Spoon - Lucifer on the sofa

Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 11.02.2022
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

In Teufels Wohnzimmer

Da sitzt man nun auf der Couch. Starrt unentwegt Löcher in die Wand, in die Decke oder in den Käse. Laut Britt Daniel ist es der Leibhaftige höchstpersönlich, den wir selbst in dieser Zeit verkörpern. Eine komplizierte Metapher für komplizierte Zeiten. Kaum wegzudiskutieren jedoch, dass Sofas und verwandte Sitzgelegenheiten in 2020 und 2021 Hochkonjunktur hatten. Und wir den inneren Teufel mal mehr, mal weniger deutlich in uns spürten. Da hilft es nur, sich aufzuraffen, sich mal wieder zu bewegen und aufs Wesentliche zu besinnen. Daniels Band Spoon hat mit ihrem zehnten Album "Lucifer on the sofa" einen solchen Rückfall auf die Kernprinzipien vollzogen. Nicht, dass der Vorgänger "Hot thoughts" allzu abseitig gewesen wäre, trotz ein paar ungewöhnlicher Experimente. Aber diese zehn Stücke sind so sehr klassischer Spoon-Sound, dass es eine wahre Freude ist. Nein, hier gibt es nichts Neues. Stattdessen einfach so viel Bewährtes in großartiger Form.

Die erste Single "The hardest cut" erinnerte mit ihrem Shuffle-Rhythmus daran, dass Queens Of The Stone Age irgendwann mal ZZ Top gecovert hatten, und kommt mit nur fünf eindringlichen Knurr-Tönen als Hook aus. "World wars in my mind / Long day into night, the hardest cut", ruft Daniel über die messerscharfen Riffs hinweg. Alarm hat bereits der Opener "Held" gemacht, allerdings auf eine flächigere Art und Weise. Ähnlich wie früher "The beast and dragon, adored" oder "Don't make me a target" lebt dieses Cover des gleichnamigen Smog-Songs davon, dass es unentwegt brodelt und offen lässt, ob und wann es explodiert. Auch inklusive ist die spontane Proberaum-Besprechung, den Fill doppelt so lang zu halten, bevor er in die Bridge mündet. "Lucifer on the sofa" hat auch ohne solch offensichtliche Hinweise eine durchweg launige First-Take-Kante, welche die Stücke spontan und frisch wirken lässt.

Das gilt gleichermaßen für den angebluesten Rock von "The devil & Mister Jones" als auch für das energetische Doppel von "Feels alright" und "On the radio", welches zukünftigen Live-Konzerten neues schweißtreibendes Futter besorgen dürfte. Nirgendwo trifft die Platte aber so dermaßen ins Schwarze wie im fantastischen Hit "Wild", dessen Refrain sich melodisch förmlich freibrüllt: "And the world, still so wild, called to me! / I was lost, I'd been kept on my knees!" Ja, die Ausrufezeichen müssen da hin. Da wurde die Best-Of-Zusammenstellung klar zu früh veröffentlicht. Doch "Lucifer on the sofa" hat auch eine entzückende besonnene Seite, die für die richtige Dynamik im Sequencing sorgt. "My babe" ist ein Kleinod inmitten des Trubels, eine tröstende Romantik. "What do you get when you add it up? / The same walls every day and night." Kennen wir ja alle.

Zum Ende hin fließt das Album langsam, aber gleichermaßen spektakulär und großartig aus. "Astral jacket" ist eine in der Tat spacige Ballade, die mit viel Hall arbeitet. "In the blink of an eye / You could feel so fine / You could lose all track of time", singt Daniel und einmal mehr nach "Inside out" kann man dem träumenden Vortrag recht geben. Auf das zurückhaltende "Satellite" folgt der abschließende Titeltrack. Er vertont einen nächtlichen Spaziergang durch Austin, Texas im ersten Lockdown – durch leere Straßen und geisterhafte Atmosphäre. Das Saxofon verhallt im Nachthimmel. Der Song lässt sich treiben, um in Ruhe auszuklingen. Man kann darüber nur staunen. Die Welt hat sich während der Entstehungszeit völlig verändert, aber Spoon bleiben mit "Lucifer on the sofa" auf so hohem Niveau, als wäre es das Leichteste der Welt.

(Felix Heinecker)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Held
  • Wild
  • Astral jacket
  • Lucifer on the sofa

Tracklist

  1. Held
  2. The hardest cut
  3. The devil & Mister Jones
  4. Wild
  5. My babe
  6. Feels alright
  7. On the radio
  8. Astral jacket
  9. Satellite
  10. Lucifer on the sofa
Gesamtspielzeit: 38:35 min

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StopMakingSense

2022-02-22 22:40:29

So unterschiedlich sind die Geschmäcker und der Umgang damit, Grizzly... ;)

Neuerscheinungen von Bands, deren Diskographie in meiner persönlichen Wertung über Jahrzehnte derart hoch angesiedelt sind wie die von Spoon, kriegen auch durchaus noch mehr Durchläufe... ich wehre mich da gerne gegen meine eigenen, der Natur der oberflächlichen Sache entsprechend halt eher pauschalen Ersteindruckenttäuschungen (und Zweit- und Dritt- und Viert-).

Ich fand auch schon Hot Thoughts bei den ersten Durchläufen ähnlich lau und stellenweise beliebig, und viel gewonnen hat sie ehrlicherweise für mich seitdem auch nicht mehr.


Britt Daniel ist jetzt (in ein paar Wochen) 51, ich würde es mir zwar wünschen, aber ahne, dass da keine wirklichen Volten mehr auf derart hohem Niveau kommen, wie er sie mit GaGaGaGaGa zu Transference zu TheyWantMySoul im Sujet "Spoon" vollzogen hat. Aber wie ich heute schon an anderer Stelle sagte: ich lasse mich sehr gerne eines besseren belehren ;)

Grizzly Adams

2022-02-22 20:17:28

@StopMakingSense:
Interesting. Ich würde mir keine zehn Durchläufe für ein Album gönnen, das mich nicht anspricht …

Ich mag das Album. Reiht sich für mich nahtlos in alle bisherigen VÖ ein. Spoon sind eine außergewöhnlich gute Band. Bin nach wie vor bei 8/10. Kann nach zehn Durchläufen auch mehr werden. ;-)

Zappyesque

2022-02-22 17:01:39

Mein Favorit ist inzwischen die Nummer, die noch am ehesten nach den letzten beiden Alben klingt: "Feels alright", und natürlich der Titeltrack.

Zappyesque

2022-02-22 17:00:24

Tatsächlich geht es mir was die Abnutzung mit mehrmaligem Hören angeht ähnlich. Es wird jedenfalls nicht spannender, verliert gar ein wenig.

StopMakingSense

2022-02-22 16:50:20

Nach ca. zehn Durchläufen bin ich unverändert unangetan und streckenweise gar etwas empört.
Britt Stangenware (Limbo), uninspiriert.

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