The Slow Show - Lust and learn

PIAS / Rough Trade
VÖ: 30.08.2019
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Lonely tunes

Was sagt uns das Coverbild des dritten Albums "Lust and learn" von The Slow Show? Ein Mensch steht vor einem imposanten Bergpanorama, die Hand zur vertraulichen Geste zur Seite ausgestreckt. Doch alles, was sich dort findet, ist ein dürftig gezeichnetes Strichmännchen oder -weibchen, welches diese ergreift. Ein Bildnis der Einsamkeit. Das Sehnen, das Verlangen nach jemandem, der nicht da ist oder nicht real. Und drumherum ist niemand, nur die kahle Natur. Dazu passt es, dass die Briten ihren Sound weiter skelettiert haben, noch mehr Leerstellen als schon auf "Dream darling" zulassen. Wenn Rob Goodwins gewohnt tiefe und gleichsam krächzende Vocals in "Eye to eye" zum ersten Mal an die Ohrmuschel dringen, sind sie seltsam weit nach vorne gemischt. Auch er steht in diesem Moment allein im Raum.

Nimmt man das Intro "Amend" mit in die Betrachtung, probt die Truppe rund vier Minuten lang eine ausladende, instrumentale Eröffnung. "Lust and learn" zeigt sich bereits hier zerrissen zwischen einer Reduktion aufs Spartanische und einer temporär opulenten Orchestrierung und das Stützen auf sakral anmutende Chorbegleitung, die immer wieder die Stücke ausschmückt. So pendelt "Low" immer wieder zwischen intimer Klavierbegleitung und vollmundigem Pathos. Goodwin leidet natürlich auch weiterhin: "Believe me when I say / That love's a loser's game." Seine Lyrics sind einfach gehalten – man mag sie durchaus auch als klischeehaft bezeichnen –, doch sie zeigen an den richtigen Stellen ihre Wirkung.

Selten sind die Songs so geradlinig wie das vergleichsweise energische "Hard to hide", in welchem die Frage "Darling, won't you help me out?" mit Nachdruck in einen melodischen Wohlfühl-Refrain mündet. Die erste Single "Sharp scratch" zieht sich beispielsweise weit zurück ins Innere. Das Schlagzeug streichelt mehr als dass es schlägt, die Gitarre verhallt einsam zwischen den fragmentarisch gehaltenen Textzeilen: "Sharp scratch and blood will come." In all dieser Isolation irritiert es dann beinahe, wenn die Backingvocals des recht poppig gehaltenen "St. Louis" mit den Worten "Everytime that you break my heart I smile" die Melodie von Kate Nashs Hit "Foundations" nachzeichnen, wie ein Störenfried in all dieser Isolation.

Für die Gesamtheit von "Lust and learn" braucht man eine hohe Toleranzgrenze für Selbstmitleid, Bedeutungsschwangerschaft und Pathos, keine Frage. Bis der in jeglicher Hinsicht grandiose Abschluss "Places to go" durch ist, hat man viel von "hurt" und "break" und "blood" gehört, ist von Violinen, Pianos und Kehlen getröstet worden und hat einmal das Tal der Einsamkeit durchschritten. Doch emotional geben die Stücke viel zurück. The Slow Show haben längst ihre eigene kleine Nische ausgehöhlt, die sie auch auf "Lust and learn" mit Bewegtheit füllen. "Nothing stays the same / No one else to blame" stimmt also nur halbwegs. Und "Darling, you've changed" auch nicht so recht. Das ist gut so.

(Felix Heinecker)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Eye to eye
  • Hard to hide
  • Places you go

Tracklist

  1. Amend
  2. Eye to eye
  3. Low
  4. Hard to hide
  5. St. Louis
  6. Loser's game
  7. Breath:Air
  8. The fall
  9. Vagabond
  10. Sharp scratch
  11. Exit wounds
  12. Places you go
Gesamtspielzeit: 46:22 min

Im Forum kommentieren

MasterOfDisaster69

2019-11-04 11:54:06

sorry, Wertung vertauscht:
Oktober-Maerz: 7-8/10
April-September: 4-5/10

MasterOfDisaster69

2019-11-04 11:51:45

und die Kirchenchöre? stoeren jetzt auch nicht mehr? ach so, is ja bald 1.Advent...

Wertung:
April-September: 7-8/10
Oktober-Maerz: 4-5/10

musie

2019-10-03 12:51:30

Jetzt hat mich das Album doch noch gepackt.. Der September war noch zu warm aber jetzt in den kühleren Zeiten wärmt das Album umso mehr.. Sehr kompakt, durchwegs auf hohem Niveau.

Pivo

2019-10-01 10:25:16

Nachdem ich mich jetzt mit einigen Hördurchgängen des Albums schmücken kann muss ich meinen Hut ziehen. Es ist einfach ein sehr stimmiges Werk. Sehr angenehm und ruhig aber für die aktuelle herbstliche Grundstimmung genau das Richtige für mich.

Ich finde ein Album immer dann super wenn es keine unnötigen Längen hat und wenig bis keine "Ausfälle" oder Lückfüller vorkommen.

"Lust and Learn" ist so ein Album für mich. Ein oder zwei Songs sind "nur" gut, aber der Rest in jedem Fall darüber. Schade ist nur, dass meine zwei Highlightsongs "Low" und "Places you go" ein wenig zu schnell zu Ende gehen. Da hätte es ruhig noch einen pathetischen Ausbruch am Ende geben dürfen bzw. die bestehenden etwas länger dauern. DAs ist aber Jammern auf gehobenem Niveau.... 8+/10

myx

2019-09-17 11:20:05

Freut mich, Pivo, dass du Feuer gefangen hast, und ich wünsche dir viel Spass mit The Slow Show!

Sollte dich die Musik wirklich durchgängig packen, kann ich übrigens einen Konzertbesuch nur wärmstens empfehlen. Live ist die Band aus Manchester nochmals ne andere Hausnummer. Dann stimmen musikalisches Pathos und hautnahes, intensives Live-Erlebnis vollkommen überein und ein Gänsehaut-Moment jagt - so ist es zumindest bei mir - den nächsten. :)

Im Oktober geben sie 6 Deutschland-Konzerte, die Daten finden sich auf S. 1 dieses Threads. Wollte ich nur nochmals drauf hinweisen. ;)

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