Kante - Die Tiere sind unruhig

Labels / EMI
VÖ: 04.08.2006
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Thermostatik

"Es ist heiß, und es ist schwül." Zustandsbeschreibungen der Bundesrepublik Deutschland im Sommer 2006. Es ist möglich, daß mancher der Band Kante jetzt prophetisches Talent zuschreiben möchte. Aber simple Mystifizierung ist bei der Musikrezeption selten hilfreich. Viel interessanter sind da Schlagworte aus einer ganz anderen Richtung. Kante hätten die Gitarren tiefer gehängt, wird verlautbart. Produzent Moses Schneider will gar eine Mischung aus den Queens Of The Stone Age und Chicago gehört haben. Das ist doch gleich viel handfester. Und soll an dieser Stelle gar nicht weiter dementiert werden.

Die Selbstaufopferung für die finstere Gedankenpolitur "Zombi" wich einer rudimentär geschliffenen Spontaneität. Handeln statt denken, Direktheit statt Dialektik. Zur Belohnung ist der Wettergott mit "Die Tiere sind unruhig": "Die Hitze kriecht die Straßen lang / Das Fieber steigt, die Stadt vibriert / Meine Nerven pulsieren / Irgendetwas passiert." Es braut sich etwas zusammen. Und doch stellt man schnell fest, wie relativ alles ist. "Es ist laut / Und viel zu still." Schon wird selbst die Hitze ambivalent. Zum einen quillt sie beinahe quälend durch jede Ritze und lähmt jede Aktivität. Auf der anderen Seite rocken sich Peter Thiessen und Co. mit voller Absicht diesen Schweiß auf die Stirn und unter die Achsel, zerren bis zur Jaulschwelle an ihren Saiten und verfeuern ihre Gitarren im Fegefeuer der Uneitelkeiten.

Daß Kante einmal als Postrock-Band angefangen haben, ist nützliches Wissen für den Hintergrund. Erklärung für Verästelungen, Verschiebungen und Fußnoten, für die lyrischen Bläser in "Ducks and daws" und für den epischen Abschluß "Die Hitze dauert an". Hier wird das eröffnende Titelstück noch einmal aufgegriffen, aufgebohrt und ein letztes Mal auf die dramatische Spitze getrieben. Denn "Die Tiere sind unruhig" ist Postpostrock. Die Single "Ich hab's gesehen" stampft solange Staub auf, bis man vor lauter Dunkelheit die Sterne funkeln hört. Welche sich hier allerdings als sinistre Streicher verkleidet haben, die nur darauf warten, daß "Nichts geht verloren" erst wie feuchtwarmer Nebel durchs Tal kriecht und dann in scharfkantigen Gitarrenblitzen kulminiert.

Überhaupt diese Gitarren. Das schweißgetränkte Taumeln von "Die Wahrheit" ist die riffgewordene Diktatur der Unangepaßten. Zerrissen und von Selbstzweifeln geplagt, spuckt Theissen hier Gift und Galle. "Wenn Du Dich reden hörst und denkst / Daß nur Berechnung darin ist / Und daß Du, wenn Du ehrlich bist / Nicht wirklich viel zu sagen hast / Wenn alles, was Dir wichtig ist / So erscheint, als hätte das / Mit Dir im Grunde nichts zu tun." Dann kann er selbst aufrichtige Liebe nur noch als "auch ein wenig lächerlich" bezeichnen. Zweifel als Lebenselixier. Denn schlichen auf "Zombi" noch die Untoten durch Albträume, ist es jetzt das wahre Leben, das für faszinierendes Unbehagen sorgt. Gespenstische Pianoläufe, knirschende Riffs und sogar ausgelassenste Partygrooves nebst höllischen Raps machen mit Hilfe von Freunden wie Michael Mühlhaus (Ex-Blumfeld) oder Micha Acher (u.a. The Notwist) aus der offenbar bevorstehenden Apokalypse "Die grösste Party der Geschichte". Feiernden Auges in den Untergang. Set yourself on fire.

(Oliver Ding)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Die Tiere sind unruhig
  • Ich hab's gesehen
  • Die Wahrheit

Tracklist

  1. Die Tiere sind unruhig
  2. Ich hab's gesehen
  3. Nichts geht verloren
  4. Die größte Party der Geschichte
  5. Die Wahrheit
  6. Ducks and daws
  7. Die Hitze dauert an
Gesamtspielzeit: 47:59 min

Im Forum kommentieren

Mr. Fritte

2025-07-02 13:33:39

Witzig, musste auch gestern erst an das Album denken. Für mich ist das auch DIE Platte, die mit so schwülem, heißem Sommerwetter verbunden ist. Ich glaub ich hör die auch nachher mal wieder. Für mich auch ihr bestes Album knapp vor "Zombi".

Felix H

2025-07-02 13:07:32

Auf jeden Fall. Tolle Band mit makelloser Diskographie.

SiebenEuroVier

2025-07-02 12:58:08

Naja, die Musik hatte ihre Zeit und die Band mit ihren 3 9+/10-Platten ihr Soll mehr als erfüllt. Keine Band/Künstler, die noch aktiv sind, aus der Zeit bekommt das heute noch so hin. Würde eher sagen, die sind als einzige neben Blumfeld zum genau richtigen Zeitpunkt abgetreten.

joseon

2025-07-02 12:00:33

Gute Idee! Werde die Platte gleich mal rauskramen und auflegen. Jammerschade, dass danach nicht mehr viel kam. Der letzte Post bei Facebook ist auch schon über 4 Jahre her...

Unangemeldeter

2025-07-02 11:41:38

Haha, das ist bei mir tatsächlich so - auch bei mir eine extrem wetterbezogene Platte, ich singe den Titeltrack auch immer wenn ein Gewitter aufzieht.

Neulich auch mal wieder die Rhythmus Berlin gehört, die mehr Liebe verdient hätte, ich mag die sehr gerne. Nur die Uptempo-Nummern funktionieren da nicht so wirklich, sind aber eh in der absoluten Unterzahl.

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