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Phoebe Bridgers - Punisher

Phoebe Bridgers- Punisher

Dead Oceans / Cargo
VÖ: 19.06.2020

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Fremde gut, alles gut

Auf manche Dinge kommt man nicht selbst, sondern nur durch andere. Oder wer wusste ernsthaft, dass in der jugendfreien US-TV-Version des Kultfilms "The big Lebowski" ein recht ordinäres Zitat zum völlig spaßlosen Satz "Do you see what happens when you find a stranger in the Alps?" umfunktioniert wurde? Eben. Die meisten haben es Indie-Darling Phoebe Bridgers zu verdanken, die diesen Quatsch glatt zum Titel ihres 2017er-Debüts "Stranger in the Alps" gemacht hat. Die Gute war bei Erscheinen des Films zwar erst vier Jahre alt, aber ihr nach wie vor sehr junges Alter war noch nie wirklich etwas, das bei Bridgers zum größeren Gesprächsthema wurde. Vielleicht, weil man es ihr weder musikalisch noch textlich anhört. Vielleicht, weil es so viele andere Dinge zu bereden gibt.

Um es nur kurz erwähnt zu haben, denn eigentlich soll es hier um das große Talent der Kalifornierin gehen und nicht um die Stolpersteine in ihrer bisherigen Karriere: Klar war da der Vorwurf gegen Ryan Adams, ihren früheren Mentor und Partner, der Bridgers im Laufe ihrer gemeinsamen Zeit psychisch missbraucht haben soll. Die 25-Jährige definiert sich nicht über diese Geschichte, auch nicht auf ihrem zweiten Album "Punisher", auf dem sie die Fremde hinter sich lässt. Hat sie gemeinsam mit Conor Oberst als Better Oblivion Community Center oder Teil des Damen-Trios Boygenius ihre Team-Fähigkeit demonstriert, beweist sie sich nun abermals als Solokünstlerin, die sich nicht als das frühere Opfer irgendeines Musikerkollegen versteht – und auch als Hörer sollte man diesen Gedanken ganz schnell wieder verwerfen. Bridgers ist noch immer eine der spannendsten Entdeckungen der letzten Jahre.

"Punisher" ist größtenteils eine recht ruhige Angelegenheit, und eine ebenso intensive. Ein Stück wie "Chinese satellite" ist dafür regelrecht stellvertretend. Am Anfang gibt es hier nur die bombensichere Kombination aus Gitarre und Gesang, es gesellen sich nach und nach Streicher dazu, ein Schlagzeug, die ganze Studio-Palette, bis man mittendrin ist in dieser bewegenden, tief berührenden Soundkulisse, in der sich so manche Zeile im Gehörgang einbrennt: "Sometimes when I can't sleep / It's just a matter of time before I'm hearing things / Swore I could feel you through the walls / But that's impossible." Poesie? Darüber lässt sich gewiss streiten. Aber echt ist das allemal. Nahbar. Nachvollziehbar. Wer hat nicht schon mal während des Einschlafens die Augen aufgerissen, weil sich da plötzlich diese vertraute Stimme eines ehemaligen Weggefährten im Kopf gemeldet hat, die man eigentlich nicht mehr hören sollte oder wollte?

Ein Album wie aus einem Neunzigerjahre-TV-Drama-Soundtrack – und ja, das ist durchaus positiv gemeint. Selbst Bridgers muss bewusst gewesen sein, dass sie hier für beste musikalische Untermalung vor lebensechter Kulisse sorgt – oder warum sonst sollte sie den (stellenweise an das Intro der Serie "Mad men" erinnernden) Opener ausgerechnet mit "DVD menu" betiteln? Zu gern würde man jedenfalls zum herzzerreißenden "Moon song" zurückspulen und jene Szene, die einst so schiefgegangen ist im eigenen Leben, immer wieder neu durchspielen, bis man den perfekten Ausgang hat. Oder zum gar nicht gruseligen "Halloween" ein Kostüm nach dem anderen überziehen, bis man sich wohl in seiner Haut fühlt. Den Text für das nächste unangenehme, aufregende, angstauslösende Gespräch lernt man derweil zur beruhigenden Single "Garden song", die eingefleischten Fans bereits von den Live-Auftritten bekannt sein dürfte.

Nun sollte man nicht den Fehler machen, die in weiten Teilen vorherrschende Sanftheit von "Punisher" als generelle Schüchternheit der Sängerin zu betrachten. Vielmehr trägt das Album eine gewisse Eleganz in sich, eine entschleunigende Wirkung in hektischen Zeiten, ein kurzes Innehalten im Chaos. Nur selten erlaubt sich Bridgers selbst ein Umherwirbeln, aber wenn, dann ist es geradezu vorzüglich: "Kyoto" ist der möglicherweise poppigste Song ihrer Solokarriere, aber auch einer der besten. Derweil stampft "ICU" glatt ein ums andere Mal mit dem Fuß auf, bis sich der zweite dazugesellt und der ganze Körper befreit durch die Gegend springen darf. Komisches Verhalten? Eher das erleichterte Aufatmen einer jungen Frau, die angekommen und erwachsen geworden ist. Dazu gehört manchmal, dass man sich seine Schwächen eingesteht. "I'm always pushing you away from me / But you come back with gravity / And when I call you come home", heißt es im abschließenden "I know the end", mit fünfeinhalb Minuten der mit Abstand längste Track und – Spoiler alert! – ein letztes, großes, fulminantes Highlight. Sie kennt das Ende also. Kunststück, wenn man sein Drehbuch selbst schreibt. Phoebe Bridgers, so viel ist zum Schluss klar, nimmt die Dinge ab sofort selbst in die Hand. Auch darauf muss man erstmal kommen.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Kyoto
  • Chinese satellite
  • I know the end

Tracklist

  1. DVD menu
  2. Garden song
  3. Kyoto
  4. Punisher
  5. Halloween
  6. Chinese satellite
  7. Moon song
  8. Savior complex
  9. ICU
  10. Graceland too
  11. I know the end

Gesamtspielzeit: 40:42 min.

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User Beitrag

Mann 50 Wampe

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Registriert seit 28.08.2019

2021-01-18 17:03:22 Uhr
Tatsächlich war der Begriff Independent Musik schon in den 80ern, wo er entstanden ist, problematisch. Zunächst wurde damit Musik bezeichnet, die nicht auf großen Majorlabels veröffentlicht wurde, sondern auf neuen unabhängigen kleinen Labels. Schnell wurde daraus aber ein Markeinzeichen für Musik die irgendwie anders war, als der damalige Mainstream, (Punk, Postpunk, Electro, Noise, Avantgarde und anderes) egal ob Major oder nicht. Ich habe das in den 80ern durchaus als Qualitätsmerkmal gesehen, wenn von Independent Musik die Rede war, wenn ich auch nicht mit allen Ausprägungen etwas anfangen konnte. Zumindest damals war vieles tatsächlich anders und tat bestenfalls auch mal weh oder eckte an. Heute ist der "Indierock" oder noch mehr "Indiepop" beliebiger und wenig unterscheidbar. Jedenfalls nehme ich das so wahr.

ijb

Postings: 235

Registriert seit 30.12.2018

2021-01-18 16:05:23 Uhr
However, indie pop appeared as a way to create mainstream-style music but produce it alone. It was used to steer away from indie rock or gritty, untraditional music, but also not use the glamor or attitude of regular pop music.

Okay, das ist interessant. Also sowas wie die ersten zwei offiziellen Alben von Julia Holter oder Grimes – bleibt erstens die Frage, ab wann es dann nicht mehr "Indie" ist – und zweitens, ob große Bands, die frei sind, ihre Alben so zu machen, wie sie wollen, dann auch / wieder "Indie" sind...? Prince wurde so gesehen ja auch "Indie", nach Ende seines Warner-Vertrags. Aber, ehrliche Frage, wurde er denn ab dann auch wieder als "Indie-(Pop)-"Musiker gerechnet?


<I>Other subtypes of indie pop arose as well — think chamber pop (orchestral tracks in indie pop)
Gabs aber auch schon in den 1960ern.

but indie pop stayed as a way to steer clear of record deals and produce your own music.
s.o.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 24040

Registriert seit 07.06.2013

2021-01-18 16:04:02 Uhr
Vor allen Dingen könnten Künstler dann auch auf einmal kein "Indie" mehr sein, wenn sie ihren Durchbruch haben, obwohl sich stilistisch nichts verändert hat. Es ist kompliziert. :)

ijb

Postings: 235

Registriert seit 30.12.2018

2021-01-18 15:57:33 Uhr
Kich finde, deine Beschreibung zeigt genau das Problem auf: Das die Bezeichnung halt irgendwo zwischen einer Stilbeschreibung und einer Beschreibung der Reichweite/Kommerzialität festhängt.

Genau. Dem hatte ich ja schon zugestimmt. Ich habe mit meinem Versuch einer Definition daher auch nur versucht, nachzuvollziehen, was man(che) mit dem Label "Indie-Pop" meinen könnte(n). Ich wüsste ehrlich gesagt keine nachvollziehbare Definition, nach der (s.o.) Pop-Acts wie Billie Eilish, Tove Lo, The xx, Kate Nash, MGMT, Banks, Bon Iver, Chvrches, Lana del Rey, Feist, Charli XCX, St Vincent, Saint Etienne usw. als "Indie" durchgingen, weder stilistisch noch was den Erfolg meint.

Meint man mit "Indie-Pop" aber die Schublade "unabhängig" (im Sinne von alternativ), dann könnte es ja eigentlich nur unabhängig vom "Massengeschmack" sein – daher komme ich auf den Versuch, dass man damit ja eigentlich nur "kleine" Bands und Musiker/innen meinen könnte, die den großen Erfolg nicht haben oder eben "unter dem Radar" agieren und vielleicht wenigen Interessierten bekannt sind. Ich müsste jetzt nochmal genauer überlegen, wer das z.B. sein könnte. Aber sicher nicht die Musikerinnen, die in mehr oder weniger allen Bestenlisten prominent vertreten sind.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 24040

Registriert seit 07.06.2013

2021-01-18 15:56:15 Uhr
Schöner Ausführungen.

Wobei ich bei "Alternative" Rock" schon eher an härtere US-Bands der 90er wie Smashing Pumpkins denke, bei "Indie-Rock" eher an die "weicheren", tanzbareren Bands wie die von dir genannten. Aber gut, am Ende sind die Grenzen eh fließend, siehe Sonic Youth, die irgendwie beides sind.
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