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Jahrespoll 2016 – Die Favoriten der Redaktion

Der Blick auf die Künstler hinter unseren liebsten Alben des Jahres 2016 ist ein wehmütiger, von Trauer begleiteter. Da wäre zuvorderst der im Januar verstorbene David Bowie, der mit seinem finalen Werk "Blackstar" ein weiteres Ausrufezeichen hinter seine Vorzeigekarriere setzen konnte. Auch bei den Redaktionslieblingen Radiohead gab es dieses Jahr betrübliche Nachrichten: Rachel Owen, die langjährige Lebensgefährtin von Thom Yorke erlag im Herbst ihrer Krebserkrankung. Vor diesem Hintergrund leuchten manche Songs auf "A moon shaped pool" noch ein wenig dringlicher. Und auch unser Album des Jahres "Skeleton tree" thematisiert den Tod: Nick Caves Sohn Arthur stürzte 2015 von einer Klippe und erlag seinen Verletzungen. Künstlerisch arbeitete der Australier diesen Verlust nun – gemeinsam mit den Bad Seeds – in den neun Songs des Albums (und dem Dokumentarfilm "One more time with feeling") auf. Davor verneigen wir uns voller Respekt.

Was in aller Welt haben Naomi Campbell und Jenny Elvers gemein? Keine Ahnung? Na gut, dann wollen wir mal nicht so sein und verraten es: Beide spielten dieses Jahr in Musikvideos mit – und zwar nicht in irgendwelchen! Elvers nahm mit Max "Drangsal" Gruber in dessen Clip zur Hitsingle "Allan align" Tuchfühlung auf, Campbell hingegen posierte mit tränenunterlaufenen Augen im Video zu Anohnis Übersong "Drone bomb me". Beide Nummern begeisterten die Redaktion in besonderem Maße und enterten unsere Top Ten. Für die Spitzenposition hat es in beiden Fällen jedoch nicht gereicht, der ging nämlich an die sympathischen Underdogs und Forumslieblinge von Car Seat Headrest: "Drunk drivers / Killer whales" spielte sich in die Herzen unserer Autoren und darf sich ab jetzt vollkommen zu Recht Song des Jahres nennen. Und das vollkommen ohne Promi im Videoclip.

Album des Jahres

Song des Jahres

Cover 1. Nick Cave & The Bad Seeds
Skeleton tree
Cover 1. Car Seat Headrest
Drunk drivers / Killer whales

Nick Cave beschwört sie alle noch einmal herauf, die Nymphen und Hyänen, auf dass sie einstimmen in seine Elegien. Sie stützen ihn und sein Klagen. In einem denkwürdigen Jahr, mag es noch so verwirrend gewesen sein, gibt es nichts, was derart beseelt, wie dieses "And it’s alright… now" gen Ende von "Skeleton tree". Man mag es glauben oder nicht, es ist ein großes Egal, aber ein elendiges, prachtvolles Album.

Maximilian Ginter

Das Plattentests.de-Forum wusste es, wie so oft, mal wieder zuerst. Zumindest eine kleine Gruppe von Leuten, die schon seit langem betont, wie toll Car Seat Headrest sind. Selten war ich so stolz darauf, sagen zu können, dass ich von Anfang an dabei war. "Drunk drivers / Killer whales" ist nicht nur der rundum gelungenste Song des Albums, sondern auch der beste des Jahres. Darauf eine Kopfbewegung nach links.

Jennifer Depner

Cover 2. Drangsal
Harieschaim
Cover 2. Drangsal
Allan align

Unsere 9/10-Rezension beginnt mit einem Spliff-Zitat, und auch bei "Harieschaim" flog uns glatt das Blech weg – nicht nur wegen des überfallartigen Drum-Intros von "Do the dominance". Brachialpop nennt Max Gruber seine Songs zwischen manischem Post-Punk und stilsicheren Achtziger-Reminiszenzen, wir sagen schlicht "Debüt des Jahres" dazu. Und zücken spätestens bei "Love me or leave me alone" die Herz-Emojis.

Thomas Pilgrim

Drangsal ist neben Bowie als einziger mit zwei Songs hier vertreten. Kein Wunder, besteht doch die Platte des Newcomers ausschließlich aus Hits. Dieser hier klingt, wie die Drangsal'schen Meisterwerke allgemein, herrlich vertraut und zugleich aufregend: Zu Beginn hat man vielleicht "Major Tom" im Ohr. Dann passiert aber mit fettem Gitarren-Hall, "Hey"-Rufen, Damenchor und Glockenspiel noch allerlei Unvorhergesehenes.

Eva-Maria Walther

Cover 3. Bon Iver
22, a million
Cover 3. Bear's Den
Auld Wives

Baaah! Autotune-Mist! Hipsterkram! So schrien sie angesichts der Stilwendung von Bon Iver auf ihrem dritten Album "22, a million". Dabei steckte hinter der Hülle aus Autotune-Exzessen, Wackelkontakt-Effekten und Zeichenwald im Artwork die gleiche Seele und wundervolle Leidenschaft wie auf den vorigen Werken. Wie beim Menschen: An einen neuen Look gewöhnt man sich, dahinter steckt die Person von zuvor.

Felix Heinecker

27.10.2016, München, eines der schönsten Konzertpakete des Jahres: Matthew And The Atlas, dann Bear's Den. Als deren "Auld wives" erklingt, fängt mitten im eher unbeweglichen Publikum einer an, Arme und Hände flach auszustrecken. Er springt Minuten senkrecht auf und ab. Viele tuscheln, zeigen auf ihn. Und natürlich sieht er ulkig aus. Aber ich kann ihn verstehen. Denn ich hüpfe innerlich, vor allem auf Brusthöhe.

Armin Linder

Cover 4. Radiohead
A moon shaped pool
Cover 4. All Diese Gewalt
Maria in blau

2016 war ein schrilles Jahr. Eine Schreckensmeldung folgte auf die nächste. Und mitten hinein in dieses Durcheinander veröffentlichten Radiohead ihr leisestes und introvertiertestes Album. "Ful stop" statt Dauerfeuer. "A moon shaped pool" richtet den Blick nach innen – und zurück: Nach 20 Jahren Wartezeit hat sich tatsächlich "True love waits" auf die Platte verirrt. "Don't leave", raunt Thom Yorke. Werden wir nicht.

Christopher Sennfelder

Es war Zufall, als ich "Maria in Blau" von All Diese Gewalt das erste Mal gehört habe – oder doch eher Schicksal? Shuffle-Modus sei Dank, sonst wäre mir Max Riegers neues Meisterwerk womöglich erst viel später zu Ohren gekommen. Auf einem Album voller Perlen schillert diese hier am auffallendsten. Sie passt nicht nur in eine kalte Herbstnacht, in der man sich nicht entscheiden kann – sondern einfach immer.

Jennifer Depner

Cover 5. David Bowie
Blackstar
Cover 5. Metallica
Spit out the bone

Die zeitliche Koinzidenz von "Blackstar" und Bowies Tod machen die Manie und die Verwundbarkeit in seinen letzten Videos noch dringlicher. Eine meisterliche Inszenierung der jazzverschlungenen Electro-Progrock-Gebilde, bis hin zum fortwährenden Zauber des Cover-Sterns. "Look up here, I'm in Heaven”, singt Bowie. Wir schauen hoch – und sehen nur, dass die Sterne seit dem 10. Januar ein wenig anders aussehen.

Stephan Müller

"Das traut man denen so gar nicht mehr zu." Eine vielbemühte Floskel: Alte, satte Männer können doch schließlich nicht mehr auf den Putz hauen. Es gibt zwar ältere, aber nur wenige sattere Herren als die vier von Metallica. Dennoch setzt "Spit out the bone" mit Mahlstrom-Effekt selbst Maßstäbe in der an Ausrufezeichen wahrlich nicht armen Diskographie. "Plug into me and terminate!" Atemlos durch die Macht.

Felix Heinecker

Cover 6. Get Well Soon
Love
Cover 6. David Bowie
Blackstar

"Love" taufte Konstantin Gropper alias Get Well Soon sein viertes Album. Ein Titel, groß und schlicht zugleich. Die Musik? Vereint die wohl schönsten und ergreifendsten Momente, die das Mastermind je kreiert hat: Das majestätische "Eulogy", das umarmende "Marienbad", das euphorische "Young count falls for nurse", das unfassbar elegante "It’s love". Es braucht Wärme, Herz und Seele in diesen hasserfüllten Zeiten.

Eric Meyer

Bevor David Bowie starb, hätte ich nie geglaubt, dass mich der Tod einer Berühmtheit persönlich treffen könnte. Doch Bowies Ableben tat weh. Die Welt hat mehr verloren als nur einen Sänger. Seine vorletzte Single "Blackstar" wirkt im Nachhinein wie ein Zwiegespräch zwischen dem Künstler und dem Sensenmann. Unbedingter Lebenswille trifft auf Unabwendbares. Was bleibt, ist Demut. Danke für alles, David.

Christopher Sennfelder

Cover 7. Die Heiterkeit
Pop & Tod I + II
Cover 7. Anohni
Drone bomb me

Ich lese ja auch keine Wendy! Mit "Monterey" konnte ich gar nichts anfangen. Die Heiterkeit hatte ich abgeschrieben. Und dann kommt "Pop & Tod I + II" und leert mir die Schublade wieder aus. Das hasse ich ja! Das Album aber muss man lieben. Weil es im Leben um nix anderes geht als ums Sterben – und die Kultur davor, die Existenzpflege, am besten verpackt in Pop-Musik. Ein Album ohne Hits. Und zugleich ohne Schwachpunkt.

Pascal Bremmer

Anohni war dieses Jahr die große Vernichterin. Unter neuem Pseudonym kreierte die Künstlerin krawall-verliebten Electro-Pop, der dem Nihilismus und dem Weltekel verbunden war. Am besten gelang dies in der überlebensgroßen Hymne "Drone bomb me", einem Song aus der Perspektive eines Kindes, das im Krieg seine gesamte Familie verloren hat. Harter Tobak? Mit Sicherheit. Wenig Musik ging 2016 mehr an die Nieren.

Kevin Holtmann

Cover 8. Bear's Den
Red earth and pouring rain
Cover 8. Bon Iver
33 "GOD"

Die Straßen glitzern im Scheinwerferlicht, der Regen pocht auf der Windschutzscheibe, Synthies durchfluten den Wagen. In ebenjenem ertönen Tragödien, die mehr und mehr in eine fantastisch-überhöhte Welt führen. Orte wie "Greenwoods Bethlehem" lassen nicht mehr los, "Gabriel" und "Napoleon" tun weh und doch bleibt immer die Hoffnung. Zu "Red earth and pouring rain" werden wir noch jahrelang zurückkehren.

Marcel Menne

Justin Vernon hat eine Chimäre entworfen. Nämlich die, dass dieser Song verstanden werden kann. 33? Das Alter, in dem Jesus gestorben ist? In dem Vernon ein Sudoku vertont hat? Alles schnuppe. Wenn der Drumcomputer wild läuft und die gepitchten Stimmen nach einem kaputten "Alice im Wunderland" klingen, dann ist "33 "GOD"" ein drei Minuten und 33 Sekunden währendes Artefakt. Fühlen > Verstehen!!!111elfeins

Maximilian Ginter

Cover 9. Frightened Rabbit
Painting of a panic attack
Cover 9. Beginner
Ahnma

Wir geben es zu: Wir sind Edel-Fans der Schotten. "Painting of a panic attack" setzt die Reihe großartiger Alben fort. Es beschreibt das Leben unverblümt, gleichsam in schlimmen wie lichten Momenten. Verlangt das Zuhören, schenkt das Wiederfinden. Und schafft das Besondere: zwischen den vertrauten Polen Indie, Rock und Folk auch Neues hervorzubringen. Frightened Rabbit bleiben die größte kleine Band.

Eric Meyer

Die Meinungen über die Qualität der Comeback-Platte der Beginner gehen weit auseinander. Einigkeit hingegen herrscht bei der Vorab-Single, die zusammen mit Gentleman und Gzuz altes und neues Hamburger HipHop-Verständnis locker vereint. Denyo und Eizi Eiz haben auf diesem übergroßen Beat von DJ Mad auch nach Jahrzehnten im Geschäft noch amtliche Bars. Kann man ahnen! Sollte man ahnen! Real Rap!

Michael Rubach

Cover 10. Daughter
Not to disappear
Cover 10. Yeasayer
I am chemistry

Wenn die Welt in Schieflage gerät, gehört sie Daughter: Selbstzweifel und Ängste, verpackt in schaurige wie süße Melodien. Musik für späte Sonnenuntergänge, während sich die Nacht langsam auf Landschaften und Seelen legt – das einzige Gewicht, das uns am Verschwinden hindert. Hierbleiben. Fühlen. In die Knie gehen. Aufstehen. Wieder und wieder. Nicht zu verschwinden, das klang selten so wunderschön wie hier.

Björn Bischoff

Wo könnte die Chemie mehr stimmen als bei den psychedelischen New Yorker Indie-Poppern mit Lieblingsfarbe bunt? Am Album "Amen & goodbye" schieden sich zum Teil die Geister, doch diese perkussiv daherwalzende Single zauberte allen Hörern das gleiche selig halluzinierende Grinsen aufs Gesicht. Sogar ein Frauenchor erwies dem köstlich groovenden Song die Ehre. Klar, dass wir ebenfalls den Hut ziehen.

Thomas Pilgrim

11. All Diese Gewalt – Welt in Klammern

12. Kate Tempest – Let them eat chaos

13. Car Seat Headrest – Teens of denial

14. Muncie Girls – From Caplan to Belsize

15. Matthew And The Atlas – Temple

16. Moderat – III

17. Beyoncé – Lemonade

18. Isolation Berlin – Und aus den Wolken tropft die Zeit

19. Blood Orange – Freetown sound

20. Touché Amoré – Stage four

11. Drangsal – Love me or leave me alone

12. Insomnium – Winter's gate

13. Nick Cave & The Bad Seeds – Jesus alone

14. Moderat – Reminder

15. Get Well Soon – It's love

16. Oathbreaker – Second son of R.

17. Isolation Berlin – Fahr weg

18. Die Heiterkeit – Dunkelheit wird niemals

19. David Bowie – Lazarus

20. Immanu El – Voices


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Auswertung: Kevin Holtmann
Koordination und Einleitungstext: Kevin Holtmann
Texte: Die Redaktion von Plattentests.de