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Audio88 & Yassin - Todesliste

Audio88 & Yassin- Todesliste

Normale Musik / Groove Attackl
VÖ: 12.02.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Kämmt im eigenen Land

Audio88 hat jetzt Haare. Wahrscheinlich besaß er die vorher auch schon, aber die Quellen sind diesbezüglich dünn gesät. Wer möchte, kann sich hier einen Witz denken. Kein Witz ist, dass der nun behaarte MC gemeinsam mit Yassin, dem normalsten aller Rapper, ein neues Album aufgenommen hat. Das Duo legt mit "Todesliste" mal eben ein Werk vor, das mit dem zwischen "Lelele" und hundertster Rolex-Huldigung dahinsiechenden Deutschrap den Boden aufwischt. Es enthält sogar Autotune, doch peinliche Trap-Hooks bleiben ein Ding der Vergangenheit. Stattdessen lodert das Dach. Dreizehn Tracks lang, bis auch der letzte Feuerwehrmann eingesehen hat, dass hier nicht gelöscht werden kann. Der Amerikaner kennt einen Begriff für solche Alben: Blueprint.

Schon die Vorabsingles ließen erahnen, dass da Großes auf die Hörer zurollt. "Schlechtes Gewissen" wartet mit einer eingängigen Hook und einem herrlich boshaften Text auf. Noch brutaler geht es in "Lauf" zu, hier bekommen genau die ihr Fett weg, die es am meisten verdient haben. Auch "WUP" gelingt das Kunststück, politischen Anspruch mit Pop-Appeal zu vereinigen. Der weiße Mann hatte seine Chance. Genutzt hat er sie auch. Eventuell aber nicht im Sinne des Erfinders. Der Finger muss in die Wunde gelegt werden, solange sie offen ist. Und weil Audio88 und Yassin diesmal wahrscheinlich Ideen für zwei Alben hatten, liefern sie mit "Klingelton" gleich noch einen Banger für all jene, die sich verzweifelt an ihre Boombap-Alben aus den Neunzigern klammern. Mit Superlativen sollte man vorsichtig umgehen, aber das ist einfach verdammt geiler Scheiß. Anders gesagt: Das Ding macht "ratat tatat tatat".

"Du frisst deine Kinder, spuckst die Reste in die Spree / Ein schöner Ort zum Sterben, weil hier sonst einfach nichts geht", lautet die Hook des überragenden "Cottbus". Der Track beginnt mit autobiographischen Versen von Audio88, ehe die Perspektive erweitert wird. Die Mär vom abgehängten Osten wird genüsslich dekonstruiert, bis schließlich nichts als kalte Wut übrigbleibt. Es läuft etwas gewaltig schief. Nicht nur "bei denen", sondern überall. Er ist wieder da, der alte Affe Faschismus. Ebenso gelungen ist "Garten", in welchem Nura einen großartigen Gastauftritt hinlegt. Auch der Beat weiß zu überzeugen. Angenehm minimalistisch und trotzdem melodisch bildet er das Fundament für einen weiteren Hit.

Aber mal ehrlich: Wird "Todesliste" etwas am Elend des Deutschrap ändern können? Wahrscheinlich nicht. Doch genau deshalb ist es ein wichtiges Album. Ein Statement zweier Künstler, die über Jahre ihren Stil perfektioniert haben und nun machen können, was sie wollen. "Todesliste" ist die vorläufige Kulmination einer langen Entwicklung. In "Plus1" liefern die beiden MCs dann auch die Gebrauchsanweisung: "Während ihr noch über Grauzonen streitet / ziehen wir die Grenze mit der Kettensäge, als wäre sie ein Bleistift." Im Vorbeigehen wird dann auch noch der unsägliche Dieter Nuhr mit der Verachtung gestraft, die er braucht. "Was ist normal?", lautet die Grundfrage des Gesamtwerks des Duos. Die Antwort liefern die Künstler auf "Todesliste": Alles, was nicht Schmutz ist.

Denn Schmutz gibt es mehr als genug. Darf man das sagen? Man muss. Unter dem Deckmantel des Opfermythos versammeln sich jene, die sich nichts sehnlicher als eine Rückkehr in eine Welt wünschen, die es nie gab. Währenddessen werden diejenigen, die sich nicht wehren können, im Unterschichtenfernsehen vorgeführt. "Vater Mutter Kind" mag auf dem Papier die heilige Kernfamilie sein. Aber Papier brennt. Es gibt allen Grund, wütend zu sein. Nicht auf die sogenannten Schwächeren, sondern auf jene, die sich als Retter der Zivilisation aufspielen, während sie auf die Toten spucken, die genau diese Zivilisation hervorgebracht hat. Bis hierhin ist schon zu weit. Musik kann die Welt nicht ändern. Aber irgendwie muss man ja anfangen.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Lauf
  • WUP
  • Cottbus
  • Klingelton
  • Garten (feat. Nura)

Tracklist

  1. Schlechtes Gewissen
  2. Plus1
  3. Vater Mutter Kind
  4. Freunde
  5. Lauf
  6. Kein Regen
  7. WUP
  8. Todi
  9. Cottbus
  10. Klingelton
  11. Fließbandjob
  12. Garten (feat. Nura)
  13. Ende in Sicht

Gesamtspielzeit: 44:24 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Tee

Postings: 1

Registriert seit 21.02.2021

2021-02-21 03:45:46 Uhr
Und Zeit Rezi war nun toll? Glaube eher der Daniel hat sich selbst im Spiegel gesehen...

Yndi

Postings: 28

Registriert seit 23.01.2017

2021-02-19 09:22:26 Uhr
Jetzt 3-4 mal gehört und ich fand die Durchgänge alle gut, habe aber jetzt schon null Verlangen, da noch einen ranzuhängen. 6/10 oder so.

Eurodance Commando

Postings: 1204

Registriert seit 26.07.2019

2021-02-18 23:37:28 Uhr
Der Autor lässt tief blicken...

Enrico Palazzo

Postings: 1643

Registriert seit 22.08.2019

2021-02-18 20:24:04 Uhr
https://www.zeit.de/kultur/musik/2021-02/audio88-yassin-rapduo-album-todesliste-berlin

Daniel findets nicht so gut.

edegeiler

Postings: 2253

Registriert seit 02.04.2014

2021-02-04 11:19:04 Uhr
Ja Buddhisten-Absztrakkt ist ziemlich abgeschmiert. Ein paar Worte mehr zum Sound wären aber wirklich nett gewesen... "knackig, top produziert und durchweg catchy" kann von Dr. Dre bis Travis Scott wirklich alles sein
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