Angelika Express - Köln ist kaputt

Angelika Express
VÖ: 25.10.2023
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Dom kickt gut

Warum so pessimistisch, Robert Drakogiannakis? Zugegeben: Für den Kölner Effzeh sieht es bei Release des zehnten Albums von Angelika Express in der Bundesliga nicht gerade blendend aus, und auch die üblichen Bruch- und Leberschäden ob der bevorstehenden jecken Session werfen ihre Schatten voraus. Steht es um die Domstadt wirklich so schlecht? Aber schon verstanden: Es geht hier nicht um die Demontage der Karnevalshochburg, die auch das vom Frontmann expressionistisch gestaltete Cover suggeriert, sondern vor allem um Gentrifizierung, architektonische Gleichmachung und Verlust von Flair und Identität. Da kann man ja gleich nach Düsseldorf ziehen. Doch keine Bange: Angelika Express sind keinesfalls tumbe Anhänger öder Städte-Rivalitäten, die sich genau genommen nur darauf gründen, dass man nebenan das jeweils angeblich falsche Bier trinkt. Und heißt der rasante, 79-sekündige Rausschmeißer ausgerechnet wie die zweite Rheinmetropole, will uns das eigentlich nur sagen: Punkrock ist überall.

Auch in der kleinsten Hütte, denn bei "Köln ist kaputt" handelt es sich mit 26 Minuten um den kürzesten regulären, nun ja, Longplayer von Drakogiannakis und Kolleg*innen. Was für die Klasse spricht, mit der die zum Quartett angewachsene Band ihren Sound in zwei Jahrzehnten bei gleichbleibendem Kick immer weiter verschlankt, verdichtet und zugenäht hat. Stichworte wie gehabt: Diskoterror, lärmendes Massaker, ewiger Popsong. Weniger Fett, mehr Muskeln. Fordert das geräuschig lospolternde Titelstück eingangs "Wir können gar nichts mehr verlieren / Komm, wir spielen mit den Ruinen", ist das also kein Abgesang, sondern eine Aufforderung, auch aus prekären Umständen etwas Lohnendes zu machen. Selbst wenn das positiven Stress bedeutet. Als Belohnung warten grob verzerrtes Bubblegum, Power-Pop aus der Fischbratküche und Zeilen wie "Ich wollte mich nie entscheiden / Black Flag oder Bläck Fööss", die Punk-Ethos und kölsche Befindlichkeit mit Schmackes versöhnen. Nicht zu krass, nicht zu käsig und herrlich laut.

Und so geht es im Schweinsgalopp an einen Lieblingsort nach dem anderen: vom "Stadtwald" zum Wiener Platz, vom Eigelstein-Viertel in den Live-Club Stereo Wonderland. Hauptsache, die Welt ist dort noch in Ordnung, die Leute korrekt und die Musik gut. Falls nicht, bringen Angelika Express sie selbst mit: rau aber herzlich im Heuler "Anarchie und Zärtlichkeit", wo Sascha Brans seine Drums besonders raumgreifend bearbeitet, ansatzweise Irish-Folk-selig, aber mit ebenso weit aufgedrehten Stromgitarren bei "Mondschein im Kaffee" oder gegen Konformität und für jugendlichen Ungestüm im extraruppigen Geschwindigkeitsrausch von "Goldener Mittelfinger". Und was ist so eine Fünf-Finger-Herz-Explosions-Technik schon gegen den "Sieben-Fehler-Powermove", der zusammen mit der Liebsten und kehligem Singalong auch die gröbsten Schnitzer repariert? Egal wo, denn: "Wären wir nicht hier, wären wir in Düsseldorf geblieben." Köln mag kaputt sein, Angelika Express sind ganz. Und ganz schön unverwüstlich.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Köln ist kaputt
  • Anarchie und Zärtlichkeit
  • Mondschein im Kaffee
  • Düsseldorf

Tracklist

  1. Köln ist kaputt
  2. Anarchie und Zärtlichkeit
  3. Goldener Mittelfinger
  4. Mondschein im Kaffee
  5. Die Hamburger Hand
  6. Stadtwald
  7. Für immer jetzt
  8. Sieben-Fehler-Powermove
  9. Gangster der Freizeit
  10. Vitamine!
  11. Düsseldorf
Gesamtspielzeit: 25:59 min

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Rumpelstilzchen

2023-11-16 15:54:20

Startet mega gut! Mag den Dreck. Hatte die Band gar nicht auf dem Schirm vorher. Beim zweiten Song hatte ich Angst, dass es doch nur wieder so ein Oooh Ooooh Album ist. Goldener Mittelfinger überragend. Für meinen Geschmack ist es mir auf die Dauer zu krachig. Aber Genremässig doch ein Volltreffer. Fazit: nicht mein Jam aber Stilecht 👌🤷👏

Armin

2023-11-15 20:54:14- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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