Travis - The invisible band
Independiente / Epic / SonyVÖ: 11.06.2001
Blondierte Schokolade
"Ist der süß!" Fran Healy gilt als schnuckelig. Man glaubt zwar bisweilen, sein Name wäre Travis, aber dem frontalen Süßholzraspler der Band ohne Gesicht sind solche Marginalien egal. Wer braucht schon ein Image? Er grinst sich eins und singt uns ein Liedchen davon. Solange es dem Song dient, pfeift der neuerdings mit blondiertem Mini-Iro herumschwelgende Schotte auf Dinge wie Coolness und dann eine Melodie, die vor allem eines ist: nett. Stinknormal is the new aufregend.
Vom bisweilen ruppig dröhnenden Britpop der Anfangstage ist bei den vier Herren aus Glasgow nicht mehr viel übrig geblieben. Hatte Produzent Nigel Goodrich schon dem Vorgänger verhallte Beine gemacht, schickte er die Jungs diesmal zum Perlenfischen. Als "The invisible band" wieder aufgetaucht, tischen sie eine melancholische Streicheleinheit nach der anderen auf und bringen den Atem zum Stocken. Doch kaum schnappt man nach Luft, setzen die Songs zur Wiederbelebung durch eine zärtliche Mund-zu-Mund-Beatmung an. "I feel safe, so safe" singt Healy, und soviel Sicherheit ist ansteckend. So tänzeln melodieinfizierte Hymnen herum und wissen nicht, ob sie Folk oder Pop sein wollen, bis eine samtweiche Stimme sie bei der Hand nimmt.
Zwischen dem fröhlich neben frisch Verliebten her hüpfenden "Flowers in the window" und dem herzbrecherischem "Indefinitely" ruhen sich Travis hörbar aus, allerdings nicht auf den Lorbeeren des Vorgängers. Es herrscht zurückgelehnte Absicht. Wer die Ruhe weg hat, träumt bekanntlich schöner. Und auch wenn die Seufzer bisweilen lauter sind als die Jauchzer, betten sich die Herren Healy, Dunlop, Payne und Primrose auf Wolken, von denen andere selten zu träumen wagen. Da singt man mit dem Banjo in der Hand, da fährt der letzte Zug vor der triefenden Nase ab, da würde Healy zu Gott beten, wenn es denn den Himmel gäbe. All dies verpacken Travis in perwollgewaschene Arrangements. Wer sich auf ein Anschmiegen einläßt, erfährt, daß eine Zeile wie "I'm gonna write a song / And sing it to everyone" Versprechen und keinesfalls Drohung ist.
Waren auf "The man who" noch Tracks wie "Writing to reach you" oder "Why does it always rain on me?" die Stars, verschwimmt hier alles in ein gemeinsam wohliges Gefühl. Man mag zwar die sanft gehauchten Geschichten von Tagebucheinträgen und den Blumen im Fenster als simpel gestrickt oder bisweilen gar als banal bezeichnen, könnte aber nicht falscher liegen. Das hier ist schließlich das Leben, und wie könnte das Leben selber banal sein? Ein fröhlich schiefes Lächeln gibt die Antwort: "The grass is always greener on the other side." Die Tränen sitzen in allen Knopflöchern und in den Jackentaschen warten die Schokoladenbonbons neben den sauber gefalteten Taschentüchern. Healys zarte Melodien aber schmelzen im Ohr, nicht in der Hand.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Sing
- Pipe dreams
- Flowers in the window
- The cage
Tracklist
- Sing
- Dear diary
- Side
- Pipe dreams
- Flowers in the window
- The cage
- Safe
- Follow the light
- Last train
- Afterglow
- Indefinitely
- The humpty dumpty love song
Im Forum kommentieren
jo
2025-11-09 14:22:34
Für die keine Ausfälle auf "The Man Who"?
kingsuede
2025-11-08 16:06:51
Ich sehe The Man Who auch ganz klar vorne. Nicht, dass der Nachfolger schwach ist, aber The Man Who war eine Offenbarung, The Invisible Band einfach ein sehr gutes Album.
MickHead
2025-11-08 15:24:16
Da gebe ich dir recht. Nicht ein Song der aus dem Rahmen fällt. Vergleichbar mit dem Album Where You Stand von 2013. Es gibt einfach kein schlechtes Album von dieser Ausnahmeband!
jo
2025-11-08 11:16:23
Um meine Meinung kurz zu erklären: "The Man Who" hat für mich insgesamt die größeren Highlights, aber "The Invisible Band" nicht so was Langweiliges wie "She's So Strange" oder "Luv", die auch noch direkt nacheinander kommen. Auch "As You Are" nervt an manchen Tagen. Das "Luxusproblem" habe ich beim Nachfolger nicht.
RickyFitts
2025-11-08 11:08:20
Schön, etwas hier über das Album zu lesen. Ich bin eher bei Deaf - jedenfalls damals war ich da eher enttäuscht, kam für mich nicht annähernd an The Man Who heran. Freue mich aber jetzt schon, in das Album nochmal reinzuhören, vielleicht habe ich heute eine andere Meinung.
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