Ben Folds - What matters most

New West / Bertus
VÖ: 02.06.2023
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Einen hat er noch

Die erste Online-Petition, die der Rezensent einst aktiv und mit bangem Hoffen unterstützte, beschäftigte sich nicht etwa mit politischen oder umweltaktivistischen Themen. Nein, es war wichtiger als das: 2004 forderte die "Ben Folds Society" den Tasten-Derwisch letztlich mit Erfolg per Appell im Internet dazu auf, doch endlich wieder einmal Konzerte in Deutschland zu spielen. Seit jener Zeit veröffentlichte Folds inklusive einer kurzzeitigen Wiedervereinigung der legendären Ben Folds Five gerade mal eine Handvoll Studioalben, zuletzt 2015 das leicht halbgare So there" als Mix aus Popmusik und Klavierkonzert. Seither lag der Mann aus North Carolina jedoch keineswegs auf der faulen Haut, sondern war unter anderem "Artistic Advisor" des National Symphony Orchestra in Washington, Gastgeber eines Podcasts, Komponist für ein neues "Peanuts"-TV-Special und nicht zuletzt Autor einer äußerst empfehlenswerten Autobiografie.

Wie Fans es erwartet oder zumindest erhofft haben dürften, prägen bittersüßer Kammerpop, schwelgerische Arrangements mit Piano und Orchester und etwas abseitiger Humor auch das neue Album. "What matters most" verarbeitet zu einem Gutteil die Erfahrungen während der Pandemie. Bereits im Juni desselben Jahres hatte Folds in "2020", einer Art "Nudeln und Klopapier" trifft "FCK 2020", mit Galgenhumor die Schreckenszeit kommentiert, die Songs auf dem Album greifen das Thema jedoch subtiler und naturgemäß etwas distanzierter auf. Der Opener "But wait, there's more" kombiniert ein repetitives Synthie-Motiv mit Beach-Boys-Harmoniegesang und schließlich launigen Bläser-Akzenten, um der angedeuteten Gefahr einer politischen Radikalisierung eine warmherzige Beschwörung der menschlichen Solidarität entgegenzusetzen: "Do you still believe in the good of humankind? / I do, I do." Die Single "Winslow Gardens" beschreibt Folds' Corona-bedingten Zwangsaufenthalt in Australien und das dabei verlorengegangene Zeitgefühl zum schwebenden 7/8-Takt in einem unwiderstehlichen Piano-Powerpop-Hit.

"Exhausting lover" mit Schmunzlern wie "My mind says no / My body says hell no" ist eine musikalisch herrlich elaborierte Albernheit irgendwo zwischen Scissor Sisters und Weezer plus Bigband, die als gespielter Witz von der Überforderung durch einen sexuell unersättlichen Aufriss berichtet. Im Tonfall deutlich ernsthafter, aber nicht frei von leiser Ironie ist der düstere Pianowalzer "Kristine from the 7th grade" samt üppigem Streicherarrangement über eine ehemalige Mitschülerin, die jetzt Verschwörungserzählungen über das Internet verbreitet. Das Album kulminiert im hymnischen Titeltrack, der etwas an den Klassiker "Landed" erinnert und sich im Angesicht des Verlusts eines geliebten Menschen auf die wesentlichen Dinge des Lebens rückbesinnt.

In einem Instagram-Post kündigte Folds im Mai 2023 an, keine Pläne zu verfolgen, "any more of these rock records" zu machen. Stattdessen wolle er sich anderweitig ausprobieren und beispielsweise Musicals schreiben. Sollte "What matters most" tatsächlich sein Schwanengesang als Popmusiker bleiben, wäre es ein würdiger Schlusspunkt mit Ausrufezeichen. But wait, there's more: Ende 2023 kommt der in einem Live-Kontext noch stärkere Folds doch glatt für drei unbedingt empfehlenswerte Konzerte nach Deutschland. Und dafür bedurfte es noch nicht einmal einer Petition.

(Michael Albl)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Kristine from the 7th grade
  • Winslow Gardens
  • What matters most

Tracklist

  1. But wait, there's more
  2. Clouds with ellipses
  3. Exhausting lovers
  4. Fragile
  5. Kristine from the 7th grade
  6. Back to anonymous
  7. Winslow Gardens
  8. Paddleboat
  9. What matters most
  10. Moments (feat. Tall Heights)
Gesamtspielzeit: 40:04 min

Im Forum kommentieren

Obrac

2023-10-27 15:32:10

B-Seitensammlung als Gesamtwerk: 9/10. Da war teilweise schon fantastisches Zeug dabei.

Obrac

2023-10-27 15:27:57

Die "So there" fand ich "gut", aber nicht überragend. Meine (Solo-)Diskografiebewertung wäre die folgende:

Ben Folds - Rockin' the suburbs 9/10
Ben Folds - Songs for Silverman 8/10
Ben Folds - Way to normal 4/10
Ben Folds / Nick Hornby - Lonely avenue 9/10
Ben Folds - So there 7/10
Ben Folds - What matters most 8/10

Das Herz sagt 10/10 für jede, der Kopf Obiges.

jo

2023-10-27 11:56:59

Dem kann ich mich nur anschließen. An der Stelle kann ich auch noch mal einbringen, dass ich "So There" auch immer noch für sehr unterschätzt halte.

Obrac

2023-10-27 10:42:58

Für mich wieder einmal ein grandioses Album voller Hits. Dass es sein letztes ist, glaube ich nicht.

Grizzly Adams

2023-06-06 19:37:28

Nach den ersten beiden Durchgängen bin ich zufrieden. Gutes Album. Ben Folds, wie ich ihn mag. Überraschungen in den Arrangements sind da. Große orchestrale Popmomente sind da. Auch die ruhigen, pianogetragenen Songwriterpassagen sind da. „Kristine“ ist klasse. Und auch die hübschen, augenzwinkernden Texte. Verdiente 7/10. Wächst möglicherweise über die Zeit. Wie eigentlich immer bei ihm. War nur bei „Rockin‘ the Suburbs“ sofort geflasht, andere Alben brauchten länger.

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