Wir Sind Helden - Von hier an blind

Reklamation / Labels / EMI
VÖ: 04.04.2005
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Engere Kreise

Der Schuß ging kräftig nach hinten los. "Ursprünglich wählten wir den Bandnamen, um den Heldenbegriff zu verinflationieren", äußerte sich Mark Tavassol unlängst im Interview. "Wir wollten die Frechheit besitzen zu sagen: 'Wir sind auch Helden!' Und damit ausdrücken, daß der Held im klassischen Sinne nicht mehr das Wichtigste ist. Weil Heldenverehrung auch zu Verklärung führen kann." Und ab ging es in die Binsen. Denn ehe sie sich versah, ist die kleine Band aus Berlin, die mit dem Heldenbegriff kokettierte, selbst zur Spitze einer Bewegung geworden. Eklig, aber wahr, Verklärung inklusive. Und doch gibt es ausnahmsweise kaum jemanden, der ihnen den Erfolg neidet. Man mag sie halt. Oder um es mit ihren eigenen Worten zu sagen: "Augen auf, schaut Euch das an! / Wer dafür keine Tränen hat, wird morgen blind / Wenn Ihr das nicht liebt, was dann?"

Auch auf "Von hier an blind" wird man sich einigen können. Es ist weder ein Zweites Album, das Selbstkopie sein möchte, noch ein Zweites Album, das alles neu machen möchte. Es möchte eigentlich gar nichts, außer existieren. Wir Sind Helden haben sich merklich locker gemacht, obwohl es jeden erdenklichen Grund gegeben hätte, sich zu verkrampfen. Kein Song ist ein offensichtlicher Aufguß eines vorigen, und die Experimente geraten so schlüssig, als ob sie schon immer da gewesen wären. Mal abgesehen davon, daß man schon sehr viel Puste mitbringen muß, um sich den Song "Ich werde mein Leben lang üben, Dich so zu lieben, wie ich Dich lieben will, wenn Du gehst" beim DJ für die nächste Engtanzrunde zu wünschen.

Judith Holofernes jongliert immer noch mit den Silben wie der Clown in der Fußgängerzone mit seinen Bällen. Exotisch, sinnlich, mit einer unglaublichen Leichtigkeit und so einnehmend, daß man nicht anders kann, als stehenzubleiben, innezuhalten und staunend mit dem Mund ein Garagentor zu formen. Vor allem weiß sie genau, wann sie sich zurückzunehmen hat wie in "Nur ein Wort", wahrscheinlich zweite Single und noch wahrscheinlicher ein Hit. Und sie weiß aus kleinen Wörtern große Bilder zu malen wie im traumhaften "Echolot", einer Art Schlüsselsong. Bietet der Opener "Wenn es passiert" noch die Einladung an alle, werden in diesem "Echolot" für jene die Leinen gekappt, die sich darauf einlassen wollen. Ein Wir-Gefühl auf der hohen See der Illusion, tief unter Wasser. "Komm, schau! / Um uns tanzt glitzernder Staub / Wir sinken selig und taub / Stumm wartend und leise / Ziehen die Schatten engere Kreise."

Es geht zunächst um Vertrauen auf "Von hier an blind". Das Vertrauen von Wir Sind Helden in sich selbst, aber auch in andere. Und um jenes, das jeder von uns gestatten möchte. Wer sein eigenes Leben lebt, bekommt nie die Orte gezeigt, die nur andere kennen. Und an die sie führen, wenn man ihnen nur die Hände reicht. Im blinden Vertrauen. Oder hätte irgendjemand sich ohne Wir Sind Helden getraut, Gedanken zu wagen wie in "Elefant für Dich"? Wenn die Phantasien in beide Richtungen auseinander schweifen, treffen sie sich am Ende in der Mitte. "Ich weiß, Deine Monster sind genau wie meine / Und mit denen bleibt man besser nicht alleine." Und mit riesengroßer Wunschkraft verwandelt man sich zum Elefant und trägt den anderen trocken über den Fluß.

Die nähesuchenden Songs, wie es sie auf "Die Reklamation" nicht in dieser Häufung gab, sind die große Stärke des Albums. Und ihre raren Gegenstücke die kleine Schwäche. "Wütend genug", "Zieh Dir was an" oder "Zuhälter" nämlich, bei denen es um mehr geht als nur Du und Ich, glücken nicht besonders. Nur mit "Geht auseinander" schafft es Judith, dem Refrain sei Dank, alle noch so großen Streithammel zu trennen. "Ein Schritt zurück, nur einer / Siehst Du, es geht." Wie gut, daß sie mit dem Rest des Albums den entgegengesetzten Weg gehen und einen Schritt näher kommen. Es ist keine Nation, die hier zusammenrutscht, es sind ihre Menschen. Kuschelkurs hält warm.

(Armin Linder)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Wenn es passiert
  • Echolot
  • Nur ein Wort

Tracklist

  1. Wenn es passiert
  2. Echolot
  3. Von hier an blind
  4. Zuhälter
  5. Elefant für Dich
  6. Darf ich das behalten
  7. Wütend genug
  8. Geht auseinander
  9. Zieh Dir was an
  10. Gekommen um zu bleiben
  11. Nur ein Wort
  12. Ich werde mein Leben lang üben, Dich so zu lieben, wie ich Dich lieben will, wenn Du gehst
  13. Bist Du nicht müde
Gesamtspielzeit: 48:08 min

Im Forum kommentieren

Francois

2021-10-29 15:45:06

also beim Debüt gibts keinen Song, der nicht zumindest eine 8 verdient... selbst die abgedrehten wie "Monster" oder "Heldenzeit"...

und das zweite Album steht dem um fast nichts nach...

dieser Wortwitz... einfach eine geniale Texterin gewesen, die Frau Holofernes

Z4

2021-10-28 23:25:59

Oh, *das Album und der Vorgänger

Z4

2021-10-28 23:24:17

Wenn man bedenkt was nach der letzten großen deutschen Welle 2002-2006 kam an deutscher Musik ist das Album und der Nachfolger eine 10/10, zumindest beides absolute Klassiker.

musie

2021-10-28 10:24:23

Ist das so? 8/10
Rüssel an Schwanz 6/10
Guten Tag 9/10
Denkmal 10/10
Du erkennst mich nicht wieder 10/10
Die Zeit heilt alle Wunder 10/10
Monster 7/10
Heldenzeit 7/10
Aurélie 8/10
Müssen nur wollen 9/10
Außer Dir 8/10
Die Nacht 9/10

ergibt eine 9/10 in meiner Musikwelt. die gesamte Haltung, wie sie mit Der Reklamation zur Tür rein geknallt sind, hat einfach gepasst.

Felix H

2021-10-28 09:11:42

Joa, das Debüt mit ner 8 passt schon und das letzte seh ich zwischen 7 und 8 (hat aber ein paar sensationelle Highlights).

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