The Happy Fits - Lovesick
Diamond City / Rough TradeVÖ: 19.09.2025
Alles, was zählt
Manchmal verändern sich "winning teams" eben doch: Gitarrist und Co-Vokalist Ross Monteith hat The Happy Fits verlassen. Cello-Virtuose Calvin Langman und Drummer Luke Davis haben nicht lange gefackelt und die Stelle gleich doppelt nachbesetzt – Raina Mullen sowie Nico Rose machen an ihren nunmehr zwei Gitarren und den zusätzlichen Vocals aber auch schlicht herausragende Figuren. So viel vorneweg zum neuen Set-up der Band als Quartett. Dieser wirkt sich recht weitreichend nicht nur auf den Sound, sondern auch auf die Vibes aus. Das ehemals bescheidene Understatement von The Happy Fits tritt hinter einem dichteren Sound und anderem Zuschnitt zurück: "Lovesick" ist trotz weiblicher Unterstützung vor allem die Calvin-Langman-Show. Die Indie-Rocker*innen aus New Jersey leiten die zweite Phase der Bandgeschichte noch dazu mit einem breit angelegten Konzeptentwurf an: Ihr vierter Streich geht – wie könnte es anders sein, wenn nicht nur das Album selbst, sondern gleich drei Songs das Wort im Namen tragen – einzig und allein um die Liebe. Kapitalismus ist zwar immer noch doof, wird aber erst mal ignoriert. Zunächst haben das Schmachten Methode und das Süßholzraspeln System.
"Uh la la / Baby do you want my love?": Während "Cruel power" noch munter einen auf Weezer macht und Trennungen augenzwinkernd mit hinterhältigen Tritten gegen Schienbeine vergleicht, gehen viele andere der satten 15 Songs filigranere Wege. The Happy Fits sind noch immer fest in semi-akustischem 60s-Folk-Pop verankert, der trotz aller Rockbarkeit weiterhin klassisch anmutende Passagen einflechtet. Das liegt natürlich vor allem an Langmans Cello, welches nicht nur Bass-Ersatz bleibt, sondern immer wieder auch für dramatische Streicheruntermalung sorgen darf. Diese Bandbreite kondensiert die Band in "Do you see me?" auf dreieinhalb Minuten und reist von einem Songwriter-Einstieg über ABBA-Harmonien bis hin zum Disney-Soundtrack-Finale. Die überragende Single "Everything you do" hat noch mehr Schmiss und ermöglicht Mullen und Rose einen ihrer ersten großen Auftritte. Im selben Stil changiert "Lovesick #1 (Misery)" zwischen Kammerpop-Ballade und (surf-)punkigem Paukenschlag, der schlichtweg großen Spaß bereitet.
Das wahnsinnige Niveau der ersten vier Songs können The Happy Fits zwar nicht ganz halten. Ein 2010er-Pop-Song wie "Shake me", "Black hole" als "Heart of a dancer"-Nachfolger oder fröhlich-naive Klopper wie "The nerve" stehen ihm allerdings in nicht viel nach. "Baby, I'm a piece of shit!", stichelt Langman und meint es nicht so. Noch mal zur Höchstform auf läuft die Band im swingenden Schunkler "Sarah's song", der die ganze Chose wunderbar auf den Punkt bringt: "Well, you can't have a rainbow without a little rain / Just imagine all of the joy in this world without a little pain." Dazwischen liegt mit dem Ruhepol "I could stare at you for hours" einer der atmosphärischen Höhepunkte von "Lovesick" – trotz oder wegen seines Musical-Charakters. The Happy Fits haben einen unglaublich eigenen Sound, den sie aber genauso gern aufbrechen: So channelt "Wild in love" nicht nur die Synthie-getriebenen 80er, sondern überlasst auch Davis einen Teil der Lead-Vocals.
"Miss you" und das tolle "I still think I love you" genieren sich gar nicht mehr, sondern packen einfach ABBA-Songs in ein Indie-Rock-Outfit. Es zeigt sich: Der Zuwachs durch Mullen und Rose kompensiert nicht bloß den Wegfall Monteiths, sondern eröffnet ganz neue Möglichkeiten für die Band – obgleich Langmans Handschrift als primärer Songwriter jederzeit erkennbar bleibt. Immer, wenn sie Gefahr laufen, zu harmonieduselig oder Pub-rockig zu werden, schlagen The Happy Fits unvorhersehbare Finten oder streuen gar den ein oder anderen bizarren Einfall ein. Den Vogel ab schießen die Jerseyites allerdings mit der üppigen High-End-Langman-Ballade "Superior" – vor allem, als der glanzvolle Song auf einer offenbar authentischen Voice-Nachricht endet, die der Bandleader mutmaßlich erhalten hat und die in ihrer Funktion dann doch leicht narzisstisch anmutet. Seltsame Entscheidung. "Lovesick" jedenfalls ist mehr von allem, schießt mitunter übers Ziel hinaus, ist aber ein immenser Schritt nach vorn. "Don't you know I wanna be with you dancing?", fragt "Wild in love" fast schüchtern. Und das ist schlussendlich doch alles, was zählt.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Everything you do
- Lovesick #1 (Misery)
- Sarah's song
- I still think I love you
- Superior
Tracklist
- Do you see me?
- Everything you do
- Cruel power
- Lovesick #1 (Misery)
- The nerve
- Miss you
- I could stare at you for hours
- Sarah's song
- Shake me
- I still think I love you
- Wild in love
- Black hole
- Superior
- Wrong about me
- I remember
Im Forum kommentieren
Ralph mit F
2025-10-01 09:46:54
Gestern im Luxor in Köln konzertiert. Mag den Laden eigentlich nicht, aber die kleinere Club-Atmosphäre verglichen mit Gebäude 9 letztes Jahr hat super gepasst. Gab leider auch ein ähnlich geschrumpftes (sowie vergleichsweise jüngeres) Publikum.
Show war über jeden Zweifel erhaben, das ist einfach cool, was die machen. Und dem Album hab ich wohl einen Punkt zu wenig gegeben. “Lovesick #1 (Misery)” Song-des-Jahres-Kandidat. Irgendwo find ichs gut, dass der Riesen-Durchbruch, den ich vor ein, zwei Jahren noch prophezeit hätte, offenbar ausbleibt. ;D
MickHead
2025-09-19 09:17:21
Komplette Playlist bei YouTube:
https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_lqbAc95mx6oXVHdPsV_bBvhXuW_2OThH8&si=5wzIaA-j8OXUK_tH
Armin
2025-09-15 21:17:13- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
Meinungen?
MickHead
2025-09-14 08:15:38
4. Song "Do You See Me?
https://youtube.com/watch?v=sN8czTULfz8&si=AECKNNliwqLhWjSd
Ralph mit F
2025-07-27 18:41:58
Und hier die dritte Single, die ich erst mal nicht ganz so spannend finde, aber laut den Kommentaren ist es wohl ein Grower:
https://www.youtube.com/watch?v=RVaWT-vT4dQ
Find's cool, dass auch der Drummer wieder an die Vocals darf.
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Referenzen
Spotify
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