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Jahrespoll 2025 – Die Favoriten der Redaktion

Bon Iver! Arcade Fire! Tocotronic! Die großen Namen des Indie-Rock sucht man im diesjährigen Redaktionspoll … vergeblich. Was wohl weniger an einer radikalen Geschmacksverschiebung der Autor*innen liegt, als an der Tatsache, dass die genannten Acts möglicherweise nicht ihre stärksten Alben veröffentlicht haben. Leicht gemacht wurde es den Arrivierten natürlich auch nicht. Aufstrebende Solo-Künstler*innen und spannende Bands stürmen mit frischen Ideen und musikalischen Ansätzen an die Spitze. Zuvorderst, natürlich: Rosalía. Ihr wilder Genremix auf "Lux" hat uns den Kopf verdreht. Ganz klar: unser "Album des Jahres"! Derweil überzeugen Bands wie Geese und Wednesday mit ihrem windschiefen und herrlich angeschossenen Indie-Rock-Entwurf. Und auch in deutscher Sprache wird fabelhaft musiziert: Betterov erzählt persönliche Geschichten und verpackt diese in dunkel funkelnde Gewänder. Tristan Brusch hingegen überzeugt und verzückt mit zart schimmernden Chansons, die mal Chris Isaak zitieren, mal freundlich Richtung Elton John nicken. Größer geht’s kaum.

Female Power auch bei der Wahl zum "Song des Jahres": Am grandiosen "Berghain", der eklektischen Gemeinschaftsarbeit von Rosalía, Björk und Yves Tumor war letztlich kein Vorbeikommen. Kein Wunder, kaum ein anderer Song sorgte für so viele offene Münder. Dahinter hat sich aber auch eine weitere Reihe von Künstlerinnen positioniert, die mit ihren musikalischen Entwürfen ein dickes Ausrufezeichen setzen konnten: "Pussy palace" von Lily Allen, "What was that" von Lorde, "Disease" von Lady Gaga – auf dem Redaktionsflur im vollverglasten Plattentests.de-Komplex waren weibliche Stimmen dieses Jahr besonders präsent. Eine schöne Entwicklung! Besonders toll auch: "The sofa" von Wolf Alice bestätigt unsere Lebensdevise: Couch Potatoes of the World unite! In diesem Sinne: Haut Euch aufs Sofa und lauscht den folgenden Alben und Songs!

Album des Jahres

Song des Jahres

Cover 1. Rosalía
Lux
Cover 1. Rosalía, Björk & Yves Tumor
Berghain

Rosalía hätte auf Nummer Sicher gehen können, aber sie hatte eine bessere Idee. "Lux" markiert den vorläufigen Höhepunkt einer erstaunlichen musikalischen Entwicklung. Die Spanierin verbindet Anspruch mit Emotionalität, ohne angestrengt zu wirken. Dabei steckt in "Lux" nicht nur harte Arbeit, sondern vor allem Herzblut. Die Messlatte liegt nun himmelhoch – und dem Fußvolk bleibt nur das Jauchzen.

Christopher Sennfelder

Wie viel Musik passt in zwei Minuten und fucking 58 Sekunden? Dramatische Streicher-Ouvertüre, Lyrics in drei verschiedenen Sprachen, Gastauftritt eines Blei-Teddybärs, eine göttliche Intervention durch Pop-Faktotum Björk und Yves Tumor, der diese Kathedrale von Song am Ende brachial einreißt. Rosalía kann alles: Königin der Nacht, verführerische Latina, Grenzen sprengende Künstlerin. Mehr geht nicht.

Kevin Holtmann

Cover 2. Tristan Brusch
Am Anfang
Cover 2. Wolf Alice
The sofa

Aus dem Halbschatten ins Licht: Tristan Brusch veröffentlichte 2025 mit "Am Anfang" sein Meisterstück. Der Singer-Songwriter drückt sein Herzblut durch ein Sieb und destilliert daraus große Indie-Chansons, die leichtfüßig auf dem schmalen Pfad zwischen Pop und Schlager tänzeln. Was er zuvor angedeutet hat, wird hier manifest: Brusch ist ein Zeremonienmeister, der gekonnt Poesie und Pop miteinander vermählt.

Kevin Holtmann

Es ist der Ort des individuellen Entspannens oder der gemeinsamen Zusammenkunft. Mal geht es wild zu, an manchen Tagen ist er der nötige Ruhepol. Wolf Alice setzen "The sofa" nun auch ein musikalisches Denkmal und das mit einem Song, der in nur vier Minuten all diese Stimmungslagen einfängt. Samt wundervoller Melodien und einem Maß an Eleganz, das in diesem Jahr 2025 wirklich seinesgleichen sucht.

Klaus Porst

Cover 3. Betterov
Große Kunst
Cover 3. Matt Berninger
Bonnet of pins

Da ist der Name Programm: Mit seinem erst zweiten Album hat Betterov sich vom vielversprechenden Newcomer direkt in den Olymp des deutschsprachigen Indie-Rocks befördert. Das ist nicht nur große Musik, sondern auch großes Storytelling, gleichzeitig so episch wie intim und so berührend wie mitreißend. "Du hast in mein Herz gemalt", dichtet er, und die Streicher rocken traurig mit. Und Du in unsere.

Ralf Hoff

Musikalisch sind die Übergänge zwischen dem Soloschaffen von Matt Berninger und den Veröffentlichungen seiner eigentlichen Band The National fließend. Wie könnte das auch anders sein bei dieser charakteristischen Stimme, die stets den Grundton setzt. In "Bonnet of pins" zieht Berninger das Tempo vortrefflich an und präsentiert dabei ein Stück, das all seine Qualitäten grandios auf den Punkt bringt.

Torben Rosenbohm

Cover 4. FKA Twigs
Eusexua
Cover 4. Lorde
What was that

2025 war kaum einen Monat alt, als die Pop-Welt mit ihrem ersten Banger gesegnet wurde. FKA Twigs feiert auf "Eusexua" den musikalischen Fiebertraum einer hemmungslosen Clubnacht. Unberechenbar, all over the place. Mit schrägen Eskapaden, brachialen Konstrukten. Und einer faszinierenden Ausstrahlung, die auch fast zwölf Monate später ungebrochen begeistert. "I love the danger / You‘re the perfect stranger."

Hendrik Müller

In der Regel begeistern mich neue Stücke sofort oder gar nicht. "What was that" bildete die seltene Ausnahme, brauchte einige Durchläufe auch im Radio, bis sich ein Wow-Effekt einstellte. Gerade die kleinen und großen Details abseits des Gesangs machen diesen annähernd perfekten Popsong aus. Man sollte bei Lorde-Vorab-Singles nur nie den Fehler machen, davon stilistisch aufs Album zu schließen.

Armin Linder

Cover 5. Geese
Getting killed
Cover 5. Turnstile
I care

"What is real and what is fake?" rätseln Geese in "Islands of men" – eine der großen Fragen unserer Zeit auf einer der großen Platten des Jahres. Verwilderte Alt-Country-Gitarren verkeilen sich, aus jedem Stück schält sich ein absonderlicher Groove, Cameron Winter jault bedeutsamer, als je ein Sänger gejault hat (von David Byrne und Julian Casablancas vielleicht einmal abgesehen). Wieder 23 müsste man sein!

Thomas Pilgrim

Warum "I care"? Vielleicht, weil das Stück eine Kollaboration von The Smiths, The Police und The Cure aus den Achtzigern sein könnte? Weil der Song gleichermaßen für Turnstiles Kreativität und ihr feines Gespür für den Zeitgeist steht? Vielleicht, weil Musik nicht immer nach Punk klingen muss, um Punk zu sein. Oder doch wegen des schönen Titels? Sich kümmern! Das wäre ein guter Vorsatz für 2026.

Eric Meyer

Cover 6. Wednesday
Bleeds
Cover 6. Lily Allen
Pussy palace

Krachende Gitarrenwände prallen auf Bachläufe nachsingende Slide-Gitarren, so wachsen Wednesdays verschrobene Hits unter der Oberfläche ihrer hügeligen Heimat North Carolina. Karly Hartzmans Storys bluten darin Freundschaft, halten scharfsinnigen Witz dem Versehrenden entgegen. Und entdecken immer wieder so herrlich Absurdes: "I saw a pitbull puppy pissing off a balcony", die schönste Alliteration des Musikjahres.

Viktor Fritzenkötter

Zwischen Buttplugs, Gleitmittel und Kondomen glänzt nicht nur der "Pussy palace", sondern auch der hartnäckigste Ohrwurm-Refrain des Jahres. Lily Allen ist wieder da, rasiert im Vorbeigehen ihren untreuen Ex-Mann und schenkt der Welt eine Reihe wundervoller Pop-Geständnisse, wie sie unverblümter und humorvoller niemand anderes hätte gestalten können. Chief Hopper is not amused – wir aber umso mehr.

Marvin Tyczkowski

Cover 7. Turnstile
Never enough
Cover 7. Deftones
Milk of the Madonna

Sphärische Synthies, hallige Gitarren, druckvolle Bläser: Es gibt wohl keine andere Band im Hardcore, die so experimentierfreudig ist und gleichzeitig das Publikum von Jimmy Fallon, wie auch die Puristen auf dem Revolution Calling Festival begeistern kann. "Never enough" ist der Beweis, dass man Neues wagen und sich doch treu bleiben kann. Ein Album voller Lieblingslieder, das jede Genregrenze einreißt.

Andreas Rodach

"Wenn Euer Wrapped sagt, Ihr hört freshe Mucke, dann ist das nur, weil die Kids Shoegaze auf TikTok pumpen", spöttelte das Maifeld Derby auf Instagram. Vielleicht aber auch, weil nicht nur Boomer wissen, was sie an Deftones haben. Die legten mit "Private music" ein im besten Sinne klassisches Album vor – und mit "Milk of the Madonna" ein Brett vor dem Herrn. "Holy ghost, I'm on fire!" Amen, Chino!

Ralf Hoff

Cover 8. Lorde
Virgin
Cover 8. Lady Gaga
Disease

"Virgin" ist ein brutales Album. Körper werden aufgerissen, Zähne verrotten, und auch die Produktion lässt kaum einen Song ohne Verzerrung oder andere scharfkantige Begleitung aus dem Haus. Selbst ohne Monster-Hooks wie in "Green light" bleibt Lorde eine der vielschichtigsten Künstlerinnen im modernen Pop. Da kann sie noch so oft "I'm not affected" betonen – ihrem Publikum ergeht es ganz anders.

Marvin Tyczkowski

Lady Gaga 2025: die weltweit neben Taylor Swift größte Pop-Künstlerin, deren Musik nur noch manchmal das Plattentests.de-Forum stört. Dieser grandios schmatzige Stampfer stach sogar die klobige EBM-Granate "Abracadabra" aus – und auch dass der nächste Tränenzieher mit Bradley Cooper und/oder Bruno Mars bestimmt kommt, ist Teil des Gesamtkunstwerks. Bis dahin bitte "Disease" in Dauerschleife hören.

Thomas Pilgrim

Cover 9. Wolf Alice
The clearing
Cover 9. Pile
Deep clay

Selbst bei überkritischer Betrachtung muss man Wolf Alice nach dem Genuss des vierten Studioalbums attestieren, praktisch alles richtig gemacht zu haben. Feiner Gesang, kluge Arrangements, ein Highlight reiht sich an das andere: "The clearing" ist ein wahres Glanzlicht des Musikjahres 2025. Dass der muntere Tanz zwischen den Stilen nicht in Beliebigkeit ausartet, ist große Kunst einer großen Band.

Torben Rosenbohm

Selbst den größten Perlensammlern entgeht so mancher Diamant. Umso mehr freut es mich, dass Kollege Christopher via "Sunshine and balance beams" Pile für sich entdeckte und den Art-Rockern die überfällige erste Plattentests.de-Rezension schenkte. "Deep clay" beweist, dass kaum jemand harte Riffs und butterweichen Gesang, eingängige Passagen und eine wüste Coda so filigran kombinieren kann wie die Männer aus Boston.

Dennis Rieger

Cover 10. Pulp
More
Cover 10. Japanese Breakfast
Honey water

Er ist nicht Jesus (trotz gleicher Initialen), doch Jarvis Cocker gelingt mit "More" das kleine Wunder: Ein Comeback, das keine Nostalgieshow ist. Pulp klingen nach 24 Jahren weiser, aber so sündig und sophisticated wie eh und je. Zwischen leiser Melancholie und Chanson-Eleganz raunt Cocker seine augenzwinkernden Zeilen. "I am not ageing / No, I am just ripening", lässt er uns wissen – und wir glauben es ihm.

Michael Albl

"So it goes / I don't mind" – also, ich schon. Und zwar sehr! Da tarnt sich "Honey water" zunächst als stoischer Indie-Rocker, bis sich zum Ende alles entlädt. Dieser Ausbruch traf mich mit voller Wucht: Wut, Müdigkeit, Begehren, Resignation. Ein fantastischer Song in einem schwierigen Jahr. Kein Single-Spotlight, als wahlloser dritter Titel auf dem Album fast übersehbar – aber wirklich nur fast.

Jennifer Depner

11. Momma – Welcome to my blue sky

12. Model/Actriz – Pirouette

13. No Body – Loves you

14. Coroner – Dissonance theory

15. Deafheaven – Lonely people with power

16. Viagra Boys – Viagr Aboys

17. Heisskalt – Vom Tun und Lassen

18. Deftones – Private music

19. Lady Gaga – Mayhem

20. St. Paul & The Broken Bones – St. Paul & The Broken Bones

11. Viagra Boys - Uno II

12. Blood Orange feat. Caroline Polachek, Lorde & Mustafa – Mind loaded

13. Durry - Idk I just work here

14. Betterov – Du hast in mein Herz gemalt

15. Tristan Brusch – Vierzehn

16. Wolf Alice – Bloom baby bloom

17. Great Grandpa – Doom

18. Anna von Hausswolff – Struggle with the beast

19. Yoa – Nulle

20. Bambara – Holy bones


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Auswertung: Kevin Holtmann
Koordination und Einleitungstext: Kevin Holtmann
Texte: Die Redaktion von Plattentests.de