The Murder Capital - Blindness

Human Season / ADA / Warner
VÖ: 21.02.2025
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Dreh Dich nicht um

Bei manchen Bands ist es schon erstaunlich, dass sie zu den Großen der Szene avancier(t)en. Man erinnere sich kurz etwa an den noch frischen und doch recht rasanten Aufstieg von Idles. Dabei taten sich Joe Talbot und Co. gerade anfangs nicht mit allzu eingängigen oder anschmiegsamen Stücken hervor. Ob The Murder Capital jenen Weg in Richtung der großen Venues und Stadien auch gehen werden? Das zu beurteilen, ist noch etwas verfrüht. Zumindest aber ist das Quintett aus Dublin spätestens mit "Gigi's recovery" zum kaum noch geheimen Geheimtipp mutiert, wenn man intensiven Post-Punk von den britischen Inseln mag.

Ähnlich wie bei Idles geht's auch bei The Murder Capital nur über den Zusammenhalt, über Vertrauen in die Fähigkeiten des Gefüges und auch um Beharrlichkeit, am eigenen Weg festzuhalten. Musikalisch übersetzt bedeutet das für ihr drittes Album "Blindness": The Murder Capital bewahren die raue Energie, die Dringlichkeit, das vertonte Bauchgefühl. "The fall", jüngste Auskopplung, nach von preschend, roh und melodisch zugleich, inklusive aufjaulender Gitarre, ist ein starker Repräsentant für die Art und Weise, wie der Fünfer im Studio zu Werke ging. Unmittelbar nach der Tour zur letzten Platte kam die Band in Los Angeles mit John Congleton zusammen und nahm die elf Stücke quasi live auf, ohne Vorab-Demos, innerhalb weniger Tage und wenn möglich, in einem Take.

Der wilde Opener "Moonshot" unterstreicht das Wort Energie nicht nur, sondern fettet es. Das Stück legt gleich mit Lärmwand und knallenden Drums los. Im Anschluss loten The Murder Capital dann aus, wie tief man Bass und Gitarre stimmen kann. Vertonter Fetisch in Moll? Auf jeden Fall klingt "Words lost meaning" grungig wie lange nichts, wirkt dazu euphorisierend und niederschmetternd zugleich. Die Grunge-Klamotte streift sich "Can't pretend to know" ab, das kompositorisch recht nah bei den Ortsnachbarn Fontaines D.C. und somit nah am Post-Punk-Puls ist. Ein wenig funky, fast wie aus dem Blur-Backkatalog groovt sich das knackige "A distant life" ein und man schlackert mit den Lauschern ob des Abwechslungsreichtums, mit dem The Murder Capital in diesen ersten Stücken um die Ecke kommen. Etwas zurückgelehnter, atmosphärischer wirkt das hintere Albumdrittel, lediglich "The feeling" zeigt ab Minute zweieinhalb noch einmal die Zähne.

"Blindness" ist nur bedingt wortwörtlich gemeint, der Titel fungiert als Konfrontation, meint mehr das Nach-vorn-Schauen, in Abgrenzung zu jenem, was wir aus den Augenwinkeln verlieren, was wir nicht sehen oder nicht sehen wollen – was uns hemmt und lähmt. Einer dieser blinden Flecke, gestärkt durch aufstrebende Despoten und Rassisten, ist rechtes und ausgrenzendes Gedankengut. Aufwühlend dargeboten in "Love of country", einem schleppend-intensiven Sechsminüter mit Spoken-Word-Phasen und gelegentlichem Ausbruch: "How could you blame a soul for living / In a world built to escape?!" Wir schlucken kräftig und nicken. Und wenn der sanfte Closer "Trailing a wing" dann durchschnauft und mit Zeilen wie "Trail your wings and find your freedom" einen mutmachenden Rat an uns alle sendet – ob belastungsmäßig am Limit, emotional an der Liebe zerbrochen oder vom Hass auf andere zerfressen – dann kann man nur hoffen, dass das Gehör findet. "Blindness" wird es in jedem Fall.

(Eric Meyer)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Moonshot
  • Words lost meaning
  • Love of country
  • The fall

Tracklist

  1. Moonshot
  2. Words lost meaning
  3. Can't pretend to know
  4. A distant life
  5. Born into the fight
  6. Love of country
  7. The fall
  8. Death of a giant
  9. Swallow
  10. That feeling
  11. Trailing a wing
Gesamtspielzeit: 44:05 min

Im Forum kommentieren

Arne L.

2025-07-30 14:11:02

Find's mittlerweile sogar noch besser und bin bei 8/10. Für mich ein Top-Ten-Album des Jahres.

MrMan

2025-07-30 12:28:37

Ich finde es auch sehr lahm.

saihttam

2025-07-29 23:23:03

Mich kickt das Album leider erstaunlich wenig. Eher eine Enttäuschung nach dem grandiosen Vorgänger.

javra

2025-07-29 11:03:16

Ist jetzt endlich auch bei mir im Durchlauf, wo ich mal dazu komme, meinen Rückstand aufzuarbeiten, von allen Alben, die ich noch hören wollte diesen Sommer.

Ist mehr mein Ding als der Vorgänger. Mir gefällt das bluesige in manchen Songs, Love of Country klingt nach ner guten Mischung aus Drones und Neil Young.

Words Lost Meaning ist ansonsten mein Favorit bisher.

Filip

2025-05-14 21:20:10

Puh, ziemliches Genuschel & Geheuchel. Ich frage mich auch, wie man sich das nach der Vorgeschichte noch antuen kann. Die Band verteidigt ja die Terroristen, die Leute auf einem Musik-Festival entführt und abgeschlachtet haben. Das war vielleicht ein anderes Setting als da im Park, aber lasst uns das doch mal weiterspinnen: Hätten die es geil gefunden, wenn dort Islamisten vorbeigeschaut und Menschen aus dem Publikum mitgenommen hätten? Nicht ganz auszuschließen.

Wieso ist niemand eingeschritten und hat dem Typen in der orangenen Hose die Flagge abgenommen?

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