Wolf Alice - The clearing
RCA / SonyVÖ: 22.08.2025
Unter freiem Himmel
So langsam muss man offenbar die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Wolf Alice tatsächlich im Besitz eines Fluxkompensators sind. Das Londoner Quartett hat sich früher einmal quer durch verschiedene Neunziger-Färbungen gespielt, unter anderem Grunge, Dreampop und Shoegaze Tribut gezollt, immer wieder aber auch von weiter zurückliegenden Jahrzehnten inspirieren lassen. Nun sind die Engländer*innen endgültig in den Siebzigern gelandet. Ellie Rowsell hat sich bunte Blumen ins schwarz gefärbte Haar geflochten, während ihre Musikerkollegen ordentlich einen durchgezogen sowie sich in ausgewaschene Schlaghosen gezwängt haben. "The clearing" will vom Vinyl-Flohmarkt direkt auf den Vintage-Plattenspieler begleitet werden: Alternative Gitarrenattacken finden gar nicht mehr statt, stattdessen tanzt das Piano, es schwelgen die Orgeln, und es verschwimmt die ganze Welt vor Augen.
Diese Entwicklung wurde zwar mit älteren Songs wie "Beautifully unconventional" oder dem generell akustisch grundierten "Blue weekend" bereits angedeutet. Dass sich die Brit*innen in "Leaning against the wall" aber komplett in Stevie Nicks und Fleetwood Mac verwandeln, kommt in seiner ehrfürchtigen Konsequenz dann doch überraschend. Die Band taucht die Folk-Übung entlang des Weges gleichwohl ins Elfenhaft-Sphärische und setzt somit auch ihrem persönlichen Stil ein Denkmal. Die Sonne bricht freundlich funkelnd durchs Blätterdach: Das vierte Album der Mercury-Prize-Gewinner*innen, das erste beim Major, ist schlichtweg grandios geworden. "Is love our greatest performance?" Vielleicht. Verschiedenste Einflüsse aus Americana, Blues und Classic-Rock derart gewinnbringend in den eigenen Sound zu integrieren, kommt aber knapp dahinter.
Die Streichervorhänge reichen bis zur Decke, wenn Rowsell in "Thorns" schon zum Einstieg den ganz großen Pop-Auftritt aufs Parkett legt. Ganz gleich, ob sie nun eine Masochistin oder gar Narzisstin ist, sie kann nichts dagegen tun außer "make a song and dance about it". Kurz darauf fackeln Wolf Alice in "Bloom baby bloom" ein Feuerwerk ab, als sei die gesamte Rocky Horror Show im Haus. Die Truppe schaltet mühelos von groovendem Glam-Rock auf rauschenden Indie um, Rowsell dazu von energischem Gezeter auf traumwandlerisches Geraune. Wie elegant es sich doch zwischen den Stühlen hängen lässt, beweist die Band munter aufs Neue. Herzstück des Ganzen ist dabei mehr denn je ihre Sängerin, die sich nicht nur in dem überragenden Doppel zu Beginn als absolute Ikone ausweist.
"I was looking at her extensions / She looks so pretty it is fucking offensive": Der umwerfende Womance-Jangle-Popper "Just two girls" schickt selbst Katy Perry in Knutschlaune geschlagen auf die Bretter. Und bei geradlinigeren Stücken wie dem Gitarrenhappen "Passenger seat" oder der lupenreinen Folk-Einlage "Midnight song" sieht man die titelgebende Lichtung dann regelrecht vor dem geistigen Auge – mit einem kleinen Teich, in dem sich das Licht spiegelt, umringt von Maiglöckchen, Rehkitzen und purer Glückseligkeit. Wenn sich in "Safe in the world" entspanntes Country-Feeling und ein großer Refrain umarmen oder "White horses" zackigen, pilzköpfigen Britpop feilbietet, sorgen Wolf Alice dennoch dafür, dass "The clearing" trotz allen Hippie-Flairs mit beiden Füßen auf dem Boden bleibt.
"When my body can no longer make a mother of me / Will I change my notion of time?": Intimer als in der zärtlichen, selbstbewussten Piano-Ballade "Play it out" haben Rowsell und ihre Mitstreiter sich selten gezeigt. Und in der abschließenden Hymne aufs Nichtstun – beziehungsweise aufs gnadenlose Tun, was man will – "The sofa", kann die 33-Jährige das Rampenlicht noch mal voll auskosten. Ob es nun faulenzen oder vögeln ist, die "intellectual beauty queen" darf alles, und Wolf Alice hängen ein letztes Mal große Geigen in den orangeroten Abendhimmel. Was sentimental und kitschig ausfallen oder in einer irgendwie gearteten Verklärung von Retro-Stilmitteln hätte enden können, wird von der UK-Band triumphierend nach Hause gebracht. Und den ein oder anderen Song für ihre ewige Bestenliste hat sie ganz nebenbei auch noch geschaffen.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Thorns
- Bloom baby bloom
- Just two girls
- Play it out
- The sofa
Tracklist
- Thorns
- Bloom baby bloom
- Just two girls
- Leaning against the wall
- Passenger seat
- Play it out
- Bread butter tea sugar
- Safe in the world
- Midnight song
- White horses
- The sofa
Im Forum kommentieren
Francois
2025-12-26 22:47:54
Arena Wien open air. EIN Traum.
Aber genau am Tag vom WM Finale :(
VelvetCell
2025-12-26 18:06:18
The Clearing brauchte doch einige Anläufe. Aber nun hat es sich doch noch zu einem Favoriten des Jahres 2025 entwickelt. Ganz starkes Album mit tollen Melodien und wunderbarem Gesang.
Klaus
2025-11-21 11:48:26
Hab es sein gelassen, da die günstigen Zweitmarkttickets irgendwie zu spät kamen und der Fokus live zu sehr auf diesem Album liegt. Bis auf The Sofa und der ersten Single erreicht das meiste mich gar nicht, würde sogar sagen ist Enttäuschung des Jahres.
Ralph mit F
2025-11-21 10:55:41
Heute Abend Luxemburg, Bock!
fuzzmyass
2025-11-21 10:35:47
"Tonhalle mag ich nicht."
Das schwankt bei mir etwas... besser als Zenith ist sie auf jeden Fall... beide auch nicht meine Favoriten, habe aber auch in beiden sehr viele fantastische Konzerte erlebt - alleine diese Woche mit Turnstile (Zenith) und jetzt Wolf Alice
"Ey, fuzzy: nächstes Mal laut „Kojiroooooo“ oder „Tayloooor“ rufen!"
Vielleicht bei BRMC dann :)
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