Paradise Lost - Ascension
Nuclear Blast / WarnerVÖ: 19.09.2025
Ikonisch
Die Fähigkeit, das eigene Tun stets kritisch zu hinterfragen und den Geist für neue Einflüsse wachzuhalten, erweist sich für musikalische Acts nicht immer als erfreulicher Mut. Wer von den bewährten Wegen abweicht und entschlossen ins nebenliegende Unterholz abzweigt, kassiert neben aufmunterndem Schulterklopfen oft genug auch eine gehörige Portion Missmut. Wie können sie nur, das mussten sich auch Paradise Lost im Verlauf ihrer Karriere regelmäßig anhören. Der tiefen Verstrickung im Gothic und Death Metal der Frühwerke "Lost paradise" und "Gothic" sagten Sänger Nick Holmes und seine Weggefährten auf dem furiosen "Icon" adieu, später experimentierten sie mit ganz anderen Einflüssen und klangen auf "Host" beinahe wie eine etwas härtere Variante von Depeche Mode. Zuletzt rückte der Furor wieder mehr in den Vordergrund, nicht zuletzt dank der stimmlichen Akrobatik von Holmes, der die Freude am gelegentlichen brachialen Gesang wiedergefunden hat. Und nun: Vorhang auf für "Ascension".
Dafür gilt es allerdings zunächst, den Blick doch noch einmal kurz in die Vergangenheit zu richten. Denn schon die vorherigen drei Alben hatten der Geschichte der Band höchst spannende Kapitel hinzugefügt, in denen Paradise Lost Stück für Stück zu alter Form zurückgekehrt waren. Und all diesen Alben wohnte eine Hoffnung inne: dass noch genügend Kreativität in den Musikern steckt, um eine weitere Karriere-Großtat vorzulegen. Um es vorweg zu nehmen: mission accomplished. Angedeutet hatte sich das schon beim vorab ans Licht gekommenen "Serpent on the cross", das als idealer Einstieg fungiert und das Quintett in exzellenter Verfassung präsentiert. Das Stück schleicht sich zunächst sanft heran, nimmt per markerschütterndem Schrei Fahrt auf und steigert sich zu einem mächtigen Stück schwermütigen Metals. Holmes, der die Tiefen seiner Grabesstimme in den vergangenen Jahren beim Nebenprojekt Bloodbath mit ordentlich Moder gefüttert hat, senkt die Temperatur im Raum: "Unholy resurgence / On the first chime, it's the last time / Your lonely soul will rot."
Nicht nur der Sänger liefert ab, auch seine Kollegen bewegen sich souverän in ihrem Kosmos. Es ist ja überhaupt recht erstaunlich, mit welcher personellen Beständigkeit die Band sich im mittlerweile vierten Jahrzehnt der eigenen Geschichte befindet: Holmes, die Gitarristen Gregor Mackintosh und Aaron Aedy sowie Bassist Steve Edmondson, allesamt 1988 im englischen Halifax Gründungsmitglieder, sind nach wie vor an Bord. Und so klingt alles unverkennbar nach Paradise Lost, vor allem das Gitarrenspiel Mackintoshs ist dermaßen charakteristisch, dass man es unter vielen anderen mühelos herausfiltern könnte. Das Quintett, fortan durch Drummer Jeff Singer komplettiert, lässt nach dem famosen Auftakt in keiner Form nach. Das epische "Salvation" wird trotz seiner über sieben Minuten Spielzeit nie langweilig, "Silence like the grave" baut wunderbar Spannung auf und lässt Holmes die ganze Bandbreite seines Könnens abrufen.
Nur in einer Hinsicht macht einem "Ascension" ein Urteil wahrhaft nicht leicht: Welche Songs auf diesem großen Wurf sind denn nun tatsächlich die herausragenden? Diese Wahl kann im Grunde auf alle zehn Stücke gleichermaßen fallen – mal überragt der eine je nach Stimmungslage, mal sind andere Songs wiederum exakt passend. Und genau dieser Umstand macht Studiowerk Nummer 17 zum besten seit jenen seligen Jahren, in denen Paradise Lost mit "Icon" und "Draconian Times" ihre Meistwerke ablieferten. Nicht nur strahlt jedes Stück aus sich heraus, sondern wirkt das Ganze wie eine absolut stimmige und atmosphärische Einheit. Dass die Briten auf dem Weg von einst bis jetzt nicht durchgehend überzeugende Experimente eingegangen sind, verzeihen wir ihnen angesichts des neuesten Streichs gleich mit.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Serpent on the cross
- Salvation
- Silence like the grave
- Savage days
- Deceivers
Tracklist
- Serpent on the cross
- Tyrants serenade
- Salvation
- Silence like the grave
- Lay a wreath upon the world
- Diluvium
- Savage days
- Sirens
- Deceivers
- The precipice
Im Forum kommentieren
Marküs
2025-10-01 09:25:13
Für mich auch Album des Jahres
Neytiri
2025-09-30 19:06:49
Album des bisherigen Jahres und "Salvation" ist ein würdiger Nachfolger für "Beneath Broken Earth".
"Silence Like The Grave" ist gar der beste Metallica Song der letzten 30 Jahre.
Marküs
2025-09-24 15:01:25
Der ist nun wirklich sogar einer der geilsten Songs auf einer durchweg umwerfenden Platte
regger
2025-09-24 12:53:42
Selbst der schwächer eingeschätzte Song "Lay A Wreath Upon The World" kickt mittlerweile bei mir.
Kamm
2025-09-23 20:05:47
@oldschool & Martin
Ich kann euch verstehen. Aber ich glaube, mein Verhältnis zur Band ist etwas zu negativ rübergekommen. Ich hab schon so einige Alben von denen gehört, auch mehrmals. Ich fand die auch nie schlecht, und die Highlights durchaus gut.
Ich finde es nur seltsam, dass, obwohl es so ist, ich wirklich kein einziges Lied von denen im Kopf hat. Ich würde die wahrscheinlich in allen Phasen sofort als Paradise Lost erkennen, aber ich könnte auf Anfrage kein Lied von denen vorsummen. Und das wundert mich, wirklich!
Ich bin echt kein Metalhead oder so, aber liebe so einige Bands aus dem Genre, unter anderem Katatonia, My Dying Bride, Opeth, The Old Dead Tree, alte Dark Tranqulility, Amorphis, Beyond Dawn, Anathema, Swallow the Sun - ok, größtenteils melodischer Kram, aber auch Ruppigeres wie Mastodon, Enslaved, Neurosis, Isis, Primordial, Ahab, Thought Industry, Agalloch, Imperial Triumphant, Archspire oder Ulcerate. Da müsste das doch eigentlich passen?
Dazu kommt, dass sich mir so einige jetzige Lieblingsbands erst in langwierigen Prozessen erschlossen haben, teilweise mit deutlich mehr "Arbeit" verbunden, als ich z. B. bisher in Paradise Lost gesteckt habe. Kennt ihr das nicht? Manchmal ist man einfach noch nicht so weit. Und mein Geschmack heute ist auch nciht mehr der gleiche wie vor 20 Jahren.
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