Mission Of Burma - The obliterati

Matador / Cargo
VÖ: 16.06.2006
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Schürfwunden

Es gibt ja neben ein paar durchaus pflegenswerten Traditionen da draußen auch einige Sachen, die man seinen Freunden, Verwandten und Musikgruppen gerne mal austreiben würde. Single-Wahl, Bühnenbenehmen, Freizeitgestaltung - diese Dinge eben. Nicht mehr sorgen muß man sich da aber zum Glück um Mission Of Burma. Die haben nämlich aus der Tatsache, daß zwischen der 82er-Post-Punk-Erkennungsmusik ihres Debütalbums "Vs." und dem erstaunlich gleichgroßartigen Nachfolger "ONoffON" fröhliche 22 Jahre lagen, erst gar keine Unsitte werden lassen. Stattdessen ist jetzt schon "The obliterati" fertig, obwohl man den heißen Atem seines Vorgängers noch im Nacken spürt. Und weil Mission Of Burma wohl wenigstens an einem alten Brauch festhalten wollten, geht auch ihre dritte Platte wieder mit einem schmerzhaft verzogenen Aufschrei los. Roger Miller, ganz der Alte.

Überhaupt dieser Typ. Man könnte sich vorstellen, wie er Henry Rollins mal ordentlich die Meinung geigt oder Mark E. Smith gepflegt vors Schienbein tritt. Und obwohl er vermutlich Vater der meisten Mitleser hier sein könnte, wartet man weiterhin auf den Tag, an dem er seinen Biß verliert. Gegen jede Regel des Musizierens ist "The obliterati" sogar zum bisher aggressivsten und böswilligsten Album von Mission Of Burma geworden. Und während sich da ganz selbstverständlich eine Menge Wut gegen Bush und seine Leute richtet, kommt man auch nicht ganz um den Eindruck herum, daß es diesen Männern einfach sauviel Spaß macht, anderer Leute Leviten zu lesen. Ein dunkles, beunruhigendes Grinsen - diese Platte scheint es immer dann zu machen, wenn man gerade mal nicht hinsieht.

Die sorgsam gehäutete Ballade "Prepared" und die kauzigen Schlachtrufe des regelrecht schrulligen "Nicotine bomb" vom letzten Album kann man diesmal also vergessen. "The obliterati" ist Subjekt, Prädikat, Objekt, beweist aber gleichzeitig, daß sich auch mit den Grundbausteinen der Songschreiber-Grammatik schon sehr viel Unruhe stiften läßt. Das nervöse Zucken von "Donna Sumeria" würde da gerne mit gutem Beispiel vorangehen, wenn es denn mal von der Leine gelassen würde. Stattdessen trippelt es lange auf den Zehenspitzen, ganz wie ein Boxer, der auf den ersten Gong wartet. Und wenn dann schließlich Bewegung in die Sache kommt, hilft wirklich nur noch eine Doppeldeckung. Kopf runter, Fäuste hoch. Wir haben noch einiges vor uns.

Zurück liegt immerhin schon der tonsetzende Opener "2wice", sehr biestig komponiert, mit sehr fest angezogenen Schrauben. "Let yourself go" läßt seine Gitarre ebenso disziplinierte Kreise ziehen, aber immerhin alles andere darf mal getrost die Fassung verlieren. "13" wiederum ist dann in all seiner überschwenglichen Gestik doch auch sehr clever, läßt sich selbst ein widerspenstiges Cello nicht mehr ausreden. "Nancy Reagan's head" unterbricht seine Garstigkeit gar kurz, um einem alten Opernsänger über die Straße zu helfen. Und was die Hintermänner Prescott/Conley/Weston dazu als knochentrockene Rhythmusgruppe mit nerven- wie wundenaufreibendem Tape-Manipulator auf die Beine bringen, schießt sowieso wieder alle Lichter aus. Traditionell eine Wucht, diese Band. Bitte weiterpflegen.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • 2wice
  • Donna Sumeria
  • 13
  • Nancy Reagan's head

Tracklist

  1. 2wice
  2. Spider's web
  3. Donna Sumeria
  4. Let yourself go
  5. 1001 pleasant dreams
  6. Good, not great
  7. 13
  8. Man in decline
  9. Careening with conviction
  10. Birthday
  11. The mute speaks out
  12. Is this where?
  13. Period
  14. Nancy Reagan's head
Gesamtspielzeit: 51:40 min

Im Forum kommentieren

undertaker

2007-03-01 17:18:30

so alte herren, so lange getrennt und zwei dermaßen geile comebackalben in so kurzer zeit ("the obliterati schlägt "onoffon" knapp)!? die machen mir angst!

modestmarc

2007-03-01 13:36:14

@Humpty Dumpty

Dann hat das neue Album bei dir doch noch gezündet:) Ich finde The Obliterati auch gut, aber nicht so toll wie OnOffOn. Wie du sagst finde ich auch daß das Songwriting etwas vernachlässigt wurde, aber das Album rockt. Aber es braucht schon seine Zeit bis es sich voll entfaltet. Schade eigentlich, daß sich nicht mehr Leute für diese Band begeistern können.

Humpty Dumpty

2007-03-01 11:59:26

Update: Viel Gerumpel, vernachlässigtes Songwriting, Metal-Intonation. Toll!

Humpty Dumpty

2006-06-26 14:22:42

Noch wer enttäuscht? Viel Gerumpel, vernachlässigtes Songwriting, Metal-Intonation. Absteigender Ast.

fakeboy

2006-04-20 08:46:20

komisch, ich vergess immer wieder, wie toll die letzte mission of burma war. jedes mal wenn ich im shuffle-mode musik auf meinem mp3-player höre und ein song von ONoffON an der reihe ist, denk ich erst "wow, cooler song", dann "hüsker dü?" und schliesslich "ah klar, mission of burma!". sehr gute platte, da ist die ankündigung einer neuen eine wirklich erfreuliche nachricht!

ps. matador ist schon ein verdammt gutes label...

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