Voltaire - Das letzte bisschen Etikette

PIAS / Rough Trade
VÖ: 27.03.2009
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Ganz undiplomatisch

Der Optimismus war verfrüht. Er hatte auf den Namen "Heute ist jeder Tag" gehört, doch Großchancen funktionieren nicht immer. Trotz ihres phänomenalen Debüts büßten Voltaire das Zutrauen des Majorlabels ein, und beinahe hätte dies Roland Meyer De Voltaire sogar noch seine Band gekostet. Diverse emotionale Kraftakte später haben die Rheinländer nicht nur eine neue Rhythmussektion, sondern mit "Das letzte bisschen Etikette" endlich auch ein neues Album. Und obwohl der spannungsgeladene Prolog "Ganz normal" anderes anzudeuten scheint, sind Voltaire immer noch die etwas andere deutsche Popband.

Auch auf dem Zweitling findet man die sorgfältig verdrehten Lieder, die bereits das Debüt entrückten. Zwar bewegen sich manche Songs behutsam in Richtung Geradeaus; ein paar Kurven unterwegs nehmen sie dennoch weiter gerne mit. Das rätselhafte "Ganz normal" schwillt langsam an und bricht dann in befreiendem Gitarrenlärm aus, der Platz für orientalische Exkursionen lässt. "Die gute Art" wehrt sich mit hämmerndem Klavier gegen Bevormundung und unterminiert nebenbei den eigenen Wohlklang. "Hier" badet seine Gitarren erst im Hall, um sie dann zu versetzen, und "Sollichlassich" albert um seinen trockenen Funk-Groove herum.

Eine nachhaltigere Veränderung nimmt man nur zögerlich wahr: Ausgerechnet auf einen Rat von Ich + Ichs Annette Humpe hin, die von seiner Stimme begeistert war, aber den Texten nicht folgen wollte, entschloss sich Meyer De Voltaire, seine Lyrik dezent zu entklausulieren. Also wurden die Metaphern persönlicher, und die Perspektiven lassen mehr Ich zu. "Wo die Schwerkraft immer Recht hat / Da versuche ich zu fliegen", heißt es nun. Oder: "Worte fielen vom grauen Himmel / Und brachten mich hierher." Leicht Verständliches gibt's also weiterhin anderswo; Voltaire befinden sich schließlich "in einem Krieg des ganzen Lebens." Und wenn sich das sanfte "Wenn Du gehst" mit punktierten Vierteln auf einen Walzer zuwiegt, pieksen Spitzen: "Wenn Du gehst / Schließ die Tür, bevor es zieht." Weinerlichkeit geht anders.

Im Aufbegehren gegen Erwartungshaltungen und gesellschaftliche Zwänge fallen sogar noch ein paar schicke Slogans ab: "Tu, was Du willst / Es ist eh alles untersagt", spottet der Diplomatensohn im knurrigen "Zu was". Mit "Ich würde kotzen, wenn ich könnte / Wenn's nicht längst verdaut und ein Teil von mir wär'" wird es in "Die gute Art" explizit körperlich. Dennoch bleibt zwischen Verletzlichkeit und Unbehagen reichlich Platz für zauberhafte Melodien. Die Kopfstimme sorgt nicht nur in "Ich verliers" für Gänsehaut, und die betörende Beschwerde "So still" trägt ihr Herz auf der Zunge.

Natürlich werden Gefühligkeitsallergiker bei Zeilen wie "Der Himmel schwillt / Die Blumen weinen / So viel Wasser haben sie nicht verdient" anschlagen. Wer jedoch derart intensiv empfindet wie Meyer De Voltaire, darf sich um Himmels Willen nicht zurückhalten. Nur wer den Kitsch zulässt, kann ihn auch überwinden: "Das sind alles bloß Gefühle / Das ist alles nicht real." Dennoch ist das Leben tief in Voltaires Musik eingedrungen. Zweifel stecken in den gebrochenen Akkorden, die Harmonien leben mit den Enttäuschungen des Daseins, und an fast allen Arrangements nagt die gute, alte Ambition. Sie bekommt die Songs nicht kaputt, natürlich nicht. Also wächst am Schluss im zerfurchten "Das Haus, das ich Dir versprach" eine wertvolle Erkenntnis, die auch als Bedienungsanleitung funktioniert: "Alles Gute braucht Zeit." Da ist er wieder, der Optimismus.

(Oliver Ding)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • Ganz normal (Prolog)
  • So still
  • Die gute Art
  • Ich verliers

Tracklist

  1. Ganz normal (Prolog)
  2. So still
  3. Die gute Art
  4. Hier
  5. Wenn du gehst
  6. Sollichlassich
  7. Ich verliers
  8. Zu was
  9. Interlude
  10. Was ich will
  11. Das Haus, das ich dir versprach
Gesamtspielzeit: 43:30 min

Im Forum kommentieren

Lara

2009-05-20 14:26:42

Live absolut großartig, diese Band. Eine sehr gute Mischung als alten und neuen Songs.
Hab mich vor allem gefreut, dass sie "R.olex" gespielt haben.

Unbedingt hingehen, so ein tolles Konzert für 8 € bekommt man heutzutage nur noch selten geboten!

noplace

2009-05-20 13:30:23

jaja, immer schön in die wunde rein. konzert in leipzig wurde abgesagt. warum auch immer.

revilo

2009-05-20 09:05:58

war jemand schon auf der Tour. Wie wars: Vorgruppe Verhältnis alte zu neuen Lieder etc.

noplace

2009-03-30 15:05:03

erst jetzt aufgestanden, weil ich das album mehrere male hören musste.

mit dem opener bin ich noch nicht warm geworden, danach kommt die beste phase des albums mit den nächsten vier titeln.
"hier" ist der radiotaugliche pophit, der zunächst befremdlich wirkt, passt die struktur doch so ganz und gar nicht zu voltaire, aber es ist nichtsdestotrotz ein großartiger song. danach der song zum heulen "wenn du gehst".

"sollichlassich" werde ich wohl nie mögen. "zu was", "was ich will" zeigen nochmal flagge, bevor dann mit dem süßen "das haus, das ich dir versprach" ein album zuende geht, das zwar nicht seinen vorgänger erreicht und mir im ganzen etwas zu straight und verhallt ist, aber dennoch auf seine 7/10 punkte kommt.

mr.pink

2009-03-26 23:11:42

live immer gut, ja.

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Spotify

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Forum