Saint Etienne - International

Heavenly / PIAS
VÖ: 05.09.2025
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Over and out

Nun ist es also so weit: Saint Etienne verabschieden sich offiziell. Mehr als drei Jahrzehnte lang hat die britische Band eine Art Zwischenwelt bevölkert: nie die ganz großen Popstars, aber auch nie ganz Underground, sondern stets elegant in ihrer eigenen Nische oszillierend. Das Debüt "Foxbase alpha" von 1991 machte aus Neil Youngs "Only love can break your heart" eine erstaunlich gut funktionierende Clubhymne mit leichtem Soul-Schimmer, "Nothing can stop us" verband kühle Dancebeats mit retrohafter Wärme, und auf "So tough" folgte die charmant-kaugummibunte Miniatur "You're in a bad way". Immer wieder gelang den Musiker*innen eine wohlgesetzte Melange aus Nostalgie und Zukunftsversprechen, aus urbanem Londoner Alltag und zeitlosem Bekenntnis zur Kraft der einfachen Melodie. Doch Saint Etienne waren auch eine Band mit Mut zum Experiment: "Tiger Bay" verschränkte Folk und Elektronik auf eine Weise, die das Publikum damals überforderte, und dennoch bleibt es vielleicht eines ihrer spannendsten Alben. Ihre größten Momente im Rampenlicht kamen jedoch ausgerechnet mit leichter Hand: "He's on the phone" – glamourös, energetisch, fast unverschämt eingängig – und später "Sylvie", eine Sommerhymne, die mit federndem Schwung in die Charts einfiel.

Dabei waren Saint Etienne immer mehr als eine reine Hitfabrik. Ihre Musik war von Anfang an durchzogen von filmischen Bezügen, von London als Sounding Board, von der Liebe zu Popgeschichte und Clubkultur gleichermaßen. In späteren Jahren suchten sie eher die gedankliche und atmosphärische Verdichtung als das schnelle Glück. "Sound of water" driftete hart in Richtung Ambient, "Tales from Turnpike House" porträtierte als Gesamtkunstwerk ein ganzes Wohnviertel in popmusikalischen Miniaturen. Und doch gab es auch Momente, in denen das Konzept das Lied erdrückte, in denen die Lust am Rückblick – etwa auf "I've been trying to tell you" – etwas museal geriet, schön anzuhören, aber schwer wirklich zu lieben, wenn man die Popreferenzen nicht teilte. Gerade darum ist es fast schon etwas anrührend, dass Saint Etienne nun aus freien Stücken aufhören. Das zeichnete sich für manch einen schon ab: Mit "The night" haben sie 2024 bereits ein (vielleicht allzu) stilles, ambientes Spätwerk vorgelegt. Und nun also "International" – ein letztes Album voller Gäste, Remixe, gemeinsamer Erinnerungen.

Der ganz große Knall ist "International" wohl nicht, sondern eher ein Abschied auf Katzenpfoten, nach dem Motto: Wir machen kurz vor Schluss mal lieber nix kaputt. Der Einstieg "Glad" erfüllt seine Funktion: Er macht neugierig, verrät aber noch nicht zu viel. Geboten wird Powerpop mit starken Anklängen an Pet Shop Boys und späte New Order – und damit es nicht zu sehr nach Autoscooter-Elektropop klingt, gibt es klug platzierte Pausen und raffiniert eingestreute Gitarreneinsprengsel. Sehr stark ist "Sweet melodies", denn hier vermählen sich flirrend-jazzige Drums mit Elfengesang und synthetischen Streichern. Das wirkt fast schon wie eine sportliche Variante von Mercury Rev: nicht ohne Pomp, aber deutlich leichter verdaulich. Ansonsten – und das ist die etwas weniger gute Nachricht – plätschert dieses Album ohne große Höhepunkte vor sich hin. "Save it for a rainy day" ist beispielsweise aus einem etwas böswilligen (oder auch neutralen) Betrachtungswinkel kompositorisch nicht allzu weit von Modern Talking entfernt, wenn auch etwas stilsicherer – und der Schlusstrack "The last time" verschenkt eindeutig die Chancen, die ein allerletztes Stück auf dem allerletzten Album einer wichtigen Band abrufen könnte.

Andererseits ist das konsequent, denn: Saint Etienne haben nie den einen großen Moment gehabt, nie den globalen Durchbruch, der sie auf ewig in Stein gemeißelt hätte. Aber genau darin liegt ja auch ihr Geheimnis: Sie waren stets eine Band für Eingeweihte, für alle, die den Pop nicht als Spektakel, sondern als intimes Gespräch verstehen. Ihre Schwächen – das gelegentlich Überintellektuelle, die Lust am Rückgriff ins Archiv – sind untrennbar mit ihrer Stärke verbunden: der Fähigkeit, Pop als Spiegel der Zeit und zugleich wie einen vertrauten Rückzugsort zu gestalten. Mit "International" endet diese Reise jetzt im Sinne von "Kupplung treten, ausrollen lassen". Denn wenn die Engländer*innen auch zu Beginn mit Neil Young einen Punkt setzten, am Schluss verkehren sie sein Credo "It's better to burn out than to fade away" ins Gegenteil. Sie gehen langsam ausglimmend von der Bühne und hinterlassen ein Werk, das gleichermaßen Tanzfläche wie Denkraum ist. Die Zapfhähne werden abgeschraubt, das Neonlicht wird angeknipst, der Putztrupp ist schon da. War schön jewesen, aber nun ist Feierabend.

(Jochen Reinecke)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Glad
  • The go betweens (feat. Nick Heyward)
  • Sweet melodies

Tracklist

  1. Glad
  2. Dancing heart
  3. The go betweens (feat. Nick Heyward)
  4. Sweet melodies
  5. Save it for a rainy day
  6. Fade
  7. Brand new me (feat. Confidence Man)
  8. Take me to the pilot
  9. Two lovers
  10. Why are you calling
  11. He's gone
  12. The last time
Gesamtspielzeit: 42:52 min

Im Forum kommentieren

maxlivno

2025-10-06 23:40:18

eine tolle Rezension, die leider auch meinen Eindruck zum Album widerspiegelt. Ich hatte mir mehr vom letzten Album der Band erhofft

MickHead

2025-09-17 12:42:31

Jetzt komplett bei Bandcamp mit 3 Bonus Tracks:

https://heavenlyrecordings.bandcamp.com/album/saint-etienne-international

Armin

2025-09-08 21:16:44- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

MickHead

2025-09-05 11:40:52

Komplette Playlist bei YouTube:

https://www.youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_mGsRW6rS7VOywbYyldxmWp04q4p8Wz1q4

Musikexpress 5/6

https://www.musikexpress.de/reviews/saint-etienne-international/

MickHead

2025-09-03 20:47:56

Letzter Song vor dem Release "Brand New Me"

https://youtu.be/_HzZhhXzN48?si=BD0FKiJv_rVl_6aI

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