Paolo Nutini - Last night in the bittersweet

Atlantic / Warner
VÖ: 01.07.2022
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Viel hilft viel

In der Kürze liegt die Würze? Von wegen. Über 70 Minuten Musik: Vielleicht wollte sich Paolo Nutini nach einer solch langen Wartezeit einfach nicht lumpen lassen. Immerhin acht Jahre hat sich der Schotte Zeit gelassen, um den Nachfolger von "Caustic love" vorzulegen. Dabei sind weder Bescheidenheit noch Selbstzweifel angebracht angesichts der erwiesenen Klasse des Musikers. Während die Gründe für die lange Veröffentlichungs-Auszeit möglicherweise ungeklärt bleiben, steht schon nach dem ersten Höreindruck fest: Nutini ist Großes gelungen.

Gleich zu Beginn legt er allerdings erst einmal eine falsche Fährte. "Afterneath" führt genussvoll in die Welt von Led Zeppelin, dazu wird eine Sequenz aus Quentin Tarantinos "True romance" eingespielt, schließlich vermengen sich flehentliches Rufen und Gedichtvortrag. Man könnte zumindest kurzzeitig die Orientierung verlieren, allerdings steigt Nutini rasch aus dem Zeppelin aus und steuert in "Radio" vertrautere Gefilde an. Hier zeigt sich die ganze Klasse seiner Stimme, die sich mehr und mehr steigert und nach betontem Anschleichen Stück für Stück eskaliert. Und nicht nur innerhalb eines Stücks herrscht Spannung, auch die Songs an sich erweisen sich als überaus abwechslungsreich. Die Emotionalität in "Through the echoes", Krautrock-Ausflüge wie in "Lose it" oder ein intensives, rockig-souliges Vorgehen in "Everywhere": Schon die erste Albumhälfte imponiert.

"Abigail" präsentiert sich im Anschluss als feinste Songwriter-Nummer und leitet die zweite Hälfte stimmig ein. In der mit "Children of the stars" gleich der nächste Höhepunkt ansteht und deutlich macht, mit welcher Mühelosigkeit Nutini große Momente inszeniert. Und auch für elektronische Zutaten und große Gesten bleibt Platz, beispielsweise in den starken Songs "Heart filled up" oder "Shine a light". Letztgenannter reißt förmlich mit und gönnt sich einen freundlichen Gruß in Richtung U2. Schon bis hier genug Material, damit Nutini mit seiner grandiosen Mischung aus Rock, Soul, Funk weiterhin die Bühnen dieser Welt besuchen kann.

Der Schotte hat seine Fans lange warten lassen. Aber mal ehrlich: Wenn am Ende einer solchen Schaffenspause ein solches Album steht, dürfte ihm das niemand ernsthaft zum Vorwurf machen. Den Schreibprozess übernahm er überwiegend selbst, nur im Detail unterstützt von Musikern seiner Liveband. Und auch die Produktion verantwortete Nutini, zusätzliche Arbeit verrichteten dabei Dani Castelar und Gavin Fitzjohn. Im letzten Viertel gelingt dem Singer-Songwriter dann auch noch das, was andere bei solch ambitioniert ausufernden Werken oft genug nicht hinbekommen: starke Songs abliefern, ohne auch nur im Ansatz dem Vorwurf begegnen zu müssen, es übertrieben zu haben. "So now I guess that it ends baby / So good luck, thank you and good night", heißt es im finalen "Writer". Well done!

(Torben Rosenbohm)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Through the echoes
  • Everywhere
  • Children of the stars
  • Shine a light

Tracklist

  1. Afterneath
  2. Radio
  3. Through the echoes
  4. Acid eyes
  5. Stranded words (Interlude)
  6. Lose it
  7. Petrified in love
  8. Everywhere
  9. Abigail
  10. Children of the stars
  11. Heart filled up
  12. Shine a light
  13. Desperation
  14. Julianne
  15. Take me take mine
  16. Writer
Gesamtspielzeit: 72:07 min

Im Forum kommentieren

Grizzly Adams

2022-07-22 20:29:38

Geh ich mit. Das Album gefällt mir immer besser. Sein bestes so far. Wächst mit jedem Durchlauf.

Ituri

2022-07-22 19:43:42

Leider jetzt erst rein gehört. Unfassbar guter und oft unterschätzter Musiker. Acid eyes ist ein Traum.

Armin

2022-07-13 19:25:22

Ich find's auch gut, aber auf die Länge ist eben schon noch einiges verzichtbar. Vielleicht growen die Songs dann ja auch noch.

Grizzly Adams

2022-07-13 19:10:34

Ich denke, ich muss meine Wertung doch erhöhen…
Besonders „Abigail“ und „Writer“ — die beiden klassischen Singer/Songwriter Folk-Stücke and in ihrer schlichten Erhabenheit schon besonders. Letzteres mit dem schottischen Akzent vorgetragen.
Ich denke, er sollte sich durchaus mal an ein reines Akustikalbum wagen. Kriegt er hin, ganz sicher.

Grizzly Adams

2022-07-13 18:21:13

Album lässt sich doch gut anhören. Da werden schon einige Stile durchprobiert. Bleibt immer noch abwechslungsreiche Popmusik auf hohem Niveau. Ein bisschen weniger Soul als zuletzt, ein bisschen mehr verfremdeter Gesang. Er versucht sich seltener an den hohen Tönen, bei denen seine Stimme hin und wieder in ein eher unangenehmes Kreischen abgekippt ist. Also kein Nachteil. Bin beim ersten Durchgang bei einer soliden 7/10.

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