
Coldplay - Everyday life
Parlophone / WarnerVÖ: 22.11.2019
Warning sigh
Als Chris Martin noch Zahnspange trug, war Regisseur Mat Whitcross schon da. Er begleitete Coldplay quasi von den pickligen Anfangstagen bis zum Arena-großen Bällebad in São Paulo 20 Jahre später. Solch gebündelte Archivlage hat Seltenheitswert. Der Film "A head full of dreams" enthält daher ein paar bemerkenswerte Szenen. Ein dürrer Martin grinst in Whitcross' Kamera und prophezeit, dass Coldplay einmal eine Riesenband würden – da steckte das Debüt "Parachutes" noch in den Kinderschuhen. Nicht weniger überraschend war die sinngemäße und auch auf ihre Songs gemünzte Aussage, dass Coldplay zwei Dekaden endlich dort angelangt seien, wo sie schon immer hinwollten. Letztlich roch es nach Abschied: Zwar kündigte die Gruppe schon häufiger zu Albumveröffentlichungen an, es könne das letzte Werk der Band sein. Mit der größten Tour ihrer Bandhistorie inklusive Super-Bowl-Auftritt im Rücken und zwei fürs Kino aufgearbeiteten Jahrzehnten als Abschluss schien das durchaus realistisch. Aber: Pustekuchen. Ein "Doppelalbum" steht an: "Everyday life".
"A head full of dreams" war von einem propagierten Höhepunkt so weit entfernt wie ein Eierfurz von Parfüm-Flacons und beschleunigte den leichten Abwärtstrend der Album-Releases um ein Vielfaches. Dass die Briten noch einmal die Kurve kriegen sollten, wirkte auch angesichts eines weiteren austauschbaren Avicii-Features Chris Martins und der EP unter dem Alias Los Unidades eher unwahrscheinlich. "Everyday life" belehrt uns eines besseren. Auf der besten Platte seit "Viva la vida or death and all his friends" sind Coldplay die globalste Band dieses Planeten. In Songs, die teils Fragmenten oder Demos gleichen, und in denen Flucht, Migration, Religion, Glaube, Familie, Freundschaft und Gewalt thematisch nebeneinanderstehen, umarmen Coldplay die ganze Welt. Streng genommen machten sie dies bereits mit universellen Wohlfühl-Vokalisierungen in stadienfüllender Endlosschleife. Nun aber verknüpfen Coldplay fernöstliche und afrikanische Klänge mit Pop, Rock, Klassik und Folk sowie Beobachtungen zu soziokulturellen und geopolitischen Strömungen zu einem ganzheitlichen Alltagsdenken voller interkultureller Beziehungsgeflechte.
Unterteilt haben Coldplay ihr achtes Studioalbum in die Hälften "Sunrise" und "Sunset". Hinter "Sunrise", dem Opener von "Everday life", verbirgt sich ein Streicher-Instrumental. Denkbar in Independent-Streifen, klingt es für einen lichtspendenden Sonnenaufgang jedoch bedrückend – und die folgenden Songs untermauern dieses Gefühl auch inhaltlich. Durch "Church" weht ein Hauch von Coldplays "Strawberry swing", Nineties-TripHop-Vibes und mit Mobys "Porcelain" verschwippschwagerte synthetische Streicher. Vor allen Dingen aber greift der Song zu arabischem Gesang das Thema Glaube auf, nur bleiben, anders als vielleicht vermutet, die Gebete des Protagonisten unerhört. "I worship in your church / All the seven days I praise and praise", sagt Martin am Ende. Der Gospel-Song "BrokEn" verlässt sich bis zum bitteren Ende auf göttlichen Beistand in Zeiten von Hunger, Sorge und Leid auf hoher See. "See there's no sunrising, but inside I'm free / Cause the lord will shine a light on me." Und durch den herrlichen Chor weist auch "When I need a friend" den Weg zu sakralen Stätten.
Im großartigen "Trouble in town" dominiert zunächst Guy Berrymans Bass, das Piano perlt nur ab und an dezent im Hintergrund. Dann ertönt der Mitschnitt einer Polizeikontrolle in Philadelphia. Und je deutlicher die Beamtenwillkür und der Alltagsrassismus des (inzwischen entlassenen) Ex-Cops in dieser Sequenz, umso stärker der instrumentale Groll. So viel Rock war im Coldplay-Kosmos lange nicht mehr. Wenn auch nur für eine kurze Phase, denn am Ende des Stücks singen Kinder und pocht der Herzschlagbass. Coldplay experimentieren auf "Everyday life" in multipler Hinsicht. Man muss sich vor Augen führen, dass wir hier immer noch von den Pop-Euphorikern Coldplay reden, die nun ein offenkundig unfertiges Demo auf ihr Studioalbum packen. "Wonder of the world / Power of the people" ist auf der Tracklist nur als "WOTW / POTP" vermerkt, wie ein Arbeitstitel, dessen finale Verwendung noch nicht sicher war – und doch harmonieren die hintergründigen Street- und Field-Recordings mit dem Übungssingsang, zumal sie galant ins Highlight "Arabesque" überleiten.
Der Song mit den Kernbotschaften "We share the same blood" und "Music is the weapon of the future" stellt das wohl un- und außergewöhnlichste Stück der Bandhistorie dar. Stromae übernimmt einen französischen Gesangspart und gleich drei Generationen der Kuti-Familie finden sich hier versammelt. Neben einem Sample von Fela Kuti sorgen Sohn Femi samt Band und dessen Sohnemann Made für bläserlastigen, groovenden Jazz-Rock, der nach drei Minuten Freigeist in einem grandiosen Finale endet. Selten war Bombast bei Coldplay besser platziert. Bei "Guns" zählt Bob Dylan zu den gar nicht mal so fernen Referenzen. "Only save your look alikes and fuck the other ones / It is the opinion of this board that we need more guns."
"Orphans" wendet sich den direkten Vorgängeralben zu und sorgt erstmals für lange Gesichter. So ansprechend der Bass, so mittelprächtig die Umsetzung. Sicherlich muss nicht jede Flüchtlingsgeschichte in graue Molltöne gepackt werden. Der Wunsch des Mädchens nach Normalität, Heimat und dem Freundeskreis im Kern ist mehr als nachvollziehbar. Nur gehört Trunkenheit mit den Liebsten gewiss nicht zur prioritären Sehnsucht nach der Flucht und die lautmalerische Umsetzung von bombs mit "boom baboomboom" arbeitet eher dem flummihaften Poprahmen zu als der intendierten Grundaussage. Der schunkelnde Fifties-Doo-Wop "Cry cry cry" nimmt seine Inspiration aus Garnet Mimms And The Enchanters' Version von "Cry baby" und verdeutlicht, dass Coldplay mit "Everday life" nicht nur thematisch durch die Welt, sondern auch musikalisch durch die Jahrzehnte reisen. Dem Artwork beispielsweise liegt ein Bild zugrunde, dass die Band von Jonny Bucklands Uropa zeigt.
"Sunset" kann das hohe Niveau von "Sunrise" nicht ganz halten. In erster Linie, weil die Tracks, Fragmente und Skizzen in ihrer Anordnung keinen richtigen Fluss generieren. Dennoch birgt auch der zweite Teil gute Stücke. "Old friends" erinnert vom Picking ein wenig an Nick Drake, das aus dem Arabischen übernommene "بنی آدم", in Lautschrift "Bani Adam", zitiert nach klassischem Intro ein persisches Gedicht und "Champion of the world" huldigt dem verstorbenen Frightened-Rabbit-Sänger Scott Hutchison, indem Coldplay das Riff aus "Los Angeles be kind" von Hutchisons Seitenprojekt Owl John in neuen Kontext setzen. Nachdem "A head full of dreams" die gruselige Ballade "Amazing day" bescherte, schafft es Chris Martins honiggetränktes Organ zudem wieder, im rührenden Piano-Stück "Daddy" und dem Titelsong selbst mit simplen Aussagen unter die Haut zu kriechen. "Hold tight for everday life / And at first light throw my arms out open wide." Das ist der Stoff, aus dem Freunde sind. Die Frage ist: Lässt Du Dich darauf ein?
Highlights & Tracklist
Highlights
- Trouble in town
- Arabesque
Tracklist
- CD 1
- Sunrise
- Church
- Trouble in town
- BrokEn
- Daddy
- WOTW / POTP
- Arabesque
- When I need a friend
- CD 2
- Guns
- Orphans
- Èkó
- Cry cry cry
- Old friends
- بنی آدم
- Champion of the world
- Everday life
Im Forum kommentieren
MickHead
2024-06-30 21:22:06
"Arabesque" gestern beim Glastonbury Festival
https://youtu.be/6n_MblM-1-k?si=rLKK7ih5GygXoYTE
jo
2024-06-29 15:15:23
Ja, die hätten sie mal besser anstatt der von mir genannten aufs Album gepackt...
MickHead
2024-06-29 15:13:12
@Kalle Und dabei fehlt in deiner Auflistung noch Talk und Speed of Sound...
Und nicht die B-Seiten vergessen.
"Gravity" von Talk (Später ein Riesenhit von Embrace) und "Things I Don't Understand von Speed Of Sound .
https://youtu.be/iBy4QsOL_so?si=dA0Pkh2GdJiAOjV-
https://youtu.be/G2o5W--LhhA?si=zCBBjReQ0QCkc8k1
Otto Lenk
2024-06-29 14:06:43
Und dazu dieses Konzert in Jordanien:
https://www.youtube.com/watch?v=tO7CCP7liwI
jo
2024-06-29 12:06:33
Sehe ich auch so. Zumal ich solche Sachen wie "The Hardest Part" und "Swallowed in the Sea", auch den Closer, wirklich sehr langweilig fand und finde.
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