Blood Orange - Essex honey

RCA
VÖ: 29.08.2025
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

For a mermaid has no tears

"Essex honey" hat wenig mit Idylle zu tun. Der Frieden ist gestört, zerstört vielleicht sogar. Devonté Hynes hat sich nach "Negro swan" und dem kurz darauf folgenden Mixtape "Angel's pulse" knapp sechs Jahre Zeit gelassen für sein neues Soloalbum, bis es eben seiner Ansicht nach wieder etwas zu sagen gibt. Ohne allzu viel weiteren Aufschluss gibt er lediglich zu Protokoll, seine Jugenderfahrungen in Essex kanalisieren zu wollen – "a cultural moment of collective grief and loss", wie er es in einem Rolling-Stone-Interview ausdrückt. Ende der Durchsage, der Rest spricht (und schweigt) für sich allein. Erst wenn man beginnt, sich weiter mit Hynes zu beschäftigen stößt man darauf, dass der Tod seiner Mutter wohl der Stein des Anstoßes war, sich wieder für ein neues Album ins Studio zu setzen. Blood Orange versteht, wie das mit der wirklich tiefen, existenziellen Leere funktioniert – und einen am Rande der physikalischen Unmöglichkeit eben nicht darin versinken, sondern eben darauf schweben lässt.

Soundtechnisch hat sich Hynes bereits vor längerer Zeit gefunden und bildet erwartungsgemäß weiterhin die Speerspitze des Bedroom Pop; im Gegensatz zu "Negro swan", welches thematisch fairerweise schon einen ähnlichen Grundton gesetzt hat, sind dieses Mal jedoch die Jazz-Elemente in der Produktion nochmal weitaus prominenter vertreten. Ansonsten herrscht allerorten die Fragmentierung und Zerrissenheit – Songstrukturen hören unvermittelt auf, Gesprächsfetzen von einem Taperecorder setzen ein, so als würde man durch das Treppenhaus eines großen Wohnblocks gehen und unweigerlich aufschnappen, was gedämpft durch die geschlossenen Türen dennoch nach außen in den Flur dringt. Man gewinnt den Eindruck, dass hier nicht vierzehn, sondern mindestens vierzig Stücke ihre Aufwartung machen. Überall lautert noch einmal etwas im Unterholz, was beim letzten Hören verborgen blieb. Daher gibt es eigentlich keine andere Chance, als anekdotisch darüber zu erzählen, was dieses Album in einigen selbst so hinterlässt.

Wenn wir bei Blood Orange beispielsweise von Features sprechen, dann bildet das eine ganz eigene Kategorie. Andere Künstler würden A-Lister wie Lorde oder Caroline Polachek (mit letzterer arbeitet Hynes bereits seit ihren Chairlift-Zeiten regelmäßig zusammen) nicht ohne ein bis zwei Strophen in einem gefühlsbetonten Duett einbinden. Zum Glück für uns alle tickt Hynes anders und vermutlich auch nicht ganz sauber, indem er es stattdessen bei bloßen Songfragmenten belässt, die seine Features für ihn einsingen dürfen. In "normalen" Produktionen regelt man das mit talentierten Background-Sänger*innen. Und dennoch ist das Ganze auch kein bloßes Namedropping. Lordes "Everything means nothing to me" in "Mind loaded" ist eine Referenz zu Elliott Smith, dessen Titel "I didn't understand" Lorde seinerzeit mit "Mood ring" bereits paraphrasierte.

Wenn wir etwas herauszoomen auf den größeren Zusammenhang, so ist innerhalb Großbritannien Essex quasi ein Landstrich, der am meisten durch seine Nähe zu London definiert und, lapidar gesagt, dabei das Naherholungsgebiet für die Unterschicht der Themsestädter wird. Wer letztendlich in den strukturschwachen Küstenstädtchen etwas erreichen möchte, der geht früher oder später in die große Stadt und lässt die Perspektivlosen am Wasser alleine. Hoffnung sieht anders aus. Aber trotzdem versteht es Hynes, in Stücken wie "Countryside" und "Westerberg" dennoch eine gewisse Schönheit, einen trotzigen, kämpferischen Stolz in der Tristesse einzufangen. Das in vielerlei Hinsicht zentrale Stück des Albums bildet jedoch "The last of England". Beginnend mit einer Aufnahme von Hynes, seiner Schwester und seiner verstorbenen Mutter, in der sie sich über die Beatles unterhalten, welche von der Zeile "Nothing more to do but leave" jäh unterbrochen wird. Ein wirklich zum Heulen schöner Backgroundgesang von Naomi Scott und ein treibender, ein wenig an ratternende Schienengeräusche eines Zuges erinnernder Beat zerrt uns entlang einer Welt, die nicht mehr die alte sein darf: "Time has made it seem we can talk, / But then they took you away. / Elizabeth, it travels through / And Ilford is the place that I hold dear / Amongst all the things that we had to do, / My sister understands just how it feels." OP am offenen Herzen, keine Narkose.

Wer sich also nicht auf der Ebene einer kunsthistorischen Abhandlung mit "Essex honey" beschäftigen möchte, der darf auch einfach nur fühlen. Bloß lässt sich durch häufigeres Hören immer schwieriger beantworten, wo man damit anfangen und aufhören kann, um dieses Winden um die Ausweglosigkeit und die Ablenkung, die Musik hier in der Lage ist zu schenken, zu begreifen. Man versteht jedoch, wie Hynes sich mit all seinem Wesen in die Dunkelkammer seines eigenen Musikuniversums begeben muss – nicht, weil es hilft, sondern weil schlicht nichts anderes die immer noch pulsierenden Wunden unter der gebildeten Hornhaut zuverlässig betäubt. Kann man jetzt also zuverlässig sagen, worauf man sich als Zuhörende*r hier einlässt? Vermutlich nicht. Klar ist das R'n'B. Klar ist das Funk, Street, Avantgarde, tonnenweise Soul. Aber vielleicht, auch nur ganz vielleicht, geht es darum am Ende des Tages gar nicht. Vielleicht ist es eben nur die eine Geschichte von unzähligen. Und sie wird nur dadurch so groß, roh und unfassbar nah, weil ihr Erzähler genau um diesen Umstand weiß – dass die Oberfläche, auf der man vor sich hin lebt bei derart vielem, was unter ihr brodelt, eigentlich nachgeben müsste.

(Gerrit Phil Abel)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Thinking clean
  • Mind loaded (feat. Caroline Polachek, Lorde & Mustafa)
  • Vivid light
  • The last of England

Tracklist

  1. Look at you
  2. Thinking clean
  3. Somewhere in between
  4. The field (feat. The Durutti Cloumn, Tariq Al-Sabir, Caroline Polachek & Daniel Caesar)
  5. Mind loaded (feat. Caroline Polachek, Lorde & Mustafa)
  6. Vivid light
  7. Countryside (feat. Eva Tolkin, Liam Benzvi & Ian Isiah)
  8. The last of England
  9. Life (feat. Tirzah & Charlotte dos Santos)
  10. Westerberg (feat. Eva Tolkin & Liam Benzvi)
  11. The train (King's Cross) (feat. Caroline Polachek)
  12. Scared of it (feat. Brendan Yates & Ben Watt)
  13. I listened to(every night)
  14. I can go (feat. Mabe Fratti & Mustafa)
Gesamtspielzeit: 46:43 min

Im Forum kommentieren

Kiezgrün

2025-11-16 13:32:40

Live war das in der Columbiahalle in Berlin übrigens wieder vorzüglich. Die haben da auf der Bühne einfach ihre Musik geliebt und waren phantastisch miteinander eingespielt, vor allem Dev Hynes, Eva Tolkin und Ian Isaiah.

Hierkannmanparken

2025-11-16 11:07:15

"Mal ganz frech gesagt: Hätte das Album bei Westerberg geendet (Oder so in den Dreh), dann wäre das m.A.n. eine KLARE 9 gewesen."

Ja, sehe ich ähnlich - Westerberg und The Train vorher noch tauschen, dann nach Westerberg aufhören. :D

The Field, Mind Loaded und Vivid Light sind für mich absolut erhaben. Komisch, da ich mit The Field als Single noch nicht wirklich was anfangen konnte. Was ein Albumkontext alls bewirken kann.

Lucas mit K

2025-09-15 18:10:51

Nach zwei Durchgängen schält sich bei mir auch noch nicht viel raus. Manches klingt wie eine nahtlose Fortführung des letzten regulären Albums, minus der unsäglichen Spoken Word Samples. Den Sound, den Vini Reilly in „The Field“ beisteuert, klingt aber unverkennbar nach ihm und macht Spaß.

Unangemeldeter

2025-09-15 08:55:09

Ich hab's bei den früheren Releases immer mal wieder mit Blood Orange versucht, hat bei mir aber nie gezündet. Völlig unverhofft haut mich dieses Album jetzt aber ziemlich um. Das wird mein Herbstalbum.

Mir fehlt in den Referenzen James Blake, an dessen Debut mich das hier in mehreren Momenten erinnert.

NeoMath

2025-09-14 16:13:03

Interessante (Song-)Aufbauten, interessante musikalische (Aus)Gestaltungen. Gesanglich aber eher von angenehm "lieb und verträumt" bis ziemlich langweilig weil dahinplätschernd, höhepunktlos.

Hängen geblieben ist auch nach drei Durchläufen leider nichts.
Ich denke, ich werde weiter ziehen, das ist nicht meins.

4/10

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