Die Ärzte - Geräusch

Hot Action / Universal
VÖ: 29.09.2003
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Bächtig möse

Das muß wohl Größenwahn sein. Die Ärzte, die höchstbescheidene Beste Band der Welt, haben mit Nummer-Eins-Hit, Comeback nach überaus endgültiger Trennung, Livescheibe, Konzeptalbum, Solo-Verwirklichung und zuletzt dem Unplugged-Erlebnis schon so ziemlich alles mitgemacht, was Echte Rockbands spätestens seit Spinal Tap auszeichnet. Belafarinrod fehlt nur noch eins zum Glück: das Doppelalbum. Und da in der Krankenakte neben grobem Unfug auch notorische Hyperaktivität aufgeführt wird, war es den Berlinern ein leichtes, "Geräusch" mit gleich sechsundzwanzig Mal tiefschürfender Sinnlosigkeit zu befüllen. Wegen spontanen Leichtsinns gibt's gleich zwei Alben zum Preis von einem. Ohne Kopierschutz und andere Verhütungsmittel. Narrenfreiheit hat eben manchmal etwas für sich.

So erlebt man die Ärzte bei Erstaunlichem: Sie werden auf ihre alten Tage noch nachdenklich ("NichtWissen"), lernen Fremdsprachen ("Jag älskar Sverige!"), setzen sich für die vernachlässigte Bildung ein ("Besserwisserboy") und philosophieren umständehalber über das Leben nach dem Tod ("Pro-Zombie"). Kein Wunder, müssen doch die Kommerz-Punks™ in ihrer Eigenschaft als Alte Säcke in unmittelbarer Zukunft ihre Bestattung einkalkulieren. Da darf man es auch durchaus mal etwas "Ruhig angehn" lassen. In "Schneller leben" hingegen schimmert unerwartete Reife durch: "Kurt Cobain hat's gewußt: / Im Alter droht Gesichtsverlust." Treffer. "Parkinson, mein nächstes Ziel / Da kann man schnelle Achtel spielen." Das Alter als Chance.

Erhabene Lebensweisheiten wie "An Deinen Lenden hängt ein Tempel / Beschütze ihn und Deinen heil'gen Stab" und "Keiner liebt mich so wie ich" beflügeln Phantasie und Intellekt. Aber auch der respektvolle Umgang mit dem anderen Geschlecht wird propagiert: "Ich war der Duft der weiten Welt für Dich / Du hast Dich Gott sei Dank geduscht für mich." Zeilen wie "An mir hängt jede Menge untendran / Schau es Dir an, ich bin ein Mann" beweisen die durch intensive Reflektion gewonnene Selbsterkenntnis. Dieser Neuentdeckung der Ernsthaftigkeit widmet sich das einmal mehr wohlfrisierte Dreigespann mit nachgerade Schopenhauerscher Dialektik. So werden die drängendsten Themen unserer Zeit von beiden Seiten beleuchtet: Tag und Nacht, Ruhe und Hektik, Liebe und Haß, Krieg und Frieden, Mann und Frau, Dieter und Bohlen.

Untermalt werden diese literarischen Kleinode von zum wiederholten Male äußerst elegischer Musik. Auf jeden Fall fast gar nicht kitschige Hymnen wie "WAMMW", kommunikative Schlager wie "T-Error" oder beschwingte Gassenhauer wie "Deine Schuld", "Nicht allein" und "Der Tag" tanzen Ringelreihen. Populäre Spielarten wie Bossanova, Country, Samba, Swing und Grindcore verschmelzen zu einem anschmiegsamen Klangbild, welches glücklicherweise völlig "Unrockbar" ist. Subtile Musikalität spiegelt sich in der wohlüberlegten und noch nie dagewesenen Reduktion auf lediglich drei Akkorde wieder. Das sollte vor allem die ernsthaften Musikconnaisseure begeistern. Eigentlich. "Doch das System setzt noch immer auf Unterdrückung / Und Gewissenlosigkeit." Wie gemein.

PS: Diese Rezension könnte Ironie enthalten.

(Oliver Ding)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Der Grund
  • Richtig schön evil
  • Schneller leben
  • Unrockbar

Tracklist

  • CD 1
    1. Als ich den Punk erfand
    2. System
    3. T-Error
    4. Nicht allein
    5. Dinge von denen
    6. Der Grund
    7. Geisterhaus
    8. Ein Mann
    9. Anders als beim letzten Mal
    10. Ruhig angehn
    11. Jag älskar Sverige!
    12. Richtig schön evil
    13. Schneller leben
  • CD 2
    1. Unrockbar
    2. Deine Schuld
    3. Lovepower
    4. Der Tag
    5. Die Nacht
    6. Nichts in der Welt
    7. Die klügsten Männer der Welt
    8. Piercing
    9. Besserwisserboy
    10. Anti-Zombie
    11. Pro-Zombie
    12. WAMMW
    13. NichtWissen
Gesamtspielzeit: 95:59 min

Im Forum kommentieren

Felix H

2026-06-20 15:39:23

Ich glaube, da haben sie sich etwas arg in dieses Dualitäts-Konzept versteift...
- 2 CDs samt eigenem Booklet und Albumcover
- "Der Tag" / "Die Nacht"
- "Lovepower" / "Powerlove"
- "Anti-Zombie" / "Pro-Zombie"
...dass sie das Wesentliche aus den Augen verloren haben. Da war nicht genug gutes Material für ein Doppelalbum, selbst ein Einzelalbum würde nicht mal mit den Vorgängern auf der Höhe sein. Aber ja, Highlights hat es dann doch einige richtig große.

The MACHINA of God

2026-06-20 15:19:48

Ich kann jedes. einzelne. Wort. exakt. so. unterschreiben. :)

Affengitarre

2026-06-20 15:12:35

Zwei Sachen muss ich aber doch noch hervorheben: "Nichts in der Welt" ist schon wirklich schön und gerade von der Gitarrenarbeit echt nett und die Zeile

Parkinson, mein nächstes Ziel, da kann man schnelle Achtel spielen

ist schon echt toll. :D

Affengitarre

2026-06-20 15:10:53

Das Album ist echt faszinierend. "Geräusch" hat für mich den besten Albeneinstieg von ihnen mit "Als ich den Punk erfand" und dem großartigen "System", danach wirds allerdings schon ziemlich durchwachsen.

Keine Ahnung, was sie sich bei Sachen wie "Ein Mann", "Piercing" oder "Lovepower" gedacht haben. Zwar gibt es später noch große Highlights wie dem Schwedensong, "Richtig schön evil" und auch "Unrockbar", aber gerade auf der zweiten Disc lohnt sich fast gar nichts mehr.

"NichtWissen" ist auch ein sehr komischer und antiklimatischer Closer. Mittlerweile hängt ja beim Streaming der ehemalige "Pregap"-Track "Hände innen" am Ende, der auch noch echt toll ist und für mich auch deutlich besser als Closer geeignet. Ganz komisches Album.

The MACHINA of God

2021-01-18 21:23:26

Weil ich es grad live seh: wenn es einen Oasis-Song in ihrem Oeuvre gibt, dann ist es "Nichts in der Welt". Harmonien und Melodien sind total Gallagher.

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