Anna von Hausswolff - All thoughts fly

Southern Lord / Cargo
VÖ: 25.09.2020
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Vergehen in Frieden

Am Anfang war die Orgel. Aus kleinen und großen Pfeifen kamen Geräusche. An den Manualen und Pedalen saß eine zierliche blonde Frau. Die Welt schaute hin, hörte zu und war fortan gefangen. Vom Charme dieser Frau, von der Urgewalt ihrer Stimme, aber vor allem vom Sound, den sie der Orgel entlockte. Anna von Hausswolff musiziert nunmehr seit einer Dekade im Licht der Öffentlichkeit. Nach einigen umjubelten Alben hat sie sich für eine Zwischenstation entschieden. Zurück zum Wesentlichen, zurück ans Windwerk. "All thoughts fly" kommt ohne Gesang aus, was so manchem Fan vielleicht missfallen wird. Wenn man das Album aber als das begreift, was es ist, gibt es wenig zu diskutieren. Denn die Schwedin nimmt den Hörer mit auf eine Reise ins Zwielicht. Mal zärtlich, mal brachial erklingt ihr liebstes Instrument. "All thoughts fly" ist ein simples, meditatives Album geworden. Liebe muss nicht immer kompliziert sein.

So kreist etwa "Persefone" um vier sich wiederholende Akkorde. Schicht um Schicht verdichten sich die Harmonien, ehe nach fast vier Minuten die Melodiestimme aufbegehrt. Doch auch sie begnügt sich damit, dem bedächtigen Rhythmus zu folgen. Ganze Noten leisten ganze Arbeit. Im Zentrum des Albums steht der Titeltrack, welcher sich auf über zwölf Minuten erstreckt. Flirrende Arpeggi überlagern einander, aus statischer Wiederholung erwächst Schönheit. Sich auf die Musik einzulassen, bedarf der Bereitschaft, zur Ruhe zu kommen. Anna von Hausswolff ist letzten Endes eine Suchende. Sie tastet sich voran, stets im Bewusstsein, dass Ideen eine endliche Ressource sind. Aus diesem Grund räumt sie den Motiven viel Platz ein. Wer den großen Knall sucht, wird auf "All thoughts fly" nicht fündig werden. Hier regiert Zurückhaltung. Töne verschmelzen zu einem Wabern, Intensität kommt und geht in Wellen. Für Hektik sind andere zuständig.

In "Theatre of nature" wird der Hörer zunächst an der Hand genommen. Mächtige Anschläge künden von dem, was noch kommt. Sich anzubiedern, hat die Skandinavierin nicht nötig. Während andernorts um die Wette krakeelt wird, bleibt sie ganz bei sich. Die Lust am Unheil ist Triebfeder menschlicher Kreativität. Bei aller Hoffnung, die den Alltag erträglich macht, schlummert der Zweifel im Verborgenen. Er nagt, zehrt auf und ist doch nötig, um zu neuen Ufern vorzustoßen. Ohne Zweifel kann es keinen Fortschritt geben. Weitaus friedlicher geht es in "Sacro bosco" zu. Bedächtig erkundet Anna von Hausswolff das Ungefähre. Bilder von halb verfallenen Kirchen enstehen vor dem inneren Auge. Das Licht der Renaissance wird diffus im Nebel des Verfalls. Auch wenn alles vergänglich ist, geht es immer weiter. Versöhnung lautet die Devise. Akzeptanz. Dem Menschen bleibt eine beschränkte Zeit auf Erden, die Tage sind gezählt. Das Ende wird zum Anfang.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Theatre of nature
  • Persefone
  • All thoughts fly

Tracklist

  1. Theatre of nature
  2. Dolore di orsini
  3. Sacro bosco
  4. Persefone
  5. Entering
  6. All thoughts fly
  7. Outside the gate (For Bruna)
Gesamtspielzeit: 43:35 min

Im Forum kommentieren

Ehrenfelder

2020-09-26 06:40:55

Einer der besten Soundtracks der letzten Jahre war sicherlich der von

Deaf

2021-12-15 00:51:54

An diesem Montreux-Konzert, im Vorprogramm von Nick Cave, war ich sogar live dabei. Definitiv eines der Highlights ever und natürlich grossartig, dass es jetzt noch als Album veröffentlicht wird.

doept

2021-12-15 00:32:12

Danke Klaus für den Hinweis, war mir bisher nicht bekannt!

In der Tat, die reinen "Orgelsachen" holen mich nicht ab. Habe ich schon oben geschrieben, stimmt auch (leider) immer noch.

Das "Dead magic"-Konzert (in meinem Fall Köln, Gebäude 9) war dagegen ein Fall für die Top 10-Konzerte überhaupt.

Klaus

2021-12-15 00:25:45

Ne, die reinen Orgelsachen holen mich nicht ab. Hatte aber eine Karte für bada. Vier mal verschoben und dann war ich krank. Toll.

Was man aber noch eben erwähnen könnt, wo der Thread schon mal oben ist : im Januar kommt von Livealbum von der besten Tour der Welt. 2018 zum letzten "Gesangsalbum" vom Montreux Jazz festival.

Deaf

2021-12-15 00:17:43

Unglaublich, was da letzte Woche los war. Dass im Jahr 2021 in Westeuropa Konzerte von katholischen Fundamentalisten verhindert werden, ist schon beschämend.

https://orf.at/stories/3239743/

War auch wer an einem ihrer Orgelkonzerte? Fand es schön Anfang Monat in der Heiliggeistkirche Bern, wenn auch sehr kurz (ca. 1h). Wünsche mir aber künftig gerne wieder Konzerte mit Gesang von ihr.

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