Helene Fischer - Die schönsten Kinderlieder – Tanzen & Feiern
Polydor / UniversalVÖ: 12.09.2025
Rabimmel, rabammel, warum?
Eltern sind eine tolle Zielgruppe, um Sachen zu verkaufen. Denn Kinder, insbesondere im Alter zwischen eins und fünfundzwanzig, haben einige echt unangenehme Eigenschaften. Wenn sie noch nicht "heimlich" angefangen haben zu kiffen, bringt die Mischung aus Bewegungsdrang und Aufmerksamkeitsspanne auf dem Level eines inkontinenten Zwergpinschers häufig die Frage auf, wie das Balg denn mal die Schn... schön spielt. Rettung verspricht "Die schönsten Kinderlieder – Tanzen & Feiern", eine Art auditives Kurzzeitinternat für Bewegungslegastheniker im nicht geschäftsfähigen Alter. Präsentiert wird uns dieses Angebot von Mittlerweile-Zweifach-Mama Helene Fischer (Alles Gute nachträglich!), die damit also auch privat die alkoholfreie Variante ihrer Expertise bei der Unterhaltung von Infantilen, die lediglich zur krabbelnden Fortbewegung in der Lage sind, sammelt. Und kreativer als ein stumpfes Weihnachtsalbum ist es allemal. Oh. Moment.
Na ja. Es mag den einen oder anderen schockieren, aber Frau Fischer kann tatsächlich singen. Ziemlich gut sogar. Klingt bizarr angesichts einer erfolgreichen Musikkarriere in Deutschland, aber man hat schon rote Pferde auf Apothekenfluren kotzen sehen. Oder so ähnlich. Wie dem auch sei – eine tiefere Analyse ihrer Phrasierung ist gleichzeitig müßig wie auch unnötig, denn hier wird von A bis Z alles souverän und ohne mit den Wimpern zu zucken durchgeorgelt, sodass man ohnehin von einem KI-Anwendungsfall ausgehen könnte. Ein Level an Professionalität, wie es zuvor nur von Heino bekannt ist, dem man der Legende nach ja mal den Text einer Packungsbeilage auf den Teleprompter warf und er diesen eisern vortrug. Aber ich schweife ab. Vielleicht ist das dennoch eine gute Überleitung dazu, um uns endlich die Songauswahl genauer anzusehen. Eltern haben ja eine Sorgfaltspflicht zu erfüllen, womit ihre Kinder so beschallt werden. Nachher lernen sie noch irgendwelche Dinge, die sie noch gar nicht richtig reflektieren können und sie dann ungünstig prägen. Und das ist sogar häufiger der Fall.
Da wäre zum einen "Der Gorilla mit der Sonnenbrille". Damit ist nicht, wie ich persönlich zuerst dachte, Heino oder aber jenes Exemplar des Homo erectus gemeint, welches mich in meiner Studienzeit "mit den Schuhen definitiv nicht" in die von ihm behütete Tanzveranstaltung ließ, sondern wohl tatsächlich ein Westlicher Flachlandgorilla, wissenschaftlich Gorilla gorilla gorilla (sic!). Der und seine "Herzensdame" ungenannter Spezies namens Sybille (oder manchmal einfach nur "Bille" wegen des Reimschemas) machen also mambotanzend eine ebensolche Disco unsicher. "Ohne Pille", wie unnötig überspezifisch beteuert wird. Toll, jetzt darf ich dem Kind erklären, was MDMA ist. Wenigstens lernt es etwas Chemie dabei, nachdem es mich Monate gekostet hat, die berühmten Rechenfehler aus "Hey Pippi Langstrumpf" wieder aufzuräumen.
"Wer will fleißige Handwerker seh'n", zunächst anmutend wie ein Argumentationsversuch pro ordentlich vergüteter Kinderarbeit, kriegt inhaltlich wenigstens noch die Kurve, dass die Scheiben gefälligst vom Glaser eingesetzt werden und man, ähnlich wie im echten Berufsleben, besser nur hauptsächlich dabei zuguckt, wie Leute, die Dinge in der Realität können, tatsächliche Arbeit verrichten. Quasi "Mittleres Management – Das Musical". "Von den blauen Bergen kommen wir" lässt dieses Mindestmaß an Anstand jedoch wieder vermissen und zersetzt mit seinem Bluegrass-Dub-Beat subversiv Autoritätspersonen und Leistungsprinzip in einem: "Von den blauen Bergen kommen wir / Unser Lehrer ist genauso doof wie wir / Mit dem Gürtel um den Bauch / Sieht er aus wie 'n Gartenschlauch / Von den blauen Bergen kommen wir." Verrohende Sitten, wohin man auch hört. Wie die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz hier mal wieder untätig bleiben konnte, wirft unangenehme Fragen auf. Es gilt daher die Empfehlung, vom Kauf dieses Albums abzusehen und die musikalische Entwicklung des Nachwuchses noch so weit auf die lange Bank zu schieben, bis das finale Album von Megadeth erschienen ist.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Hoki Poki
- Die Maus auf Weltraumreise
- Von den blauen Bergen kommen wir
Tracklist
- Das rote Pferd
- Der Gorilla mit der Sonnenbrille
- Guck mal diese Biene da
- Samba, Rumba, Cha-cha-cha
- Baby shark (feat. Otto Waalkes)
- Die Katze tanzt allein
- Theo (Der Bananenbrot Song)
- Hey Pippi Langstrumpf
- Der Körperteil Blues
- Hoki Poki
- Wer will fleißige Handwerker seh'n
- Brüderchen, komm' tanz mit mir
- Die Maus auf Weltraumreise
- Zeigt her eure Füße
- Unser kleiner Bär im Zoo
- Die Jahresuhr
- 1, 2, 3 im Sauseschritt
- Theo Theo (Veo Veo)
- Probier's mal mit Gemütlichkeit
- Von den blauen Bergen kommen wir
- Leo Lausemaus
- Die Affen rasen durch den Wald
- Old MacDonald had a farm
- Ich bin ein dicker Tanzbär
- Alle Leut'
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Kontermutter
2025-12-22 17:19:00
Ich sehe mich als frisches Elternteil definitiv in der (erweiterten) Zielgruppe. ^^ Und unter der Perspektive ist das mein Votum: Man begeht kein Verbrechen an seinem Kind, wenn man dieses Album laufen lässt, aber anderen Eltern empfehlen würde ich es ausdrücklich nicht. Das trifft 4/10 schon recht akkurat.
Der Schiefe, die Du hier aufzeigen möchtest, kommt m.A.n. durch den Vergleich der Genres selbst. Das hier ist halt keine E-Musik.
"Keine Wertung" lehne ich persönlich für mich als Option ab, weil ich dann eher dazu neige, einfach direkt die Schnauze zu halten und eben nichts zu veröffentlichen. ;P
Watchful_Eye
2025-12-22 16:25:21
Wo ist eigentlich das gute alte "keine Wertung" hin? Für so ein Album fände ich das genau richtig.
Man kann es eigentlich nur abgrundtief verreißen oder anerkennen, dass wir nicht die Zielgruppe sind. So einen Mittelweg zu gehen und eine 4/10 zu geben, wie sie schon Meshuggah und Nils Petter Molvaer erhalten haben, macht m.E. keinen Sinn.
Honigmelonenmond
2025-12-22 16:15:32
Megadeth taucht in einer Rezension von Helene Fischer auf. Herrlich. :-)
Kontermutter
2025-12-20 12:31:42
dass er sich das volle 57 minuten amgetan hat.
Zwei Mal. Als frischer Vater blüht mir diese Phase, so etwas den ganzen Tag auf Dauerschleife zu hören, aber ohnehin noch.
Kontra K war definitiv schlimmer.
@Ochsensemmel:
Ich würde es bevorzugen, wenn man die Inhalte meiner Therapiestunden nicht so publik macht.
oldschool
2025-12-20 11:36:08
Hochachtung vor Gerrit! Zum einen für die Rezension und zum anderen, dass er sich das volle 57 minuten amgetan hat. Wenn es so schlimm ist wie das Albumcover, dann hätte ich die Halbzeit nicht überlebt
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