Die Sterne - Die Sterne

PIAS / Rough Trade
VÖ: 28.02.2020
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Was war, ist

Schon mal das Gefühl gehabt, alles im Leben erreicht zu haben? Frank Spilker könnte den Gedanken kennen – zumindest künstlerisch. Zum 25-jährigen Die-Sterne-Jubiläum von zahlreichen Weggefährten den Tribute-Sampler "Mach's besser" gewidmet bekommen, das frühe Schaffen auf dem Box-Set "Anfang verpasst" verewigt, von seinem Debütroman "Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen" ganz zu schweigen – und als 2018 Christoph Leich und Thomas Wenzel ausstiegen und das Weltall somit nicht einmal mehr zu zweit war, sah es ganz so aus, als könnte es das gewesen sein für Die Sterne. Zumal die Hamburger Schule längst abgerissen ist, Blumfeld aufgelöst und Tocotronic inzwischen ohnehin ihr eigenes Genre sind. Doch Spilker lässt auf dem zwölften Album dessen, was einmal seine Band war, nicht locker – und er ist nicht allein.

Denn die Kollegen stehen schon Schlange, damit der gebürtige Herforder seine Kreise auf "Die Sterne" nicht gar so einsam ziehen muss: Carsten Meyer alias Erobique und Von Spars Jan Philipp Janzen sind ebenso mit von der Partie wie Zwanie Jonson, The Düsseldorf Düsterboys oder Dyan Valdes von The Blood Arm. Umso erfreulicher, dass die neuen Stücke trotzdem in erster Linie wie Die Sterne klingen: stimmlich entgeistert bis leicht beduselt, in steter Zwiesprache mit Farfisa-Orgeln und Space-rockigen Ausdünstungen und doch immer dem guten, swingenden Popsong verpflichtet. Auch im Angebot: die Kunst des Selbstzitats. Mal subtil im an "Die Interessanten" angelehnten Feedback-Intro des luftigen Openers "Das Herz schlägt aus", mal deutlicher in der Zeile "Hier bin ich / Dort bist Du / Wo ist hier", die den 1999er Longplayer "Wo ist hier" referenziert.

Die bereits 2017 produzierte Single "Hey Dealer" ist dabei nicht unbedingt der größte Wurf, auch wenn es locker für einen souveränen, leicht verdrogten Indie-Rock-Boogie mit kosmischen Keyboards reicht. Zackiger gibt sich schon "Der Palast ist leer" und springt zu lakonischen Bildern des Verfalls kopfüber in die motorische Krautrock-Zentrifuge, während "Der Sommer in die Stadt wird fahren" ungeachtet seiner karierten Syntax mit dem großen Besteck klappert: Die Dance-Beats schmatzen, die Keyboards sprotzen, und die Hamburger Streicher Kaiser Quartett geigen dermaßen geigig, dass es fast ein Disco-Synthie sein könnte. Auch "Du musst gar nix" entledigt sich mit aufgekratztem Chor und Slap-Bass aller Zwänge und nötigt dank funky !!!-Licks allenfalls zum Gang in den nächsten Schwitz-Club – sofern Spilker überhaupt noch in solchen Kategorien denkt.

Eine Frage, die sich vermehrt ab der Mitte stellt: Zu ätzend schaben sich die Gitarren-Freakouts von "Das Elend kommt (nicht)" im Stil des "Räuber und Gedärm"-Kriechers "Der Tunnel" durch die Lage der Nation, zu notdürftig verbirgt der Mitmüsser "Die besten Demokratien" sein Unbehagen unter einem Soul-Groove, bis Spilker zum Realitäts-Check bittet: "Und wenn Ihr die Faschos jetzt schon selber wählt / Was wollt ihr dann tun, dass man Euch nicht dazu zählt?" Und lecken die indischen Drones von "Halbvergangener Tag" die Wunden der letzten Nacht, ist auch die "Fickt das System"-Weisheit "Manchmal ist zugedröhnt besser als nichts" wieder aktuell. Womit alles gesagt wäre auf einem Album, auf dem Spilker auch im Alleingang wunderbar gekonnt wie immer die Fäden zieht. "Wahr ist, was wahr ist" kann man schließlich auch als "Wahr ist: Was war, ist" lesen.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Der Palast ist leer
  • Der Sommer in die Stadt wird fahren
  • Das Elend kommt (nicht)
  • Die besten Demokratien

Tracklist

  1. Das Herz schlägt aus
  2. Der Palast ist leer
  3. Der Sommer in die Stadt wird fahren
  4. Du musst gar nix
  5. Hey Dealer
  6. Unterschiedlich subtil
  7. Das Elend kommt (nicht)
  8. Die Message
  9. Wir kämen wieder vor
  10. Die besten Demokratien
  11. Drinks & love
  12. Halbvergangener Tag
Gesamtspielzeit: 53:00 min

Im Forum kommentieren

Loketrourak

2020-05-07 13:26:17

Ich liebs.
Richtig gut.

Gordon Fraser

2020-05-07 01:42:32

"Du musst gar nix" ist wahrscheinlich der beste Sterne-Song seit "In diesem Sinne".

Gordon Fraser

2020-03-09 13:40:00

Bisschen lang, aber in der ersten Hälfte ist das Album erstaunlich groovy und unterhaltsam.

dryeye

2020-03-08 23:42:19

+1

Mike

2020-03-08 17:17:39

So lange es Musiker gibt, die das Sterne-Konzept in einer derart kongenialen Weise mittragen und weiterentwickeln und ein Publikum, das diese Musik hören will, ist es folgerichtig, dass Frank Spilker als Die Sterne weiter macht.

Danke, Frank. Das ist ein mutiger Schritt, der Respekt und meine Hochachtung verdient!

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