Suede - Antidepressants

BMG / Universal
VÖ: 05.09.2025
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Do the Miesepeter

"Connected, disconnected", gibt eine Lautsprecherstimme zu Beginn von Suedes zehntem Album durch und illustriert damit gleich ein zentrales Thema des Schaffens der britischen Band. Brett Anderson lässt sich den Ball zuspielen, formt die losen Begriffe zur Aufforderung um: "Come on and disintegrate with me." Wenn "Autofiction" Suedes "Punk-Album" war, sei "Antidepressants" nun ihr "Post-Punk-Album", ließ der Frontmann im Vorfeld verlauten. Und er lässt den Worten umgehend Taten folgen: Das Gitarrenriff im Opener könnte direkt einem früheren Killing-Joke-Song entstammen. Den grundsätzlich sehr eingängigen Refrain aber halten die Engländer stets im Zaum, drücken ihn gar zu Boden – damit er gar nicht erst in hymnische Höhen à la "She still leads me on" ausbrechen kann. Noch immer befinden sich die Britpop-Heroen um Anderson im mies gelaunten Karriereherbst, umgeben von endlosen Grautönen und mistigem englischen Wetter. Nun erweitern sie dieses Setting auch noch um maschinelle Kälte, da, wie angekündigt, tatsächlich die seit jeher unterschwellig spürbaren Post-Punk- oder New-Wave-Strukturen vehement nach außen gespielt werden. Mit den namensgebenden Antidepressiva sind nicht die Songs gemeint.

Das "Dancing with the Europeans" findet also in der Goth-Disko anstatt beim Tomorrowland statt – alles nur, um dieses "European suffering" irgendwie in den Griff zu kriegen. Das eigene Selbst ist weiterhin Andersons mächtigster Feind, die Dämonen im Innern piesacken ihn noch immer jede einzelne Nacht. Dabei sehnt er sich so sehr nach schöneren Zeiten voller simplem Glück: "Singing a song while I'm happy." Im Titeltrack unterziehen Suede ihre Version eines Punk-Songs einer ausgiebigen Wave-Kur. Dessen Melodie sowie die des straighten "Sweet kid" punkten mit ihrer Zielstrebigkeit. Und: Seit wann klingt Anderson eigentlich so derbe nach Laura Jane Grace? Epische Ausschweifungen spart die Band sich für spätere Stunden auf, der Mittelteil von "Antidepressants" zeichnet sich insbesondere durch sehr organische, dabei bodenständige Rocksongs aus. "Somewhere between an atom and a star" bestätigt als Ausnahme die Regel und schwebt im Morgengrauen einer besseren Zukunft entgegen: "One day it'll all be uncovered / One day it'll all be revealed to me."

Im direkten Vergleich zum himmelhochjauchzenden Drama von "Autofiction" ist "Antidepressants" distanzierter ausgefallen, zwar keinesfalls träger, aber doch eine Spur weniger zwingend. Was nicht heißen soll, dass zwischen Schutt und Asche nicht ausgelassen getanzt werden darf, denn in "Trance state" schalten Suede komplett auf Joy Division um – in der Abzappel-Variante, bei deren Groove selbst schmollende Goth-Kids kaum mehr an sich halten können. Die Realitätsflucht auf dem Dancefloor wird von körperlosen Sprachsamples begleitet, die vergeblich zum Alkoholverzicht mahnen. Auch die zuvor immer wieder gezügelte Explosivität bricht sich am Ende Bahn, und zwar als riesiges Gewitter: Kaum ist mit "June rain" eine große romantische (Power-)Ballade verklungen, beschließt "Life is endless, life is a moment" das Album als regelrechtes Monster, dessen hypnotische Gitarrenfigur nicht mehr loslässt. Bis alles abrupt abbricht und in Stille endet – ein Moment, der ewig scheint. Oder ist es in Wirklichkeit andersherum? Sofern sie sich nicht vorher selbst durch die entsprechenden Mittelchen in die komplette Gleichgültigkeit befördern, wird die Welt am Ende nämlich, so heißt es, allein durch "Broken music for broken people" gerettet werden. Das sind doch gute Aussichten, oder? Oder?!

(Ralf Hoff)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Disintegrate
  • Antidepressants
  • Trance state
  • Life is endless, life is a moment

Tracklist

  1. Disintegrate
  2. Dancing with the Europeans
  3. Antidepressants
  4. Sweet kid
  5. Sound and the summer
  6. Somewhere between an atom and a star
  7. Broken music for broken people
  8. Criminal ways
  9. Trance state
  10. June rain
  11. Life is endless, life is a moment
Gesamtspielzeit: 39:35 min

Im Forum kommentieren

The MACHINA of God

2025-12-31 13:11:26

Jahresendbetrachtung

Wie die Band ihr Niveau seit der Reunion hält, ist schon beachtlich. Für mich sind seitdem nur sehr gute Alben erschienen. Tatsächlich wäre “Antidepressants” bei den Post-Reunion-Alben sogar am ehesten das Lowlight, was aber vor allem bedeutet, dass die anderen noch ein Stück besser sind. Der energetische Anfang steht ihnen gut, auch wenn ich wie so oft die elegischen Songs noch deutlich mehr mag, allen voran “Between an atom and a star” und der gigantische Closer “Life is endless, life is a moment”. Andersons Stimme kommt auf dem Album erstmals an ihre Grenzen, trotzdem ist der Gesang wie so oft ein mit das beste. Der Mann hat einfach eine tolle Stimme. Hiffentlich hält die noch eine Weile, den sie machen immer noch richtig gute Musik. 7,4/10

Highlights: Dancing with the Europeans, The sound and the summer, Between an atom and a star (!), Life is endless life is a moment (!)

MickHead

2025-09-17 13:12:04

Die Deluxe Edition mit 3 Bonus Tracks!

"Dirty Looks"

https://youtu.be/gyPNnHTB0SI?si=0jckQmztVhKLVHCV

"Sharpening Knives"

https://youtu.be/1zg1Wo9GM74?si=vFmPVIuGmMtOUI89

"Overload"

https://youtu.be/cikIslitF64?si=fHetMqfXdbjvqNL9

köttbullar

2025-09-12 21:59:03

Closer konnten sie schon immer gut. Still Life, next Life, alles oberstes Regal. Aus der Neuzeit gefällt mit Flytipping von der Blue Hour am besten. Großes Spektakel.

BunteKuh

2025-09-12 20:40:19

"Zum vollen Erfolg stand leider Sabrina Carpenter im Weg!"

Wer ist das??

MickHead

2025-09-12 20:32:09

Ganz aktuell:

UK Albums Chart # 2
UK Physical Albums Chart # 1
UK Update Albums Chart # 1
UK Albums Sales Chart # 1
UK Vinyl Albums Chart # 1
UK Albums Downloads Chart # 1
UK Independent Albums Chart # 1
UK Record Store Chart # 1
Scottish Albums Chart # 1

Zum vollen Erfolg stand leider Sabrina Carpenter im Weg!

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