Lucrecia Dalt - A danger to ourselves

RVNG Intl / Cargo
VÖ: 05.09.2025
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Der Klang der Fragmente

Selbst Menschen, die des Spanischen mächtig sind, wurden in der Vergangenheit auf eine harte Probe gestellt. Neben der ersten Hürde – zu verstehen, was Lucrecia Dalt da singt – galt es nachzuvollziehen, was die Protagonistinnen ihres Werks denn bitte so vorhaben mit sich und der Welt. Statt Preta aus dem All auf" "¡Ay!" oder Lia von "No era sólida" ist die handelnde Person dieses Mal jedoch ganz gar irdisch: Lucrecia Dalt. Diese hat tatsächlich etwas nahezu Außerirdisches geschafft, nämlich sich in Berlin zu verlieben. Natürlich nicht in die Stadt selbst, zumindest nicht ab Oktober, wenn es grau wird – so weit fehlt dann doch die Fantasie. Aber tatsächlich handelt "A danger to ourselves" ganz banal von zwischenmenschlichen Beziehungen, von denen sie eine neue eingegangen ist. Sie habe Musik erschaffen wollen, die mit cinematischem Fluss eine Landschaft kreiert, um eine Liebesgeschichte voller Unwahrscheinlichkeit, Wunderlichkeit und Mysterien zu erzählen, erklärte sie dazu. Allerdings wäre Lucrecia Dalt nicht Lucrecia Dalt, wenn ihre Musik nun in irgendeiner Hinsicht schlicht geworden wäre.

Zusammen mit dem Perkussionisten Alex Lázaro werkelt sich Dalt durch 13 neue Stücke, erhält hier und da etwas Unterstützung illustrer Gäste wie Japan-Legende David Sylvian, welcher im Opener "Cosa rara" ein paar Worte beitragen darf, nachdem Dalt sich durch einen Track voller Handclaps und perkussiver Lücken geschlagen hat, die sie mit ihrem Sprechgesang füllt. Auf Englisch kündigt dieser quasi textlich "No death no danger" an, wo Dalt zunächst ruhig zum Publikum spricht, um dann in einen Refrain-Singsang zu verfallen, der unglaublich einnehmend ist, während ein Basslauf für eine ordentliche Portion passive Aggressivität sorgt. Die Mittel der Wahl wirken auf den ersten Eindruck unscheinbar – das ganze Album ist vordergründig ruhig gehalten –, doch unter der Oberfläche brodelt es unablässig.

Einer der treffendsten Kommentare zu dem, was Dalt hier erneut präsentiert, stammt von Thom Yorke – ohne dessen Wissen. "This machine is unpredictable" sprach er, nachdem eine der vielen elektronischen Gerätschaften von Radiohead Ende 2025 live in Berlin ein gewisses Eigenleben entwickelte. Dort hielt es nur wenige Sekunden, in Tracks wie "Caes" trägt dieser Zustand über den gesamten Song. Zu einem erneut unfassbar groovigen Gesangspart passiert im Hintergrund alles und nichts. Als würde die Technik zufällige Wege einschlagen, pluckert, schnarrt, zischt es wild, wird das Tempo verschleppt und angezogen und später in "Mala sangre" gar komplett rausgenommen. Und doch entsteht aus all diesem Gewirr das wohl eingängigste Stück des Albums, auch weil Dalt hier zusammen mit Camille Mandoki als Feature jederzeit die Zügel in der Hand hält. Das kurze "Agüita con sal" hingegen versperrt sich dem komplett und schraubt zwischen allem noch ein Saxofon für etwas Schrägheit rein.

Die grundsätzliche Stärke von "A danger to ourselves" besteht darin, aus den vielen kleinen Fragmenten und Ideen etwas zusammenzufügen, was über knapp 45 Minuten fordert und doch Zugang gewährt. Das Album basiert auf kleinen intimen Momenten, welche Dalt im Zuge ihrer neuen Beziehung sammelte und dann in eine irgendwie passende Form goss und an denen sie nun das Publikum teilhaben lässt. Und auch, wenn sie allen auf dem Cover die Zähne zeigt und auch mal den einen oder anderen Unfall vertont – das Resultat ist doch sehr geschmeidig und bildet damit den weniger eklektischen Gegenpol zu einem anderen mehrsprachigen Großwerk aus 2025: "Lux" von Rosalía. Wohl eins der größten Komplimente, die man einer Platte dieser Tage machen kann.

(Klaus Porst)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • No death no danger
  • Caes (feat. Camille Mandoki)
  • Covenstead blues

Tracklist

  1. Cosa rara (feat. David Sylvian)
  2. Amorcito caradura
  3. No death no danger
  4. Caes (feat Camille Mandoki)
  5. Agüita con sal
  6. Hasta el final
  7. Divina
  8. Acéphale
  9. Mala sangre
  10. The common reader (feat Juana Molina)
  11. Stelliformia
  12. El exceso según cs
  13. Covenstead blues
Gesamtspielzeit: 44:11 min

Im Forum kommentieren

afromme

2026-01-24 12:05:55

Ich bin gerade über eine andere 2025er Liste... NME oder so.. Drüber gestolpert. Sehr toll. Wirklich großartig. Das, was ich bei Rosalía musikalisch erwartet habe nach den ganzen Lobeshymnen auf Lux, wo ich dann aber etwas enttäuscht war beim Hören. Experimentell, gleichzeitig nicht ohne Eingängigkeit.

Armin

2026-01-05 19:46:54- Newsbeitrag

Frisch rezensiert als "Vergessene Perle 2025".

Meinungen?

MickHead

2025-09-05 11:15:35

Jetzt komplett bei Bandcamp:

https://lucreciadalt.bandcamp.com/album/a-danger-to-ourselves

Musikexpress 5.5/6

https://www.musikexpress.de/reviews/lucrecia-dalt-a-danger-to-ourselves/

MickHead

2025-09-03 10:28:26

3. Song "no death no danger"

https://www.youtube.com/watch?v=xdzz2eKeCV8

MickHead

2025-05-27 23:35:33

Die kolumbianische Experimental Musikerin "Lucrecia Dalt" aus Pereira, based in Berlin, kündigt für den 05.09. das 7. Studioalbum "A Danger To Ourselves" an. Es folgt auf "¡Ay!" von 2022.

2 Songs bisher geteilt:

"divina"

https://youtu.be/r23tegbbCDw?si=PQeR8WYhWWCbYT5m

"cosa rara (Ft. David Sylvian)"

https://youtu.be/l6_bC6gV0zI?si=aS055HpTLLUz68mB

"A Danger To Ourselves" bei Bandcamp:

https://lucreciadalt.bandcamp.com/album/a-danger-to-ourselves

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Spotify

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Forum