Ethel Cain - Willoughby Tucker, I will always love you

Daughters of Cain / AWAL
VÖ: 08.08.2025
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Deprizentrum

Nachdem dieses Jahr bereits das sehr experimentelle "Perverts" herauskam, knüpft die Handlung von "Willoughby Tucker, I will always love you" beginnend im Jahr 1986, fünf Jahre vor den Ereignissen von "Preacher's daughter" an. Wir begleiten Ethel Cain, die Tochter des 1981 verstorbenen Dorfpfarrers der Gemeinde Shady Grove, Joseph Cain, durch ihre Highschool-Zeit und ihre entstehende Beziehung zu Willoughby Tucker. Beide teilen Erfahrungen von emotionalem und physischem Missbrauch in ihren jeweiligen Familien, was all ihren Annäherungsversuchen von Beginn an im Weg steht. Insbesondere Ethels mangelndes Selbstbewusstsein gipfelt in Fantasien, von Willoughby letztendlich doch nur betrogen zu werden: "I knew it was love / When I rode home crying / Thinking of you fucking other girls" ("Dust bowl"). Ethel schaut daher mit einer Mischung aus Abscheu und Neid auf ihre schöne, allgemein als Dorfhure berüchtigte Klassenkameradin Holly Reddick, die es schamlos ausnutzt, dass ihre alkoholkranke Mutter ("She really taught me well / She's no good at raising children / But she's good at raising hell") sie nicht daran hindern kann, ihre eigenen Erfahrungen mit Sex und Drogen zu machen – vielleicht, so Ethels Sorge, ja auch mit Willoughby. Holly durchschaut diese Ängste und reibt Ethel unter die Nase, wie unerfahren kindlich und frigide sie doch ist ("Fuck me eyes"), aber hält sich dennoch von ihm fern.

Ethel und Willoughby verbringen ihre gemeinsame Zeit derweil häufig in einem verlassenen Haus am Stadtrand, wo sie über eine gemeinsame Zukunft in Nebraska, weit abseits ihrer Familien, tagträumen. Eines Tages, nach einem schweren Arbeitsunfall, verändert sich Willoughbys Zuneigung zu Ethel jedoch schlagartig. Er realisiert dadurch, dass seine eigenen Traumata es ihm nicht erlauben werden, der von Ethel gewünschte und benötigte Fels in der Brandung zu sein ("Nettles"). In einer stürmischen Aprilnacht gipfelt eine Auseinandersetzung zwischen beiden letztlich darin, dass Ethel Willoughby während einer seiner Panikattacken überfordert im Stich lässt und hinaus in die Nacht schickt ("Tempest"). Die Scham darüber und die Erkenntnis, dass sie mit ihm vermutlich ihre Chance, die Liebe ihres Lebens zu finden, verloren hat, kommt zu spät und lässt sie – ähnlich wie ihren verstorbenen Vater – in eine Alkoholsucht abdriften ("Waco, Texas").

Wer sich bereits mit dem eigentlichen Vorgänger "Preacher's daughter" befasst hat, wird mutmaßlich wissen, dass es für Ethel nicht bloß bei dieser Wagenladung Elend bleibt. Wesentlich bedrückender wirkt dabei jedoch, dass Ethel Cain eben nicht nur eine rein fiktionale Figur ist, sondern einige autobiographische Parallelen zu Hayden Silas Anhedönias eigener Jugend verkörpert. Dabei hält sie absolut gar nichts zurück und lässt in einem nur vordergründig harmlosen Dream-Pop-Gewand ungebremst die sprichwörtliche Hölle auf die Zuhörenden herniederfahren. Während sich das Introstück "Janie", in welchem sich Ethel ihrer gleichnamigen Freundin anzuvertrauen versucht und bemerkt, dass ihre ersten Beziehungen zu Jungs ihre Freundschaft allmählich verblassen lassen, noch etwas bremst, nimmt spätestens "Nettles" keine Gefangenen mehr. Cains fragil gewimmertes "To love me is to suffer me" gibt in seiner bedingungslosen Hingabe an Willoughby, der diese Liebe letztlich nicht erwidern kann, ein Level an Melancholie, das den eigenen Brustkorb von innen brechen lässt.

Übergänge wie zwischen dem instrumentalen "Radio towers" und dem zentralen Titel "Tempest" schnüren einem in ihrer atmosphärischen Dichte und überbordenden Ausweglosigkeit mit solch chirurgischer Präzision die Kehle zu, dass es auch einem Post-Rock-Kaliber wie Mogwai gut zu Gesicht stünde. Je weiter man sich dem Ende des Albums nähert, desto öfter kommen Verzerrer oder verstimmte Akustikgitarren in den Mix, die das drohende Inferno unsubtil auftürmen lassen, bis das seelische Kartenhaus dem Tornado zum Opfer fällt. Und die Zuhörenden werden, so wie Ethel, die immer wieder zu dem verlassenen Haus zurückkehrt, in ihrer Hoffnung, Willoughby dort doch noch einmal wieder zu sehen, alleine gelassen, in Tränen und Fatalismus: "I've been picking names for our children / You've been wondering how you're gonna feed them/ But I still believe in Nebraska dreaming / Cause I'd rather die / Than be anything but your girl."

"Willoughby Tucker, I will always love you" weist im Vergleich zu "Preacher's daughter" zwar eine geringere musikalische Bandbreite auf und ist sicherlich auch das insgesamt weniger zugängliche Album. Und es könnte für sanfte Gemüter, die nicht bereits mit dem infernalen "Perverts" vertraut sind, eine große Chance bergen, nach dem Hören den Rest des Tages im Bett verbringen zu müssen. Das ändert aber alles nichts daran, dass wir hier ein emotional sehr bereicherndes Album mit einer liebevoll erzählten Geschichte vorliegen haben. Und Ethel Cain ist auf dem allerbesten Weg, insbesondere mit den zwei noch geplanten Nachfolgern der "Daughters of Cain"-Erzählung, die vielleicht bedeutendste Reihe an Konzeptalben dieses Jahrzehnts zu veröffentlichen.

(Gerrit Phil Abel)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Fuck me eyes
  • Nettles
  • Radio towers
  • Tempest

Tracklist

  1. Janie
  2. Willoughby's theme
  3. Fuck me eyes
  4. Nettles
  5. Willoughby's interlude
  6. Dust bowl
  7. A knock at the door
  8. Radio towers
  9. Tempest
  10. Waco, Texas
Gesamtspielzeit: 73:35 min

Im Forum kommentieren

boneless

2026-01-03 23:19:16

Da sagste was. :°)

Kontermutter

2025-12-30 23:54:32

Ich musste bei dieser Demo von Nettles halt direkt wieder heulen. "I weep for you", in der Tat.

MickHead

2025-12-30 18:05:39

Am 29.12. wurden Demos vom Album veröffentlicht.

https://m.soundcloud.com/mothercain/sets/willoughby-tucker-ill-always-love-you-demos

boneless

2025-10-26 12:53:37

Soweit ich das gesehen habe, sind alle Gigs in Europa ausverkauft. Der Hype ist schon leicht surreal, freue mich schon sehr, dass dieses fantastische Album so gewürdigt wird. Kann mir aber nicht vorstellen, dass man nicht doch noch die ein oder andere Karte im Nachhinein abgreifen kann. Ist doch schon halbe Krankheitssaison.

Beefy

2025-10-26 09:07:33

Verdammt, Zürich ist schon ausverkauft. Wieso ist die so populär? So sehr ich das letzte Album liebe, besonders trendy klingt das ja nicht. Nunja, schade, dass ich sie nicht live zu sehen kriege.

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