Rest hört eben einfach weg. So nämlich
missmagdeburg
2015-01-20 20:10:40 Uhr
warum müssen immer extreme her? man kann Musik nicht mögen, aber deswegen müssen die
superhelge
2013-02-01 20:09:19 Uhr
Ich bin gerade verliebt in dieses Album...

Für mich das weibliche, romantische Pedant zu der Hansen-Band mit Jürgen Vogel bzw. zu Kettcar...
captain kidd
2013-02-01 09:57:38 Uhr
das album hätte so auch von annett louisan veröffentlicht werden können - dann hätten es die coolen nerds natürlich gehasst. für mich: lästiger schlagermüll, tschirner beweist, dass sie auch nicht musizieren und singen kann. da sie aber auch als nicht-schauspielerin erfolgreich ist, wird es auch hier klappen. der rest ist schweiger.
gfg
2013-01-31 18:17:24 Uhr
fgf: typischer kommentar von einem keinohrhasen-kinogänger, der das album noch nie gehört hat.
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